Vortrag in Hirschberg-Leutershausen: Wie ein christlicher Mystiker Gelassenheit erfand
Von Anja Stepic
Hirschberg-Leutershausen. Ein berühmter Theologe hat einmal gesagt: "Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein. Einer, der etwas erfahren hat." Jene Mystik, die Suche nach dem Erleben göttlicher Gegenwart, ist ein ganz wesentliches Element in unterschiedlichen Religionen - nicht nur im Christentum, auch im Judentum, im Islam und im Buddhismus. Einer der wichtigsten Mystiker des Christentums war Meister Eckhart, der im 13. Jahrhundert lebte. Um ihn und sein Verständnis von Gott ging es am Freitag bei einem überaus gut besuchten Vortrag von Reiner Manstetten.
Auf Einladung des Arbeitskreises Ehemalige Synagoge gab der Lehrer für christliche Kontemplation und Dozent am Philosophischen Seminar Heidelberg in der Alten Synagoge Einblicke in das Denken des Meister Eckhart, das vor dem Hintergrund spätmittelalterlicher politischer und religiöser Umbruchprozesse zu verstehen ist. Als Mitglied des Dominikaner-Ordens und Gelehrter setzte sich Eckhart stark mit der griechischen Philosophie und dem arabischen, aber auch dem jüdischen Denken auseinander. "Wenn man heute über Mystik liest, dann geht es oft um Ekstase oder esoterische Erlebnisse, aber das meint Eckhart nicht", sagte Manstetten.
Mit seinen pragmatischen Predigten wollte Eckhart die Menschen zu einer spirituellen Lebenspraxis und damit zu Gott zu führen. Leider nicht immer im Sinne der damaligen Kurie, weshalb er am Ende als Ketzer verurteilt wurde. Eckhart selbst hat sich nie als Häretiker verstanden, sondern ganz entschieden als Christ. Aufsehen erregte aber sein Gottesverständnis im Sinne der "negativen Theologie", die Gott nicht als Schöpfer aller Existenz sieht, sondern als ein Geheimnis jenseits von Sein und Nichtsein, das in keine beschreibenden Worte zu fassen ist, sondern nur im eigenen Seelengrund zu erspüren ist.
Eckhart hat einmal gesagt, man müsse nur einen Satz richtig verstehen, dann habe man alles verstanden: "Sein ist Gott". Der Irrtum liege oft darin, Gott woanders zu suchen als in sich selbst. "Gott und ich, wir sind eins": Aus dieser Erfahrung entspringt auch Eckharts Verständnis des Jesus von Nazareth, der gekommen sei, um den Menschen zu zeigen, was sie in Wahrheit alle sind: Töchter und Söhne Gottes. "Es geht Eckhart darum, Christus in sich selbst zu entdecken", erklärte Manstetten. Für eine solche Öffnung nach innen brauche es eine Haltung, die Eckhart Gelassenheit nennt und damit der deutschen Sprache ein bislang unbekanntes Wort schenkt.
Heute bedeutet Gelassenheit, sich von nichts aufregen zu lassen. Eckhart meinte damit einen Prozess zunehmenden Loslassens. "Wann immer ein Unfriede in Dir entsteht, fange bei Dir selbst an", sagt er und meinte damit, nichts in äußeren Dingen zu suchen. Die beste Übung für Gelassenheit sei die, das Leiden, das für einen bestimmt ist, anzunehmen und zu akzeptieren.
Den Weg zu Gott sah Eckhart im "kontemplativen Gebet", einem Gebet ohne Bilder und Worte, entsprungen nur einem "ledigen Gemüt", sprich einem Bewusstsein, das frei ist von allen Wünschen, Gedanken und Trieben. Alle Sinne auf das Innere zu richten, eine vollkommene Ruhe zu finden und sich mit ihr zu vereinen - das sei Gott. Die von Eckhart propagierte Praxis des Stillwerdens, bei dem alle Gedanken zum Schweigen gebracht werden, um Gott im absoluten "Nichts" zu erfahren, erzielte nicht nur bei seinen Zeitgenossen starke Wirkung, sondern hatte auch für die Nachwelt eine nachhaltige Bedeutung.
Manstetten hat Parallelen zu Meister Eckhart auch im Zenbuddhismus und dessen praktischen Übungen gefunden. Ganz gleich, welcher Religion zugehörig - Gott zeigt sich dem, der ihn in sich selbst sucht.
