Tanja C. Vollmer bei der SRH: Gebäude können stressen oder heilen
Von Arndt Krödel
Heidelberg. "Architektur ist Ausdruck des Seelischen", sagt Tanja C. Vollmer. Architekturpsychologie ist das Gebiet, auf dem sie seit vielen Jahren forscht, in erster Linie im Hinblick auf Bauten im Gesundheitssektor. "Heilende Architektur" ist der Begriff, der hier eine Rolle spielt, in Deutschland aber im Gegensatz zu Ländern wie den Niederlanden oder Großbritannien als Disziplin noch Entwicklungsbedarf hat. Vollmer hat sich an das Bett von Patienten gesetzt und dabei immer wieder negative Raummetaphern gehört: Von "tiefen schwarzen Löchern" war da die Rede, von einengenden Mauern. Die Wahrnehmung des Raums scheint eine herausragende Bedeutung für die Befindlichkeit von Patienten zu haben.
"Wäre es nicht faszinierend, Krankenhäuser zu haben, die die Fähigkeit besitzen, dass wir schon beim Betreten eine Linderung dessen spüren, weswegen wir eigentlich in diese Häuser gekommen sind?", fragt die Gastprofessorin am Institut für Architektur der TU Berlin und Wissenschaftliche Direktorin des Architekturbüros Kopvol architecture & psychology in Rotterdam. Ihr Vortrag "Heilende Architektur - Wunsch oder Wirklichkeit?" war zugleich Thema der diesjährigen Bertha-Benz-Vorlesung, die seit 1987 jährlich von der Daimler und Benz- Stiftung veranstaltet wird und erstmals in der SRH-Hochschule Heidelberg stattfand. Für Vollmer sind es vor allem die psychologischen Prozesse, die die Zusammenhänge der heilenden Architektur erklären.
Wenn Krankenhauspatienten auf eine Mauer schauen, verbrauchen sie mehr Schmerzmittel und sind weniger pflegeleicht, zitiert sie eine Untersuchung. Wichtig für die Planung von Kliniken sollte also die Schaffung einer Perspektive sein, einer Weitsicht - die nicht unbedingt ins Grüne gehen muss. Krankheit verändert die Raumwahrnehmung, lautet die These der Wissenschaftlerin. Aus verschiedenen Gefühlen des Patienten wie Verletzlichkeit, Traurigkeit und Ängstlichkeit leiteten sich Raumbedürfnisse nach Wärme, Schutz oder Rückzug ab. Architektur kann ein Stressor sein: Die höchsten Stresswerte, so Vollmer, entstehen beim Warten. Wer auf dem Gang sitzt und wartet, büßt Privatheit ein. Es gibt keine Aussicht, keine Weitsicht, keine Perspektive. "Wir können nicht die Menschen, aber den Raum ändern", schlussfolgert die Architekturpsychologin und spricht von "Entstressung".
Als weitere Umgebungsvariable beim Krankenhausbau unbedingt zu berücksichtigen seien auch gute Orientierung, Geruch, Geräuschkulisse, Tageslicht und menschliches Maß. Vorbildlich im Sinne einer Fokussierung auf die Bedürfnisse der Patienten sind nach den Worten der Wissenschaftlerin die sogenannten Maggie Center in Großbritannien, benannt nach einer inzwischen verstorbenen Krebspatientin. Viele dieser psychosozialen Unterstützungszentren wurden von berühmten Architekten gebaut.
In Deutschland gibt es immerhin einen positiven Ansatz: So hat das Land Baden-Württemberg als erstes einem Katalog von Kriterien für heilende Architektur in einem europaweit ausgeschriebenen Architekturwettbewerb zugestimmt. Ein Ergebnis ist der Neubau der Universitäts-Kinder- und Jugendklinik in Freiburg, bezugsfertig in zwei bis drei Jahren. Hier wurden die Forschungsergebnisse von Vollmer umgesetzt.
