Aus für Kult-Ermittler: München-„Tatort“: Warum dieser Abschied bessonders wehtut
Die beiden Münchner „Tatort“-Darsteller Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec machen Schluss mit der Serie. Warum das dramatisch ist, schreibt „Tatort“-Fan Miriam Hollstein.
Lieber Udo Wachtveitl, lieber Miroslav Nemec,
ich kann es immer noch nicht fassen. Am Montagabend haben Sie ein letztes Mal ermittelt. Sind zum Schluss in einem roten Porsche in den Horizont von Kroatien geritten.
Aus. Schluss. Vorbei. Nie mehr „Tatort“ mit Kommissar Ivo Batic und seinem Kollegen Franz Leitmayr. Nie mehr ihre Frotzeleien, ihre Melancholie, ihre Empathie für die Opfer, ihre Hartnäckigkeit bei der Aufklärung (bis in den Ruhestand hinein). Ich sag's Ihnen ehrlich: Es trifft mich härter als andere Abschiede. Weil Sie in meiner „Tatort“-Welt immer schon da waren.
Fachkräftemangel auch beim „Tatort“
Ich verstehe, dass Sie, Herr Nemec, mit 71 über die Rente nachdenken. Von mir aus auch in Kroatien! Aber wir brauchen nun mal gute Fachkräfte in diesem Land, das gilt auch für „Tatort“-Kommissare! Da muss man auch mal bei der Altersgrenze etwas großzügiger sein. Und Sie, Herr Wachtveitl, haben erst recht keinen Grund zu gehen. 67 Jahre sind Sie gerade mal erst und sehen zehn Jahre jünger aus, mindestens! Sogar die Schussverletzung aus der letzten Folge haben Sie bemerkenswert gut überstanden.
Wo also ist die Rente mit 70, wenn man sie mal braucht?
Der Irre im Fahrstuhl
Nach allem was wir miteinander durchgemacht haben! Ich habe mit Ihnen gezittert, Franz, als Sie mit diesem Irren im Fahrstuhl festsaßen, er Ihnen irgendwas gespritzt hatte und Sie dachten, sterben zu müssen (Folge 603: Außer Gefecht). Und wer war an Ihrer Seite, Ivo, als Sie nach einem Unfall orientierungslos herumirrten und dann auch noch unter Mordverdacht gerieten (Folge 749: Wir sind die Guten)? Richtig: ich!
Ich war mit Ihnen von diesem übermotivierten jungen Kollegen Gisbert genervt und habe mit Ihnen geweint, als er plötzlich tot aufgefunden wurde (Folge 865: Der tiefe Schlaf).
Niemand hat die Fälle mit so großer philosophischer Leichtigkeit und zugleich Tiefe gelöst wie Sie. Nirgendwo habe ich mehr Vertrautheit und Freundschaft in einem „Tatort“-Team gespürt.
Sie wurden älter, grauhaarig, melancholischer. Aber das machte nichts. Wir wurden es ja alle.
Ich erkenne meinen „Tatort“ nicht wieder
Aber es geht noch um mehr. Ich habe Angst. Nicht wegen der Mordfälle (auch, wenn Ihre Aufklärungsquote nicht schlecht war). Das können Jüngere machen, da habe ich Vertrauen. Ich habe Angst davor, meinen „Tatort“ nicht mehr wiederzuerkennen.
Immer öfter sieht man da jetzt so Jungspunde. Die gendern, während sie ermitteln. Oder immer über ihre privaten Probleme reden wollen. Denen die Work-Life-Balance wichtig ist.
Geh, bitte. Wie kann man einen Mord mit Work-Life-Balance aufklären?
Und dann sind da die vielen Abgänge! Der Joachim Król und die Nina Kunzendorf in Frankfurt. Die Karin Hanczewski in Dresden. Der Andreas Hoppe in Ludwigshafen. Oder noch schlimmer: die, die uns einfach weggemordet wurden. Die Martina Bönisch in Dortmund, die Franziska Lüttgenjohann in Köln.
Nicht mit meiner Einschaltquote
Aber Sie und die Kollegen aus Köln und die Lena aus Ludwigshafen waren immer da. Sie haben uns Halt und Orientierung gegeben und die Gewissheit, dass sich nicht alles ändert in dieser Welt der Transformation. Wenn Sie jetzt gehen, dann ist das nicht mehr mein „Tatort“! Sagen Sie Ihren Chefs, dass die dann nicht mehr mit meiner Einschaltquote rechnen sollen! Dann gucke ich sonntags irgend so eine billige Netflix-Nummer!
Okay, ich mag auch den Kalli, der jetzt übernehmen soll. Ein fleißiger, kluger junger Mann. Und bemerkenswert, wie er sich seit 2014 vom Assistenten hochgearbeitet hat. Aber mal ehrlich: Hat nicht die Doppelfolge gezeigt, dass er Ihre Unterstützung noch braucht? Der hat ja den ganzen Fall völlig falsch eingeschätzt! Wollte ihn ans LKA abgeben, während Gefahr in Verzug war.
Ein heiliges Versprechen
Wie? Sie meinen, man muss die Jungen einfach mal machen lassen? Auch ihre eigenen Fehler?
Na gut. Aber nur, wenn Sie mir etwas hoch und heilig versprechen. Dass Sie – Ruhestand hin oder her – mich und die anderen zehn Millionen „Tatort“-Fans nicht ganz alleinlassen. Dass ich Sie auf dem Bildschirm wiedersehe. Ich hätte sogar eine Idee: „Die Rentner-Cops“ – Kroatien-Edition. Sie ermitteln dort, wo andere Urlaub machen. Zwei- bis dreimal im Jahr, ohne Stress.
„Man sieht sich immer zweimal im Leben“, heißt es. Lieber Herr Wachtveitl, lieber Herr Nemec, ich hoffe, dass das auch für ausgeschiedene „Tatort“-Kommissare gilt.
Ihre Miriam Hollstein
*Dieser Text stammt ursprünglich von 2024 und wurde nach der Abschiedsfolge aktualisiert.
