Physiotherapieschule Heidelberg: Erst Krise, jetzt Feierstimmung
Von Anica Edinger
Heidelberg. Fast ein Jahr lang zitterten sie um ihre Zukunft - am 10. März 2015 kam schließlich die erlösende Nachricht: Die Schule für Physiotherapie der Akademie für Gesundheitsberufe in Schlierbach bleibt bestehen. Das beschloss der Aufsichtsrat des Universitätsklinikums nach langer Ungewissheit - und nach dem Kampf von engagierten Schülern und Lehrern.
Heute, mehr als drei Jahre später, blickt Schulleiterin Barbara Suppé auf diese Krise zurück - und kann Aufatmen. Schließlich wurde ihre Schule nicht nur gerettet - sie feiert in diesem Jahr auch ihr 75-jähriges Bestehen am Standort in Schlierbach. Zum Fest gab es ein großes Jubiläums-Symposium. Mit der RNZ sprach Suppé, die die Schule seit 23 Jahren leitet, darüber, was sich in den letzten 75 Jahren verändert hat, was sich in Zukunft in der Physiotherapie ändern sollte - und wieso angehende Physiotherapeuten eine hervorragende Haltung haben.
Frau Suppé, Ihre Schule stand kurz vor dem Aus. Jetzt können Sie den 75. Geburtstag feiern. Sind Sie glücklich?
Ich bin maximal froh, dass es uns noch gibt. Mehr noch: Wir sind gestärkt aus diesem tiefen Tal herausgekommen. Es hat uns als Team dazu geführt, noch stärker zusammenzuhalten. Wir haben das gut hingekriegt.
Geld spielte während der Diskussion immer eine große Rolle. Nach der Entscheidung zum Fortbestand der Schule hieß es, man könne nun keine Luxus-Ausbildung mehr anbieten. Was hat sich verändert?
Es war nie "Luxus" - aber früher konnten wir auch die Lehre am Krankenbett selbst durchführen. Die Qualität ist zwar weiterhin hervorragend - wir sind nun aber auf Unterstützung der Kollegen vor Ort, also der Physiotherapeuten der Uniklinik, angewiesen. Denn anstatt acht Lehrer-Stellen für gut 60 Schüler habe ich aktuell noch 4,5. Der Schüler-Lehrer-Schlüssel hat sich also formal verschlechtert. Doch die Kooperation mit der Uniklinik läuft gut. Viele Kollegen haben eine Praxisanleiter-Weiterbildung gemacht und unterrichten nun auch bei uns.
Sind die Schülerzahlen trotz Krise in den vergangenen Jahren konstant geblieben?
Die Nachfrage bei uns ist nach wie vor sehr hoch. Wir haben gut 200 Bewerber pro Jahr und nehmen zwischen 18 und 24 Schüler an. Und wir haben Glück: Bei uns bewerben sich tolle Leute, oft mit sehr gutem Abitur, Ausland- und Arbeitserfahrungen in sozialen Projekten. Allerdings muss man auch sagen, dass es aus der Langzeitperspektive heraus gesehen einen Abwärtstrend gibt: Als ich vor 23 Jahren angefangen habe, hatten wir auch mal 800 Bewerbungen.
Was hat sich geändert?
Viel mehr Jugendliche machen Abitur - und wollen dann auch studieren. Und generell betrifft auch uns der viel beklagte Fachkräftemangel. Und: Der Verdienst als Physiotherapeut ist schlecht. Das Geld reicht nicht aus, um eine Familie zu versorgen. Auch die Selbstständigen klagen. Die Kassen zahlen zu wenig - im Schnitt etwa 20 Euro für die Behandlung. Das ist bedauerlich - und es muss sich dringend ändern.
Welche Veränderungen schlagen Sie vor?
Es wird Zeit, dass auch für den Physiotherapeuten das Prinzip des "direct access" gilt. Das heißt: Die Patienten gehen zum Therapeuten, er untersucht sie, stellt eine Diagnose und entscheidet, ob eine Therapie gemacht oder an einen Arzt verwiesen wird.
Was würde sich dadurch verbessern?
Der größte Vorteil für Patienten wäre sicherlich der schnellere Zugang zu einer physiotherapeutischen Leistung. Der Direktzugang erhöht zudem die Eigenverantwortlichkeit und die Professionalität des Berufsstandes, da die Physiotherapeuten fortan unabhängig über das Patientenmanagement entscheiden können. Eine Studie konnte zeigen, dass sich Physiotherapeuten und Ärzte in ihrer Fähigkeit, Patienten mit orthopädischen Problemen zu diagnostizieren, nicht unterschieden. Auch unterschieden sich die Patienten nicht bezüglich ihres Behandlungsergebnisses. Und vermutlich wird der "direct access" auch eine Kostenersparnis mit sich bringen.
Und weshalb wird das Prinzip dann noch nicht angewandt?
Leider gibt es immer noch Ärzte, die Ressentiments gegenüber Physiotherapeuten haben. Und am Ende ist es eben so, dass die Ärzte eine stärkere Lobby haben. Ich mache mich dafür stark, dass wir gemeinsam lernen, was unsere Fähigkeiten sind. Ärzte und Physiotherapeuten arbeiten in verschiedenen Tätigkeitsfeldern - und jeder muss für sich erkennen, wann seine Kunst aufhört.
Sie bezeichnen Physiotherapie als Kunst. Wie meinen Sie das?
Physiotherapie ist Arbeiten mit allen Sinnen. Sie brauchen aufmerksame Augen, offene Ohren und ein feines Fingerspitzengefühl. Der Therapeut muss spüren, wo im Körper etwas nicht richtig läuft. Er muss sich ins Gewebe einfühlen, aber auch in den Patienten als Persönlichkeit. Es gilt, herauszufiltern, was der Patient möchte, ein Gleichgewicht finden. Schließlich ist auch das ganze Leben eine Gleichgewichtsreaktion. Nehmen wir die Haltung. Hat ein Patient eine sogenannte schlechte Haltung, nutzt ein Pieks in den Rücken nichts. Aufrichtung beginnt bei den Füßen. Oft sitzen auch Schüler bei uns am Anfang der Ausbildung krumm da, das ändert sich dann.
Alle ihre Schüler haben also eine hervorragende Haltung?
Ich schätze mal 85 Prozent. Das gehört einfach dazu.
Was muss ein guter Physiotherapeut denn mitbringen für diesen Beruf - abgesehen von der ausgezeichneten Haltung?
Er muss gut beobachten können. Und was er beobachtet hat, muss er mit seinem Fachwissen abgleichen. Medizinische und funktionelle Zusammenhänge müssen erkannt werden. Natürlich gehören aber auch Einfühlungsvermögen und Kommunikationskompetenzen dazu. Physiotherapeuten müssen ihre Patienten anleiten können oder sie beispielsweise am Arbeitsplatz oder beim Sport beraten - denn das spielt heutzutage eine bedeutendere Rolle als früher.
Inwiefern?
Inhaltlich hat sich jede Menge verändert im Vergleich zu den Anfängen. Früher lag der Schwerpunkt deutlich in der Gymnastik - daher kam auch der Name Krankengymnastik. Es war eine Art Reparaturmedizin. Heute wählt man einen anderen Ansatz: Therapeut und Patient planen gemeinsam die Therapie. Eine Behandlung von Strukturen und Funktionen dient der Vorbereitung auf Aktivitäten der Patienten. Der Therapeut unterstützt ihn dabei, "er"-findet Übungen und passt diese individuell an. Wenn der Patient heute nach der dritten Behandlung immer noch auf dem Bauch liegt, macht die Therapeutin etwas falsch.
