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2023

Karriere auf Umwegen: Vom "Schlag den Raab"-Millionär zum neuen Oberbürgermeister von Mainz – die ungewöhnliche Karriere des Nino Haase

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Nino Haase ist parteilos, will grüne Politik zum "Träumen" machen und führt nun eine der reichsten Städte Deutschlands an – wer ist der neue Mainzer Oberbürgermeister?

Mainz. Es war ein stolzer Moment, als Nino Haase zum ersten Mal die gewichtige Amtskette des Mainzer Oberbürgermeisters trug. "Es ist für mich ein unglaubliches Ereignis, das mich sehr berührt", sagte der gerade einmal 39 Jahre alte neue Stadtchef: "Ich gehe mit viel Demut, viel Zielstrebigkeit und viel Respekt in dieses Amt, und ich möchte den Menschen in Mainz ein nahbarer, überzeugender und überparteilicher Oberbürgermeister werden."

Es ist nicht weniger als eine Zeitenwende und ein politisches Erdbeben, das sich an diesem Mittwoch im Mainzer Stadtrat vollzog: Mit Nino Haase tritt erstmals seit 74 Jahren ein Parteiloser das Amt des Mainzer Oberbürgermeisters an – seit dem Zweiten Weltkrieg kannte die Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz nur Oberbürgermeister aus den Reihen der SPD.

Nino Haase mit der Amtskette des Bürgermeisters
© Gisela Kirschstein

Doch am 5. März fegte ein Polit-Quereinsteiger mit satten 63,6 Prozent auch den letzten Kandidaten einer etablierten Partei aus dem Rennen um das Amt des Mainzer OBs: Quer durch alle Parteien, ja durch die Bürgergesellschaft von Mainz hatten die Mainzer mit Zwei-Drittel-Mehrheit Nino Haase ihr Vertrauen geschenkt. Auf der Strecke blieben SPD und CDU, die im ersten Wahlgang lediglich noch auf rund 13 Prozent kamen, auf der Strecke blieb aber auch der letzte Gegenkandidat Haases, der Grüne Christian Viering.

Und das, obwohl in Mainz seit 2009 eine Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP regiert, in der die Grünen zuletzt sogar den stärksten Partner stellen. Trotzdem kam der Grünen-Kandidat auch in der Stichwahl nur auf 36,6 Prozent – es wurde ein Erdrutsch zugunsten Haases und eine Abkehr von den regierenden Parteien: Die Mainzer hatten am Ende der Ampel-Koalition eine veritable Ohrfeige verabreicht.

Sein Credo: "Es kann sich etwas ändern in der Stadt"

Notwendig wurde die OB-Wahl in Mainz durch einen überraschenden Wechsel: Amtsinhaber Michael Ebling (SPD) wurde im Oktober 2022 überraschend von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) zum Innenminister von Rheinland-Pfalz berufen – als Nachfolger des wegen der Flutkatastrophe im Ahrtal zurückgetretenen Roger Lewentz. Ebling war erst 2019 als Amtschef in Mainz für acht Jahre wiedergewählt worden, dass er nach nur drei Jahren die Flucht ergriff, nahmen ihm viele in Mainz übel.

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Für die SPD ist der Verlust der Landeshauptstadt nun ein massives Debakel, dass ausgerechnet ein parteiloser Quereinsteiger das Rennen macht, schmerzt die Sozialdemokraten noch mehr. Dabei hätten sie gewarnt sein müssen: Dass der 39 Jahre alte Diplom-Chemiker eine Kämpfernatur mit hohem Ehrgeiz und noch mehr kreativem Elan ist, hatten die Mainzer schon zweimal erlebt – und auch ein TV-Titan leidvoll erfahren müssen. Aber dazu später.

Es war im Herbst 2017, als Nino Haase auf der kommunalpolitischen Bühne in Mainz erschien: Die Bürgerinitiative Gutenberg Museum kämpfte gegen den "Bibelturm", einen geplanten Erweiterungsbau für das Weltmuseum der Druckkunst, der aber schlecht vorbereitet und überhaupt nicht durchfinanziert war – und auf vehemente Ablehnung der Mainzer stieß.

Nino Haase organisierte die erste Unterschriftensammlung, die gleich mal 13.500 Unterzeichner fand, entwickelte Alternativkonzepte und initiierte schließlich den ersten Bürgerentscheid in der Geschichte von Mainz: Im April 2018 kippten die Mainzer das Projekt Bibelturm mit überwältigenden 77 Prozent Ablehnung. "Es kann sich etwas ändern in der Stadt", das wurde die Erkenntnis des Polit-Neulings – und zu seinem Credo.

Drei Millionen Euro beim Billiard gewonnen

Geboren wurde Nino Haase am 14. April 1983 in Dresden – sechs Jahre vor dem Fall der Mauer. "Ich war der Staatsfeind", sagte seine Mutter Karina Döbert-Haase, eine Chemielaborantin, einmal trocken. Heute sitzt Döbert-Haase für die CDU im Stadtrat von Obertshausen, die Erfahrung von Unterdrückung und Diktatur im alten Ost-Deutschland haben sie, und auch ihren Sohn Nino tief geprägt.

Haase mit seiner Frau Many Haase, Referentin der Freien Wähler im rheinland-pfälzischen Landtag
© Gisela Kirschstein

1984 wurden Döbert-Haase und ihr Mann, ein Ingenieur, von der DDR ausgebürgert, nachdem sie einen Ausreiseantrag gestellt hatten: "Das System schränkte mich in meiner Meinungsfreiheit ein, in so einem System wollte ich nicht mehr leben", berichtet sie. Elf Monate alt war ihr Sohn Nino, als die Familie ausgewiesen wurde. "Er hat die ganzen Ängste und Anspannungen der Mutter mitbekommen", sagt die Mutter heute.

Haase wuchs im hessischen Obertshausen im Landkreis Offenbach auf, zwei Geschwister kamen hier noch hinzu: Schwester Sabrina ist Journalistin, der jüngere Bruder Robert studierte Physik, ist ehemaliger Rugby-Nationalspieler und inzwischen Vize-Kapitän beim BSC Offenbach. Auch Bruder Nino war früher leidenschaftlicher Rugby-Spieler, spielte für Mainz in der 1. Bundesliga – die Lust am Raufen merkt man ihm auch in anderen Bereichen an.

Es war der 24. Mai 2009, als Nino Haase bundesweit bekannt wurde - durch die Spielshow "Schlag den Raab". Stefan Raab hieß damals der Entertainer mit dem unbändigen Ehrgeiz, der als kaum zu bezwingen galt, Haase setzte dem einen gleichwertigen Kampfgeist entgegen. Und er bewies höchste Nervenstärke: Erst im allerletzten Spiel am Billiardtisch schaffte Haase nach mehreren versenkten Anläufen den entscheidenden Stoß – und nahm drei Millionen Euro mit nach Hause.

Nino Haase als Newcomer mit neuen Ideen in der Politik

Der Spielgewinn machte ihn unabhängig, Haase gönnte sich berufliche Ausflüge. Noch 2009 hatte er seinen Diplomabschluss am Mainzer Max-Planck-Institut für Polymerforschung gemacht, anschließend noch zwei Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter am gleichen Institut gearbeitet. Eine begonnene Doktorarbeit blieb unvollendet, Haase machte stattdessen ein Volontariat beim Radiosender Antenne Mainz und moderierte auch die Frühschicht.

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Drei Jahre lang lebte Haase in Augsburg, arbeitete erneut an der Universität, kehrte 2016 nach Mainz zurück und wurde Geschäftsführer des Startups "Thesius", eine Online-Plattform für Recherche und Wissenschaftskommunikation. Von der Polymerforschung in die Unternehmensgründung – Haase machte das Spaß. Dann kam der Bürgerentscheid zum Bibelturm, und mit ihm der Sprung in die kommunalpolitische Stadtgesellschaft – mit Folgen: Im Januar 2019 hob die Mainzer CDU völlig überraschend Haase als ihren OB-Kandidaten auf den Schild.

Haase bestand indes darauf, als parteiloser Kandidat den damaligen Amtsinhaber Michael Ebling (SPD) anzugreifen – ein Novum in Mainz. Schon im ersten Wahlkampf mischte der Newcomer die Szene mit frischen Ideen auf: Haase stellte einfach mal 50 Bäume vors Mainzer Staatstheater, und setzte damit ein Statement für mehr Grün und gegen die Steinwüsten der Mainzer Innenstadt. Den Mainzern machte er damit schlagartig klar, was ausgerechnet die Ampel-Koalition so bitter versäumt hatte: Grüne Oasen in der Innenstadt, einen Wandel zu mehr Ökologie, klimagerechtem Bauen und moderner Verkehrswende.

Haase kritisierte die völlig maroden oder schlicht nicht existenten Radwege in Mainz, und traf auch damit einen Nerv: Trotz zehn Jahren grüner Dezernentin im Verkehrsdezernat hatte sich in dieser Sache kaum etwas getan. Und auch sonst legte Haase genüsslich den Finger in die Wunden: Mainz mache viel zu wenig aus der "Marke Gutenberg" und vernachlässige seinen Schatz des reichen römischen Erbes, klagte Haase – und legte flugs Konzepte zur Abhilfe vor.

Unabhängig und ohne Partei im Rücken

Punkten konnte Haase aber vor allem auch mit dem Thema Bürgerbeteiligung: Ein Oberbürgermeister müsse sich vor seine Bürger stellen, und nicht "den Bürger als Störer des politischen Handelns begreifen", hatte Haase schon beim Bibelturm kritisiert: Wenn man die Menschen und ihre Kompetenzen und Ideen hingegen mitnehme, "kann man in Mainz Projekte verwirklichen, wovon wir nicht mal zu träumen wagen."

Wahlplakat in Mainz
© Gisela Kirschstein

Prompt zog Haase 2019 in die Stichwahl bei der Oberbürgermeisterwahl ein, wo er Amtsinhaber Ebling nur knapp mit 44,8 Prozent zu 55,2 Prozent unterlag. Die Niederlage von 2019 sei für ihn nicht leicht zu verdauen gewesen, bekannte Haase danach einmal: Das sei "schon ein Tief" gewesen. Haase ging erneut als Geschäftsführer in die Wirtschaft, drei Jahre später bescherten ihm das Schicksal und Malu Dreyer eine zweite Chance – und Haase griff zu.

In diesem OB-Wahlkampf setzte Haase ganz auf die Karte des Bürger-Kandidaten, und trat als komplett Unabhängiger und ohne große Partei im Rücken an – lediglich die Freien Wähler und die ÖDP unterstützten ihn offiziell. Mit einem hoch professionellen und zugleich modernen Wahlkampf setzte Haase schnell Maßstäbe: Er bespielte die sozialen Netzwerke mit Videoclips und Botschaften, und ließ mit unkonventionellen Plakaten die Konkurrenz ziemlich alt aussehen.

Kurios dabei: Von den sieben Kandidaten, die sich jetzt zur Wahl stellten, war Haase auf einmal der bekannteste – Dank seiner ersten Kandidatur. Sein Motto "Mainz.Machen" wirkte angesichts von zunehmender Parteien-Verfilzung noch attraktiver, dazu präsentierte Haase erneut reihenweise frische Ideen für Verkehrspolitik und Stadtentwicklung: eine Photovoltaik-Pflicht für städtische Gebäude, 70 Prozent des städtischen Energiebedarfs aus Erneuerbaren Energien decken, Ausbau von Radwegen und ÖPNV, Autos in Parkhäuser, ein attraktiveres Rheinufer, Ideen für jeden Stadtteil – wieder traf Haase genau den Nerv der Mainzer.

Ins Zentrum stellte Haase dabei die Bürger und die zahllosen gesellschaftlichen Initiativen, traf sich mit Beiräten und Interessenvertretungen, präsentierte jeden Morgen einen Podcast zu einem aktuellen Gesellschaftsthema, zu dem er sich Gesprächspartner vors Mikro holte – von Wirtschaft bis Fastnacht, Migration oder Gastronomie. Haase versprach Bürgerversammlungen, die bislang nie stattgefunden haben, und widmete sich ausführlich dem Thema moderne und digitalisierte Verwaltung, nicht unwichtig bei 4000 städtischen Angestellten.

"Bürgerbeteiligung auf eine neue Ebene heben"

Dass der Chemiker bei all dem auch noch wortgewandt, schlagfertig und inhaltlich ausgesprochen sattelfest bei einer großen Bandbreite von Themen auf den unzähligen Wahlkampf-Podien rüberkam, machte die Sache für viele Wähler perfekt: Machen statt Ideologie, Pragmatismus statt Parteien-Geklüngel – das überzeugte die Wähler in Scharen.

Nun steht der 39-Jährige vor der Herausforderung seines Lebens: Haase muss beweisen, dass er eine Verwaltung mit 4000 Mitarbeitern führen und modernisieren - und dass er für seine Themen eine politische Mehrheit im Stadtrat organisieren kann. Einfach wird das nicht: Für Teile von SPD und Grünen ist Haase geradezu das Feindbild schlechthin, und im Stadtrat muss er sich nun mühsam Mehrheiten zusammensuchen.

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Doch zwei Trümpfe hat Haase in der Tasche: Im Frühjahr 2024 sind Kommunalwahlen in Rheinland-Pfalz – eine demonstrative Blockade des "Bürger-OBs" im Stadtrat könnte dann nach hinten losgehen. Und: Dank der Steuermilliarden durch den Impfstoff-Hersteller Biontech wurde Mainz Ende 2021 über Nacht schuldenfrei und ist nun eine der reichsten Kommunen der Republik – Haase hat die Mittel zu gestalten.

Es ist ein spannendes Experiment, dass die Landeshauptstadt Mainz da wagt, acht Jahre hat Haase nun dafür Zeit. Bei seiner Amtseinführung vor dem Stadtrat warb er für gegenseitige Wertschätzung, für ein produktives und vertrauensvolles Miteinander in der Politik. Haase will nichts weniger als einen neuen politischen Stil: "Heute haben wir die Chance, die Bürgerbeteiligung auf eine neue Ebene zu heben", sagte Haase am Mittwoch. Und eines sei doch klar, fügte er noch hinzu: "Die richtige Chemie, menschlich wie wirtschaftlich, wird das Wohl der Stadt Mainz sichern."




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