Weinheimer Wohnungslosenhilfe: "Wir stoßen an unsere Kapazitätsgrenzen"
Von Philipp Weber
Weinheim. Stefanie Edinger und Benjamin Weis kommen in den Tagen vor Weihnachten kaum zum Durchschnaufen. Die Fachberater in der Wohnungslosenhilfe der Caritas Rhein-Neckar bereiten aktuell das Weihnachtsfest für Wohnungslose und Bedürftige vor.
Gleichzeitig brauchen auch kurz vor Heiligabend Menschen das Beratungsangebot, weil ihnen die Obdachlosigkeit droht. Während die RNZ die beiden am Freitag in den Caritas-Räumen in der Paulstraße 2 interviewte, klopfte es bereits an die Tür: Die nächsten Klienten warteten schon.
Frau Edinger, Herr Weis, wie erleben Sie Jahr für Jahr das Weihnachtsfest mit wohnungslosen Menschen?
Weis: Wir bekommen oft die Rückmeldung, dass das Alleinsein an Heiligabend, dem Fest der Familie, eine schwierige Situation ist. Bei einigen der Betroffenen ist das System Familie leider sehr zerrüttet. Daher sind diese Menschen umso froher, wenn sie an diesem Tag zu uns kommen können.
Edinger: Die Leute finden hier ein wenig Geborgenheit, was ihnen sichtlich guttut.
Was passiert dann am Festtag?
Weis: Wir öffnen von 10 bis 15 Uhr die Pforten des Gemeindehauses von Herz Jesu. Zunächst gibt es Gebäck und Kaffee. Dann kochen Ehrenamtliche ein Mittagessen, dessen Zutaten die Firma Freudenberg spendet. Um 13 Uhr bekommen wir Besuch von Bürgermeister Torsten Fetzner, der auch mit den Leuten singen wird. Zum Abschluss spielt der Posaunenchor der Peterskirchengemeinde. Dann gibt es eine Bescherung - dank großzügiger Spender. Und vielleicht kommen auch noch Überraschungsgäste.
Edinger: Wir danken aber nicht nur den Spendern, sondern auch ausdrücklich allen ehrenamtlichen Helfern. Diese stellen an Heiligabend ihre eigenen Bedürfnisse zurück, um fremden Menschen ein schönes Fest zu bereiten.
Weis: Es geht übrigens auch nach 15 Uhr weiter: Das Hemsbacher Kino "Brennessel" bietet von 16 bis 22 Uhr ein Heiligabend-Kino an. Wer nicht mobil genug ist, um dorthin zu kommen, kann auf einen Shuttleservice zurückgreifen.
Von den Organisatoren anderer Solidaritätsaktionen wie dem Weinheimer Mittagstisch ist zu hören, dass die Nachfrage steigt. Können Sie das bestätigten?
Weis: Absolut. Wir sind 2017 an unsere Kapazitätsgrenzen gestoßen, als über 100 Menschen zur Heiligabend-Feier kamen. Dieses Jahr halten wir 112 Plätze vor. Aber auch bei der Beratung reißen die Rekorde leider nicht ab. 2017 hatten wir 285 Klienten, im laufenden Jahr haben wir diese Zahl bereits übertroffen, obwohl das Jahr noch nicht ganz rum ist. Während wir hier reden, warten Menschen, die obdachlos geworden sind, auf Beratung.
Wie leben solche Menschen bei dem miesen Wetter draußen?
Weis: Noch stehen sie ja nicht auf der Straße. Sie haben - wie viele Menschen, die die eigene Wohnung verlieren - einen guten Monat lang bei Bekannten gelebt. Dort geht es aber nicht mehr weiter. Nun müssen wir zusammen mit den Behörden nach einer Lösung suchen. Aber da Sie nach Menschen auf der Straße fragen: Wir rufen auch an eher milden Wintertagen wie diesem dazu auf, offensichtlich obdachlose Menschen anzusprechen oder zum Beispiel die Polizei auf deren Situation hinzuweisen. Niemand muss auf der Straße leben! Es gibt hier in Weinheim Räume, die Erfrierungsschutz bieten, auch für Durchreisende. Die Stadt Weinheim achtet außerdem darauf, dass das Angebot relativ niederschwellig bleibt.
Sie haben sich zuletzt an einer Protestaktion für bezahlbaren Wohnraum beteiligt. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen hohen Mietpreisen in der Stadt und der gestiegenen Nachfrage nach Ihrem Beratungsangebot?
Weis: Es war keine Protestaktion, jedenfalls nicht im engeren Sinne. Es ging uns darum, dafür zu sensibilisieren, dass das Problem der drohenden Wohnungslosigkeit zunehmend in die Mittelschicht drückt. Das hängt auch damit zusammen, dass die Sozialbehörden Miet-Limits vorgeben, die auf dem realen Wohnungsmarkt keine Entsprechung finden. Einem Alleinstehenden stehen zum Beispiel 330 Euro Kaltmiete zu. Nun gibt es hier in der Stadt aber gerade auf günstige Einzel-Appartements einen gewaltigen Bewerberdruck. Ein Mensch in schwieriger Lage, der dazu noch Schufa-Einträge hat, bekommt oft nicht einmal die Chance, sich dem Vermieter vorzustellen. Deshalb ist die Politik gefragt. Sie muss Lösungen anbieten, weil es der freie Markt nicht richten kann. Und es braucht Prävention, damit Menschen ihre Wohnung gar nicht erst verlieren.
Kommen viele Ihrer Klienten, wenn es schon zu spät ist?
Weis: Scheu und Scham spielen schon eine gewisse Rolle. Wir haben zuletzt versucht, gemeinsam mit verschiedenen Behörden daran zu arbeiten. Aber auch dort kommt man nicht schnell genug an die Leute heran, um sie zeitig zu uns zu schicken.
Edinger: Es sollte jetzt aber nicht so rüberkommen, als ob sich unsere Klienten erst auf den letzten Drücker mit ihrer Situation auseinandersetzen. Viele versuchen lange Zeit, auf eigene Faust eine neue Wohnung zu finden - und gehen dafür zum Teil auch weite Wege. Wenn sie dann zu uns kommen, sind sie dementsprechend desillusioniert. Anderen ist zunächst gar nicht klar, wie schwierig sich die Wohnungssuche in dieser Region gestaltet.
Weis: Allgemein gilt, dass es nicht den einen Weg in die Wohnungslosigkeit gibt. Manchmal ist der Verlust der Wohnung nur die Spitze des Eisbergs. Davor kann eine Scheidung stehen, eine psychische Erkrankung, ein Suchtproblem oder Schulden. Manchmal kommen diese Dinge hier in der Beratung dann nach und nach ans Licht. Dann stellt sich die Frage, wo wir gemeinsam anklopfen können. In Weinheim sind wir dank der "Sozialen Vielfalt" gut aufgestellt und vernetzt.
Haben Sie angesichts des angespannten Wohnungsmarkts überhaupt die Chance, Menschen zurück in den regulären Wohnungsmarkt zu vermitteln?
Weis: Der Weg wird länger. Das gilt auch bei Fällen, in denen dieser Weg nicht sofort in ein reguläres Mietverhältnis zurückführt, sondern zum Beispiel in ein ambulant betreutes Wohnen. Die Leute bleiben länger in unserer Zuständigkeit.
Edinger: Man muss großes Glück haben, um auf einen Vermieter zu treffen, der Herz hat - und seine Wohnung Menschen überlässt, die Hartz IV beziehen. Das ist schade, denn ein Vermieter kann sich auch bei einem Menschen mit regulärem Job nicht sicher sein, ob der nicht die Wohnung verwüstet. Es wäre schön, wenn Arbeitslose wenigstens die Chance hätten, mit Vermietern ins Gespräch zu kommen. Denn leider kann es jeden treffen, das sollte man sich immer vor Augen führen.
Weis: Die Wohnungseigentümer sollten wissen, dass wir als Wohnungslosenhilfe ansprechbar sind, wenn Probleme auftauchen. Natürlich können wir den Menschen auch nur bis vor die Stirn gucken; aber wir machen uns nicht vom Acker, sobald jemand wieder eine Wohnung hat.
