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Die Macht der Bildung: die Geschichte eines Russlanddeutschen

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Mit einem solchen Großvater hatte Sabrina Borger keine Chance, die Schule auf die leichte Schulter zu nehmen. (Foto: privat)

In manchen Familien ist Schule einfach Schule. In meiner Familie war sie immer mehr als das. Es gab gewisse Nuancen, die nie ausgesprochen werden mussten, um selbstverständlich zu sein. Eine Eins war eine Eins. Eine Zwei konnte schon zu Erklärungsnot führen, warum sie keine Eins war. Mein Großvater Waldemar sagte mir früher immer, ich müsste die Beste in der Schule sein. Als Kind verankerte sich in mir vor allem das Gefühl, dass „gut“ stets von zwei unsichtbaren Worten flankiert war: nicht gut genug. Warum ihm dieser Satz so wichtig war, begriff ich erst Jahre später, als ich begann, seine Geschichte zusammenzusetzen. Damit verstand ich nicht nur ihn und folglich meine eigene Familie besser, sondern erkannte darin auch etwas wieder, das viele Russlanddeutsche prägte: den außergewöhnlich hohen Stellenwert von Bildung.

Buchstaben im Sand

Mein Großvater, Waldemar Borger, wurde 1938 in der damaligen Wolgadeutschen Republik geboren. 1941 änderte ein Dekret das Leben der dortigen Deutschen radikal: Sie wurden der Kollaboration mit Hitler beschuldigt, ihre Republik wurde aufgelöst, Familien deportiert. Auch seine Familie kam nach Kasachstan, in ein Dorf, das von russischer Sprache und russischem Alltag geprägt war und in dem Deutsche alles andere als willkommen waren.

Was es hieß, dort als Junge aufzuwachsen, zeigte sich für meinen Opa nicht in großen politischen Begriffen, sondern bereits im Schulalltag. Die Lehrer setzten ihn ganz nach hinten und gaben ihm weder Bücher noch Hefte. Also schrieb er seine ersten kyrillischen Buchstaben in den Sand. Ein beinahe schlichtes Bild, in dem sich doch eine ganze Erfahrung verdichtet. Viel leiser lässt sich Ausgrenzung kaum erzählen: Bildung begann für ihn nicht mit Förderung, nicht mit selbstverständlicher Teilhabe, sondern mit etwas, das andere bekamen und ihm vorenthalten wurde.

Vom Ausgegrenzten zum Klassensprecher

Wahrscheinlich begann genau dort sein Hunger aufs Lesen. Als mein Großvater eines Tages in die Bibliothek ging und nach einem Buch fragte, reichte man ihm nicht etwa ein Kinderbuch, sondern ausgerechnet Gribojedows „Verstand schafft Leiden“, einen Klassiker, an dem andere sich erst Jahre später in der Schule abarbeiteten. Wenn er es lese und anschließend erzählen könne, worum es darin gehe, bekomme er ein weiteres Buch, hieß es. Für einen Sechsjährigen war das weniger eine Empfehlung als eine Probe aufs Exempel. Oder ein stiller Versuch, das viel zu neugierige Kind loszuwerden. Doch mein Großvater las es. Er kam zurück und erzählte, worum es ging, und bekam das nächste Buch.

Er las viel, offenbar mehr, als den Lehrern lieb war. Im Unterricht korrigierte er sie ungefragt. Nicht aus Rebellion, eher aus jener Mischung aus Wissensdurst und Eigensinn, die kluge Kinder selten besonders bequem macht. Eine Lehrerin wollte ihn einmal vor die Tür setzen; er wehrte sich so hartnäckig, dass sie ihn schließlich mitsamt seinem Tisch aus dem Klassenzimmer zog. Bei den Mitschülern schadete ihm sein Besserwissen deutlich weniger oder vielleicht mochten sie ihn gerade deshalb: weil er viel wusste, half, erklärte. Er wurde zum Klassensprecher gewählt, später auch zum Schulsprecher. Und wenn in jüngeren Klassen ein Lehrer fehlte, sprang ausgerechnet der Deutsche ein, dem man zuvor so deutlich gezeigt hatte, wo sein Platz sein sollte.

Waldemar Borger als Journalist in Kasachstan (Foto: privat)

Die eigene Stimme

Aus dem Jungen, der seine ersten Buchstaben in den Sand schrieb, wurde später nicht einfach nur ein guter Schüler, sondern ein Mann, der mit Sprache und dem geschriebenen Wort weit kam. Er studierte Journalismus, veröffentlichte eigene Gedichte und war später am Aufbau der deutschsprachigen Zeitung „Freundschaft“ in Kasachstan beteiligt – jenes Blattes, das für viele sowjetische Deutsche weit mehr war als nur eine Zeitung. Für jemanden, dem man einst Bücher und Hefte verweigert hatte, ist das mehr als nur eine schöne Ironie der Biografie. Bildung hatte ihn nicht bloß aus dem Klassenzimmer hinausgetragen, sondern hinein in ein Leben, das größer geworden war: Als spezieller Korrespondent des Chefredakteurs kam er viel herum, war angesehen, konnte etwas bewirken. Meine Oma Agnes erzählte, dass er seine Stellung nutzte, um anderen zu helfen – einmal sogar, um jemanden aus dem Gefängnis zu holen.

Am greifbarsten wurde dieser Aufstieg vielleicht im Privaten. Mein Großvater konnte seinen beiden Töchtern ein Leben bieten, das mit seiner eigenen Kindheit kaum noch etwas gemein hatte: eine große Wohnung, ein Klavier, Reisen, Dinge, die damals vielen sowjetischen Familien verwehrt blieben. Gerade darin zeigt sich, was ihm sein Wille zu Lernen verschafft hatte: die Möglichkeit, sich als Russlanddeutscher trotz geringerer Chancen durchzusetzen und seinen Kindern ein Leben zu eröffnen, das ihm selbst lange nicht offenstand.

Bildung als Verteidigung

Erst als ich die Puzzleteile seiner Geschichte zusammensetzte, wirkte sein Verhältnis zu Schulnoten deutlich weniger exzentrisch, als es mir lange erschienen war. Ich verstand, wieso „du musst immer die Beste sein“ bei ihm nie bloß pädagogischer Smalltalk war.

Bildung war die Grundlage für etwas Größeres: für Identität, für Unabhängigkeit, für die Möglichkeit, das eigene Leben nicht einfach anderen zu überlassen. Sie war die einzige Form von Macht, die man sich auch trotz seiner Herkunft erarbeiten konnte – unabhängig von Geld oder Beziehungen, nur mit Fleiß und Disziplin.

In meiner deutschen Schulzeit konnte ich diese Einstellung auch bei vielen anderen Spätaussiedlern, aber auch rein russischen Familien beobachten: Unterricht war selten eine Angelegenheit, die nach dem Klingeln einfach endete. Nach der Schule warteten nicht selten noch Klavier, Englisch oder Ballett; also genau die Art von Kindheit, bei der Freizeit zwar offiziell existierte, praktisch aber einen ziemlich ehrgeizigen Terminkalender hatte. Vielleicht war das auch eine Reaktion auf die Erfahrung, sich immer ein Stück weit beweisen zu müs sen. Gegenüber den üblichen Klischees über „die Russen“ half ein ordentliches Zeugnis eben mehr als jede Grundsatzdiskussion. Bildung war in diesem Sinne also nicht nur Aufstieg, sondern auch Verteidigung: gegen Vorurteile, gegen Abwertung, gegen das schnelle Einsortiertwerden.

Heute weiß ich, dass der Satz meines Großvaters nichts mit Strenge zu tun hatte, dafür aber alles mit Fürsorge.

Sabrina Borger

Запись Die Macht der Bildung: die Geschichte eines Russlanddeutschen впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.




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