Royales Ende der 23. Mosbacher Buchwochen: Was wäre die Kunst ohne Adaption?
Von Peter Lahr
Mosbach. "Es gibt zwei Möglichkeiten, so einen Abend anzufangen. Mit einem starken Gag oder mit einer Lüge." Friedemann Weise, der Kölner Neo-Dadaist auf Helge Schneiders Katzennonsenssamtpfotenspuren, beendete am Freitagabend die 23. Mosbacher Buchwochen mit einem Blick auf "Die Welt aus der Sicht von schräg hinten". Bei seinem Auftritt im Kultur- und Begegnungszentrum "fideljo" hatte er gleich ein mathematisches Problem zu lösen: "Der Abend ist für 180 Gäste konzipiert, da muss jetzt jeder für eineinhalb Leute Stimmung machen." Quod erat demonstrandum.
"Das Schöne an Kleinkunst: Die Leute sind immer total nett zu einem - und hoffen noch auf den großen Durchbruch." Und das schöne an Friedemann Weise: Der Mann mit dem bezeichnenden Namen verbindet große Gesten mit großem Nonsens und garniert das fein um die Ecke Gedachte mit einem Klacks Größenwahn. Bezeichnet sich sogar als "King of understatement." "Premiumquatsch" nennt es Weise auf dem Buchcover, das aber inhaltlich nur selten an dem "bunten Abend mit Diaschau, Gesang und Tanz" andockt.
Ganz charmant plaudert der Mann im stilechten 80er-Jahre-Kleiderkammer-Outfit vor sich hin, stets leicht verdreht und etwas verzögert wirkt er - als warte er darauf, dass ein Ufo unter der neu entdeckten Pyramide auf der Bühne landet und ihn mitnimmt in die Weiten des Fantasialandes. "Ich bin von der Realität des Liedes eingeholt worden. Das passiert nicht jedem." Was sich nach Triumph anhört, wird im nächsten Moment zum GAU. Denn das Lied handelt von "Auftritten tief in der Provinz, mit einstelligen Besucherzahlen." Und es hat den mitsingfreundlichen Refrain: "Mal isch der Bär los, mal war geschtern mehr los."
Dass er mit offenen Augen durch deutsche Fußgängerzonen und Bahnhöfe marschiert, belegt eine skurril-groteske Fotogalerie. Weise besucht das Grab der Familie Over und kommentiert seltsame Sehhilfen und progressive Graffitiverbote. Auch das Konterfei von Peter Maffay nützt ihm als Standbild, um damit die langweiligen Spiegel-Online-News aufzupeppen. Denn als Illustration zu der Frage "Was wurde aus Lotti, der Alligator-Schildkröte?" eignet sich das Porträt des Altrockers ebenso witzig wie zu der Nachricht "Russische Holzskulptur ist 11.000 Jahre alt."
Apropos elf. Weniges bringt Friedemann Weise in Harnisch. Aber der Satz "Mach’s doch erst mal besser!", den kann er nicht mehr hören - und wendet ihn zielsicher böse auf 9/11 an. "War ja der Horror, aber…" Humor darf auch wehtun. Doch Weise erkennt bald den Publikumsgeschmack und zieht die Notbremse: "Keine Tote-Oma-Witze, dann wird’s knapp." Trotzdem: Humor darf auch die grauen Zellen fordern. Oder wie will man mit dem Satz "Was wäre die Kunst ohne Adaption?" umgehen? Erster Rat des Schelms: "In der Pause googeln."
Der Zeit voraus erscheint Weise, als er nach der Pause eine angebliche Kritik seines Mosbacher Auftritts aus der Sakkotasche zaubert, welche "die Konkurrenz" bereits vor seinem Auftritt in Druck gegeben habe. Genüsslich liest er das dreiste Plagiat, den miesen Verriss, der die gesamte Klaviatur des Bösen beherrscht. Womit ausnahmsweise nicht die Klavierkünste des Blödelbarden gemeint sind, der sich sehr verstellen muss, um so schräg-grotesk in die Tasten zu hauen. An der Gitarre kennt er immerhin die großen Starposen, mit denen er sogar die fideljo-Bühne zum Quietschen bringt.
Als schaurig-schöne Zugabe teilt Friedemann Weise das Publikum in einen "Uh"- und einen "Yeah"-Chor auf. Und dann liest er - passend zum bundesweiten Tag des Vorlesens - auch noch aus seinem Buch vor. "Wer gerne schläft, ist besser im Bett", tastet er sich heran an den finalen Lacher. Endlich kommt er - ausgerechnet bei der Erkenntnis: "Ungesättigte Fette sind am Buffet nicht gern gesehen." Friedemann Weise aber schon. Und auf der Bühne noch viel fetter!
