Der tote Papst Formosus vor Gericht
- vom Drei-Päpste-Jahr 1978,
- welche Aufgabe ein blutjunger Diakon im Schauprozess gegen eine Leiche bekommt,
- wie kreativ Papst Stefan VI. die Leichensynode für eigene Zwecke nutzt,
- warum eine einstürzende Basilika auch das Schicksal von Stephan VI. besiegelt.
In seinen dunkelsten Zeiten entpuppt sich der Heilige Stuhl für zahlreiche Päpste als Schleudersitz in die Ewigkeit. So etwa zwischen 896 und 916, als binnen 20 Jahren gleich zwölf Gottesmänner zum Papst aufsteigen und zügig wieder spurlos verschwinden - in Kerkern, Klöstern oder unter der Erde.
Formosus wird 891 zum Papst gewählt. Aber sehr lange dauert sein Pontifikat nicht. 896 stirbt er im Alter von 80 Jahren und erhält ein ehrenvolles Begräbnis. Neun Monate und zwei Päpste später entbrennt ein heftiger Streit über seine Wahl.
Nach dem "Translationsgesetz" dürfen Bischöfe nicht in ein anderes Bistum wechseln. Da der Papst aber zugleich Bischof von Rom ist, dürfen Bischöfe nach damaligem Recht nicht Papst werden. Im Januar 897 lässt Papst Stephan VI. die Leiche des Formosus aus der Gruft holen und macht sie zum Hauptdarsteller eines ekeligen Schauprozesses.
Nach dem Schuldspruch malträtiert man den Leichnam und verscharrt ihn. Der Krieg zwischen Formosianern und Antiformosianern spaltet den Vatikan die nächsten fünf Jahrzehnte. Erst die Synode von Ravenna im Jahr 967 lässt endgültig alle Akten der Leichensynode verbrennen und bestimmt: Niemals wieder soll über einen Toten Gericht gehalten werden.
Das sind unsere wichtigsten Quellen und Interviewpartner:
- Professorin Dr. Annette Grabowsky, Mittelalterliche Geschichte, Universität Tübingen
- Annette Grabowsky: Der Streit um Formosus, Tübingen 2021
- Ferdinand Gregorovius: The History of the City of Rome in the Middle Ages, London 1903
Weiterführende Links:
- Planet Wissen: Religion - Päpste
- Planet Wissen: Christentum - Die römisch-katholischen Bischöfe
- Planet Wissen: Mittelalter
Das ist unser Hör-Tipp:
- Alles Geschichte: Riefenstahl: Influencerin des Bösen
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Die Macher hinter diesem Zeitzeichen:
Autor: Wolfgang Meyer
Redaktion: Matti Hesse ]]>
