Vortrag zum Grundeinkommen in Sinsheim: "Wir brauchen eine Steuerrevolution"
Von Roland Karle
Sinsheim. Keine heulenden Gesichter, keine schwarzen Anzüge, keine schlechte Stimmung. Auch die beiden Grabredner sind gut drauf. Immer wieder streuen sie lächelnd einen kleinen Scherz ein. Die Mimik passt so gar nicht zur Tragik, die Marc Friedrich und Matthias Weik in Sätze packen wie: "Es gibt keine Lösung, der Crash ist unvermeidlich." Vor fünf Jahren waren die zwei Schwaben noch unbekannte Finanzberater.
Vier Bücher später sind sie gefragte Bestseller-Autoren und Vortragsreisende, die es schaffen, komplizierte Themen verständlich zu machen - und trotz Krisendiagnose heiter zu bleiben. "Der größte Raubzug der Geschichte", hieß ihr Erstling, es folgten "Der Crash ist die Lösung" und "Kapitalfehler" sowie aktuell "Sonst knallt’s", das sie zusammen mit Götz Werner, dem Gründer der Drogeriemarkt-Kette DM, geschrieben haben. Am Donnerstag, 23. November, um 20 Uhr kommt das Trio auf Einladung der VHS in die Sporthalle der Carl-Orff-Schule Sinsheim.
Sie werden darlegen, "warum wir Wirtschaft und Politik radikal neu denken müssen" und weshalb sie sich für das bedingungslose Grundeinkommen stark machen. Vorab sprach die RNZ mit den Autoren.
Sie prophezeien seit Jahren, dass ein Crash an den Finanzmärkten bevorsteht, während die hiesige Wirtschaft immer weiter boomt. Haben Sie sich geirrt, oder hat sich die Krise nur schlafen gelegt?
Marc Friedrich: Die Krise ist ja gegenwärtig: Trump, Brexit, Nullzinsphase. Mehr als zwei Billionen Euro hat die EZB bislang in ein nachweislich unwirksames Aufkaufprogramm gesteckt. Griechenland, Italien, Spanien stehen vor der Pleite. Deutschland zahlt trotz sprudelnder Steuereinnahmen keinen Cent Schulden zurück - wie sollen die krisengeplagten Länder das je hinkriegen?
Matthias Weik: Leider sind viele unserer Prognosen schon eingetroffen. Schulden wurden durch neue Schulden bezahlt, der Crash dadurch in die Zukunft verschoben. Der Euro wird spätestens in drei bis fünf Jahren passé sein.
Wenn Sie allein entscheiden könnten: Was würden Sie morgen ändern?
Friedrich: Ich würde unser Geldsystem in der bisherigen Form abschaffen, den Euro geordnet auflösen und eine Schuldenkonferenz einberufen.
Wollen Sie uns mit Ihrem Buch in Alarmstimmung versetzen?
Weik: Wir verstehen das als Weckruf. Es ist höchste Zeit, dass ein Umdenken in Politik und Wirtschaft stattfindet. Wir müssen die Finanzwelt knallhart regulieren, wir brauchen eine globale Steuerreform und werden um die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens nicht herumkommen.
Ein Konzept, für das sich der Unternehmer Götz Werner schon seit vielen Jahren starkmacht.
Friedrich: Wir waren skeptisch, doch sowohl Herr Werner als auch eigene Recherchen haben uns überzeugt, dass die Einführung eines Grundeinkommens unumgänglich ist. Immer mehr Menschen und auch hochrangige Wirtschaftsvertreter wie Siemens-Chef Joe Kaeser, Telekom-Boss Timotheus Höttges, SAP-Vorstand Bernd Leukert und Tesla-Gründer Elon Musk plädieren dafür.
Weik: Durch die Digitalisierung - Stichwort: Industrie 4.0 - werden enorm viele Jobs wegfallen, das haben viele noch gar nicht realisiert. Sogar die UN geht davon aus, dass 50 bis 75 Prozent aller Arbeitsplätze automatisiert und durch Roboter ersetzt werden.
Und ein Grundeinkommen ist die Lösung?
Friedrich: Nicht die alleinige, aber Teil einer Steuerrevolution, die wir in unserem Buch fordern und beschreiben. Sprich: Alle Steuern abschaffen, bis auf eine: die Konsumsteuer. Das ist die einzig gerechte Art der Besteuerung.
Wird Ihr Vorschlag eine Idee bleiben oder glauben Sie an deren Umsetzung?
Weik: Unsere Eliten in Wirtschaft und Politik profitieren vom bestehenden System, sie scheuen grundlegende Veränderungen, auch wenn sie oft so naheliegend und logisch sind. Aber wir finden es wichtig, eine Diskussion in Gang zu bringen, Probleme zu benennen und Lösungen aufzuzeigen. Da lassen wir nicht locker.
