Zukunft der Autoindustrie: Transformation! By desaster oder by Design?
Von Harald Berlinghof
Mannheim. Das Elektroauto wird kommen. Vielleicht auch das mit der Brennstoffzelle im Heck. Das Auto der Zukunft wird vermutlich auch autonom fahren. Parallel beginnt das Automobil, seine Bedeutung als Statussymbol zu verlieren. Es ist heute nicht mehr ungewöhnlich, dass Jugendliche gar keinen Führerschein besitzen.
Noch vor einem halben Jahrhundert war das die Ausnahme. Außerdem wird das Auto in Zukunft nicht mehr einen einzigen Besitzer haben, sondern in vielen Fällen innerhalb eines Verleihsystems vielen Nutzern zur Verfügung stehen.
Die Rahmenbedingungen für das Auto sind in heftige Bewegung geraten. Mit der "Zukunft der deutschen Automobilindustrie" hat sich die Friedrich-Eber-Stiftung in einer Studie beschäftigt, die nun in Mannheim vorgestellt und unter anderem von Roman Zitzelsberger, IG Metall Bezirksleiter Baden-Württemberg, und dem Mannheimer Oberbürgermeister Peter Kurz auf dem Podium diskutiert wurde.
In diesem Wandel steckt freilich ein erhebliches Konfliktpotenzial. Immerhin sind in Deutschland etwa 820.000 Menschen in der Automobilindustrie beschäftigt, die 30 Prozent aller in Europa hergestellten Pkw bauen. Allein im Autoländle Baden-Württemberg waren es 2016 rund 240.000 Beschäftigte.
Erschwerend kommt hinzu, dass der deutschen Automobilindustrie der Ruf vorauseilt, bei alternativen Antriebsmodellen den Anschluss an die globalen Entwicklungen verpasst zu haben. Und so kommen zunehmend Befürchtungen auf, dass die deutschen Autobauer in ökonomische Schwierigkeiten geraten könnten - verstärkt durch einen Glaubwürdigkeitsverlust in Folge des Dieselskandals.
Doch ökonomische Probleme bedeuten praktisch immer den Verlust von Arbeitsplätzen. "Man rechnet mit einem Verlust von etwa 70.000 Arbeitsplätzen in Deutschland", so Zitzelsberger von der IG Metall. Angesichts der 820.000 Mitarbeiter scheine diese Zahl beherrschbar - "zumal auch viele neue Jobs entstehen werden."
Um die Auswirkungen des Transformationsprozesses zu minimieren, seien schrittweise Umstellungen geboten. "Ein sofortiges Setzen auf die Elektromobilität würde 600.000 Arbeitsplätze gefährden", zitiert die Studie den Verband der Automobilindustrie.
Aber es stelle sich auch die Frage: "Wie wollen wir in Zukunft leben?", so der Gewerkschafter. Und dazu gehört der Klimaschutz genauso wie der Schutz von Arbeitsplätzen, gehören auch die Umgestaltung von Innenstädten und die Neuverteilung des städtischen Raumes zwischen allen Verkehrsteilnehmern: von Fußgängern über Fahrradfahrer und den ÖPNV bis zum Auto.
"Die Rettung des Planeten und die gegenwärtige Entwicklung der Automobilindustrie gehen nicht kongruent", betont dazu Mannheims Oberbürgermeister Kurz in der Diskussionsrunde, zu der das Fritz-Erler-Forum und die Friedrich-Ebert-Stiftung ins Mannheimer Existenzgründerzentrum Mafinex eingeladen hatten. "Solche SUV-Apparate sind das Gegenteil der Rettung des Planeten", spricht Kurz die verfehlte Modellpolitik der Autohersteller an.
Allerdings würden die überdimensionierten Modelle ja gekauft. Da sei der Verbraucher gefragt. "Politik, Industrie, Verbraucher. Jeder hat sein Päckchen zu tragen", so der Mannheimer SPD-Landtagsabgeordnete Boris Weirauch.
In der Studie wird die Frage gestellt, ob eine Transformation der Branche "by desaster" bevorsteht, also eine Veränderung, in der man der Getriebene ist. Oder ob sich die vermutlich unumkehrbare Entwicklung in eine "Transformation by Design" abschwächen ließe, also in eine, die man mitgestaltet.
Als "rasante Transformation" wird in der Studie das bezeichnet, was die Mobilitätswirtschaft gerade durchläuft. Urbanisierung, Individualisierung, Nachhaltigkeit und Digitalisierung lauten die Schlagworte, die sich als Megatrends ausmachen lassen. In der Akzeptanz der deutschen Autos auf dem Weltmarkt spielen die technologische Innovation und die Kernmarke "Made in Germany" eine große Rolle.
Bezüglich der Innovationskraft wird die deutsche Autoindustrie von Kalifornien und China in die Zange genommen. Die Beschädigung des Labels "Made in Germany" hat man sich allerdings selbst zuzuschreiben.
