Online-Petition fordert "G9 -jetzt": Heidelberger sammeln 25.000 Stimmen
Von Sören S. Sgries
Heidelberg/Stuttgart. Vor rund einem Jahr hat Anja Plesch-Krubner beschlossen, dass es mit dem "Turbo-Abi" so nicht weitergehen dürfe. Also gründete die Heidelbergerin mit ihrer Mitstreiterin Corinna Fellner die Elterninitiative "G 9 - jetzt!".
Seit dem Frühjahr wurden auch mit einer Online-Petition Stimmen gesammelt. Erfolgreich. Mit dem Rückhalt von 25.000 Unterschriften präsentierten sie am Donnerstag in Stuttgart ihre Forderungen.
Frau Plesch-Krubner, Sie haben in Stuttgart Ihren ersten Erfolg präsentiert: 25.000 Stimmen für G9. Ein Rückhalt, der Sie zufrieden macht?
Wir gehen davon aus, dass eine Mehrzahl der Eltern, über 80 Prozent, sich eine Rückkehr zu G9 wünschen. Das haben mehrere Umfragen in Deutschland ergeben. Und die Eltern, die wir im Alltag, bei Elternabenden treffen, die wünschen sich das ganz bestimmt. Wir hoffen, dass wir noch mehr Unterschriften bekommen: Die Zahl "Quorum mal X" würde unserer Forderung weiteren Nachdruck verleihen.
Das Stuttgarter Kultusministerium rechnet dagegen: 300.000 Gymnasiasten gebe es im Land, 25.000 Unterschriften sind da eine deutliche Minderheit. Machen Sie Stimmung in einer "Anti-G8-Blase"?
Nein. Das Gefühl habe ich überhaupt gar nicht. Wir sind zwei Mütter, die diese Initiative ins Leben gerufen haben. Wir haben kein Netzwerk, wir haben keine Gelder. Wir haben aber innerhalb von sechs Wochen das Quorum geschafft. Die aktuell 25.000 Stimmen sind die Spitze des Eisbergs. Hinter dem Anliegen stehen aber viel mehr.
Es gibt ja andere Möglichkeiten, "langsamer" zum Abitur zu kommen: über die beruflichen Gymnasien.
Das ist für uns keine akzeptable Alternative für klar gymnasial empfohlene Kinder. Es hat sich gezeigt - und da gibt es eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2016 -, dass allgemeinbildende Gymnasien die beste Grundlage liefern für ein Studium. Das kann man zum Beispiel an den Studien-Abbrecherquoten sehen. Ich finde es unlauter von der Politik, zu sagen, wer in neun Jahren zum Abitur wolle, der könne doch über die beruflichen Gymnasien gehen. Diese sind wichtig, insbesondere für Realschüler, die später ihr Abitur machen möchten. Aber die Abschlüsse sind nur formal gleichwertig, nicht inhaltlich.
Wie meinen Sie das?
Wer sechs Jahre lang auf Realschulniveau unterrichtet wird, bekommt nicht die gleiche breite Allgemeinbildung wie der Schüler am Gymnasium. Zudem unterscheiden sich die beruflichen Gymnasien unter anderem im Lehrplan, zum Beispiel bei der Lerndauer der zweiten Fremdsprache, bei der Abiturprüfung und der Notengebung von den allgemeinbildenden.
Welche Rolle spielt für Sie das Thema Stress, das Thema Freizeit?
Unser erstes und wichtigstes Argument ist die Qualität: Schüler brauchen Zeit für Bildung, um zu lernen, um zu üben. Wir wollen uns nicht von Ministerin Eisenmann sagen lassen: "Wer es leichter haben will, der soll halt nicht aufs Gymnasium." Darum geht es nicht. Freizeit spielt aber durchaus eine Rolle. Für die Persönlichkeitsentwicklung ist auch das außerschulische Lernen sehr wichtig. Das geht aber nicht, wenn die Kinder ab der Mittelstufe getaktet sind wie kleine Manager.
Das Kultusministerium sieht keine positiven Aspekte einer Rückkehr zu G9, aber jährliche Zusatzkosten von 50 Millionen Euro. Ist es das wert?
Diese Kosten würden wir gerne aufgeschlüsselt sehen, aber bei der Bildung unserer Kinder darf man nicht sparen. Und es ärgert mich, dass sich niemand schützend vor unsere Kinder stellt. Kreativität, Innovation, das kann sich nur in Freiräumen entwickelt. Davon profitiert unser Land auch langfristig. Und die Arbeitnehmer von morgen brauchen auch ein stabiles Fundament, um psychisch belastbar und leistungsfähig zu sein. Jetzt haben wir aber gestresste Kinder, die schon zur Magenspiegelung müssen. Die Rechnung geht zu kurz. Außerdem würde man die wegen fachlicher Defizite mittlerweile nötigen Vorsemester an den Unis wieder einsparen. Und ein Jahr Studium ist für den Steuerzahler wesentlich teurer als ein Jahr Schule.
Aber es werden auf einen Schlag wieder mehr Lehrer gebraucht?
Nicht unbedingt. Es werden zunächst mal Deputate frei, weil die Schüler nicht mehr 36, sondern 30 Wochenstunden haben. Dadurch werden Ressourcen frei. Und bei den Lehrmitteln geht es vor allem um kosmetische Probleme: Es spricht doch nichts dagegen, dass Schüler dann halt mit einem Buch in der 9. Klasse arbeiten, auf dem 8. Klasse vorne drauf steht.
