Die Weiterbildung von Arbeitslosen ist ein Milliardengeschäft mit systematischen Fehlanreizen. Einige Anbieter betrügen den Staat und verdienen dabei viel Geld. Heiko Bier glaubte, der Übergang werde leicht. Der studierte Kommunikationswissenschaftler arbeitete in der Marketingabteilung eines Rüstungskonzerns im Allgäu. Doch dann strukturierte der Arbeitgeber um und der 49-Jährige nahm eine Abfindung an. "Ich dachte, ich bekomme einfach wieder einen neuen Job", sagt Bier. "Doch das war nicht der Fall." Bier bewarb sich, kassierte Absagen. Die Zeit verging, doch der Sprung zurück in einen Job wollte nicht gelingen. Daher entschloss er sich zu einer Weiterbildung. Knapp 170.000 Arbeitslose haben so wie Bier 2024 an einer vom Arbeitsamt finanzierten Weiterbildung teilgenommen. Es ist das erklärte Ziel der Bundesagentur für Arbeit , über Qualifizierungen und Weiterbildung Erwerbslose für den Arbeitsmarkt fit zu machen. 4,1 Milliarden Euro sind dafür allein 2026 im Haushalt vorgesehen. Im Jobcenter : "Ich habe das Gefühl, über den Tisch gezogen zu werden" Im Bürgergeld : "Am Ende ist nichts mehr übrig geblieben" Aktuell ist die Arbeitslosigkeit mit über drei Millionen Menschen auf einem Langzeithoch. Dagegen kann auch die Weiterbildungsstrategie der Arbeitsagentur wenig ausrichten. "Sie ist kein Hebel, der die Quote automatisch senkt", erklärt Holger Schäfer, Arbeitsmarktforscher vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Denn der jüngste Anstieg der Arbeitslosigkeit ist vor allem konjunkturell bedingt. "Nach Jahren der Stagnation stellen Unternehmen weniger ein", so Schäfer. Hinzu kommt: Viele Arbeitslose haben keinen Weiterbildungsbedarf. Oft können sie aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten, wegen psychischer Probleme oder es fehlt an Kinderbetreuung . "Weiterbildung ist kein Patentrezept gegen hohe Arbeitslosigkeit, sondern nur für eng abgegrenzte Zielgruppen geeignet", sagt auch Schäfer. Deshalb sei es umso wichtiger, dass die bewilligten Kurse tatsächlich auch halten, was sie versprechen. Doch das tun sie oft nicht. Mit der Milliardensumme fördert der Staat nicht nur Arbeitslose, sondern auch einen großen und unübersichtlichen Markt, der an Fehlanreizen leidet und besonders anfällig für Missbrauch ist. Der Bildungsgutschein Diese Erfahrung machte auch Heiko Bier. Er wollte während der Arbeitslosigkeit seine Kenntnisse über Softwaresysteme und Datentools erweitern, sich in der "Integration von AI" qualifizieren. Bei der Arbeitsagentur stieß er zunächst auf Skepsis. Sie hätten keine Notwendigkeit gesehen, ihm eine Weiterbildung zu bewilligen. Doch nach "intensivem Austausch mit der Beraterin", so Bier, stellte diese ihm schließlich doch einen sogenannten Bildungsgutschein aus. Dieser ist notwendig, um einen Kurs bei einem privaten Anbieter buchen zu können. Fast sechs Monate waren da bereits vergangen. Es folgte die nächste Hürde: Bier musste sich im Dschungel der Angebote zurechtfinden. In einem Portal der Bundesagentur für Arbeit sind rund 166.000 Kurse von mehr als 8.000 Trägern gelistet. Empfehlungen gibt es nicht. Deshalb musste Bier sich selbst tagelang durch die Angebote klicken. "Mir war nicht bewusst, dass es da so viele gibt", sagt er. Um als Kursanbieter in der Trefferflut von mein.now, dem Onlineportal für berufliche Weiterbildung der Arbeitsagentur, überhaupt sichtbar zu werden, zählt vor allem eins: Masse. Wer nach "Marketing" sucht, landet bei mehr als 10.000 Treffern. In dem Geschäft geht es um viel Geld. Pro Person kosten Maßnahmen häufig 10.000 bis 20.000 Euro. In informationskaufmännischen und technischen Berufen (IKT) sind die Kostensätze besonders attraktiv. Deshalb gibt es dort auch so viele Angebote. Zertifiziert – und doch anfällig Heiko Bier fühlte sich bei seiner Suche überfordert. Daniel Graf versteht das nur zu gut: "Ich wäre auch total überfordert als Arbeitsloser." Graf ist Brancheninsider, er berät seit Jahren Bildungsträger und kennt die Regeln, nach denen Kurse überhaupt auf den Markt kommen. Niemand könne erkennen, welche Kurse besser oder schlechter sind. "Die Angebote sehen von der Struktur her alle gleich aus." Die Arbeitsagentur darf aus Gründen der Wettbewerbsneutralität keine einzelnen Kursanbieter empfehlen. "Die Konsequenzen sind gravierend", sagt Graf. Früher hätten Vermittler lokal oft gewusst, welche Träger gut sind. Heute dürfen sie das nicht mehr sagen. Zwar ist jedes Angebot im Portal "zertifiziert". Doch dieses Siegel sagt nach Grafs Erfahrung wenig über die Qualität aus. Wer Kurse für Arbeitslose über Bildungsgutscheine abrechnen will, braucht dafür eine sogenannte AZAV‑Zertifizierung (Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung) für den Träger und für jede Maßnahme. Die Prüfung übernehmen privatwirtschaftliche "fachkundige Stellen"; bundesweit gibt es rund 30 solcher Zertifizierer. Beauftragt und bezahlt werden sie von den Bildungsträgern selbst, überwacht werden sie durch die Deutsche Akkreditierungsstelle (DAkkS). Graf kritisiert, dass in der Praxis vor allem der Rahmen geprüft wird: Anwesenheitslisten, Teilnehmerverträge, Konzepte. "Es wird nicht geguckt, was sie inhaltlich machen", sagt er. Auch in den jährlichen Folgeprüfungen würden nur Unterlagen geprüft, nie der Unterricht an sich. Die Zertifizierer sieht Graf dabei nicht als Hauptschuldige: Sie seien "nur Erfüllungsgehilfen" der Bundesagentur für Arbeit und bekämen eng vorgegeben, was sie prüfen dürften. So wird das System ausgenutzt Wie diese Lücke ausgenutzt wird, beschreibt Graf konkret. Die Arbeitsagentur schreibe zwar vor, dass in einem Kurs maximal zwölf Teilnehmende sitzen sollen. Trotzdem gebe es Anbieter, die hundertfünfzig Leute von einem Dozenten unterrichten lassen. "Das Verhältnis Dozent – Teilnehmer ist katastrophal." Aber der Anbieter kann dann viel mehr Gewinn einstreichen, denn die tatsächliche Anzahl der Teilnehmer wird nicht kontrolliert. Ein zweites Muster: Für einen Kurs werde offiziell ein Dozent abgerechnet, der über viele Stunden unterrichtet. Tatsächlich weise der Dozent aber die Teilnehmenden nur einmal ein, den Rest des Kurses schauen sie nur noch Videos oder lesen Texte. "Wenn Anbieter bei der Zertifizierung angegeben haben, dass da ein Dozent sitzt, kann das niemand wirklich kontrollieren. So schaffen es manche Bildungsträger, sehr viel Geld zu verdienen." Graf schätzt: "Zwanzig Prozent der Träger arbeiten illegal. Sie greifen Fördermittel im großen Stil ab und machen sich dann aus dem Staub." Doch auch den Großteil der restlichen Angebote sieht Graf kritisch: "Die Mehrheit ist wertlos und befähigt Arbeitslose nicht, danach einen Job zu bekommen." Wie sich das für Betroffene anfühlt, zeigen Recherchen des NDR und des gemeinnützigen Portals "Frag den Staat": Ein 39-jähriger Teilnehmer durfte demnach in seiner bewilligten Softwareentwickler-Weiterbildung keine Programme installieren. Er sagte, er habe dort nur "Zeit abgesessen". Ein 47-Jähriger landete statt in einer fachlichen Qualifizierung in einem Bewerbungstraining und sollte dort Bilderrätsel lösen: "Ich fühlte mich wie in einer Feldstudie." Doch egal, wie schlecht ein Kurs ist, ihn vorzeitig beenden können Arbeitslose nur schwer. Denn der Abbruch eines Kurses kann sanktioniert werden. Es gibt weitere Fehlanreize. Wer in einer Maßnahme ist, gilt statistisch nicht als arbeitslos. Und über Rahmenverträge können Jobcenter Plätze im Voraus einkaufen – unabhängig von der Nutzung. Der Bundesrechnungshof stellte 2022 fest, dass 74 Prozent solcher Plätze ungenutzt blieben; rund 350 Millionen Euro flossen trotzdem. Warum der Markt explodierte Daniel Graf führt den Wildwuchs unter anderem auf die seit der Pandemie grassierenden Online-Angebote zurück. Früher mussten Bildungsträger Räume anmieten, ausstatten und Dozenten vor Ort beschäftigen. "Die Skalierungsmöglichkeiten waren gering", sagt er. Spätestens seit Corona sei Online-Unterricht jedoch selbstverständlich geworden – und einige Anbieter setzten auf Masse. Hinzu kommt eine Ausweitung der Förderung: Seit dem Qualifizierungschancengesetz können sich auch Beschäftigte weiterbilden lassen. Das macht den Markt aus Grafs Sicht noch attraktiver; er schätzt, dass rund 75 Prozent der Anbieter "ausschließlich" von Staatsgeld leben. Systematischer Betrug mit Bildungsgutscheinen Wer einmal eine Zulassung bekommt, hat zunächst freie Bahn. Carina Knie‑Nürnberg, Geschäftsführerin der Bundesagentur für Arbeit Berlin‑Brandenburg , beschreibt das Grundproblem aus Behördensicht: "Wenn der Zertifizierer die Maßnahme anerkennt, dann ist das für uns verbindlich." Die Agentur könne Qualitätsdefizite melden und prüfen, habe aber "keinen direkten Zugriff" auf die Zulassung. Und sie bestätigt: In Berlin gebe es Fälle, in denen es nicht um Nachlässigkeit, sondern um "systematischen Betrug" gehe. "Da sind die Kunden dann die Opfer", sagt Knie‑Nürnberg. Die Fälle seien "organisiert" und nicht nur auf Berlin beschränkt. Solche Vorwürfe werden in Berlin gegenwärtig auch strafrechtlich verfolgt. Wie die Staatsanwaltschaft der Hauptstadt und das Landeskriminalamt mitteilten, gab es im September 2025 Festnahmen und Durchsuchungen an Dutzenden Orten wegen des Verdachts auf gewerbs- und bandenmäßigen Betrug. Beschuldigte sollen Coachingmaßnahmen gegenüber Jobcentern und Arbeitsagenturen abgerechnet haben, die gar nicht oder nur teilweise erbracht wurden. Der Schaden: rund 891.000 Euro. Talentspring Academy aus Berlin Trotz aller Fehlanreize: Es gibt auch Kursanbieter, die Teilnehmenden tatsächlich helfen. Heiko Bier entschied sich nach langer Recherche für Talentspring, eine Berliner Fima, die seit 2024 Kurse anbietet. Bei ihr hatte er gleich ein gutes Gefühl. Andere Anbieter hätten ihn nach dem ersten Kontakt mit SMS und Werbematerial geradezu bombardiert, so Bier. "Da kam ich mir vor, als wäre ich in einer Drückerkolonne angekommen." Talentspring stellte ihm Module zusammen; Unpassendes konnte er weglassen. Im Kurs selbst sei der Unterricht "live" gewesen: "Man konnte direkt reingrätschen. Fragen stellen." Und er habe "immer einen Ansprechpartner" gehabt. Bürgergeld-Protokolle : "Ich bin im Dauerstreit mit dem Jobcenter" "Prekärer geht's nicht" : So ist ein Leben mit Bürgergeld Schon während der Weiterbildung bewarb Bier sich weiter. Talentspring habe ihn bei Unterlagen und Entscheidungen unterstützt, sagt er. Heute arbeitet er wieder im Marketing, bei einem Industrieunternehmen. Bier ist überzeugt, dass er die Stelle auch bekam, weil er in der Weiterbildung neue Tools und Arbeitsweisen kennengelernt hat und auch, weil er im Bewerbungsprozess unterstützt wurde. Für Heiko Bier ist die Strategie der Arbeitsagentur also aufgegangen. Für viele andere Arbeitslose, die sich für den falschen Anbieter entschieden haben, bleiben jedoch nur Ärger und verschwendete Zeit zurück. Die Auswüchse des Milliardenmarkts, in dem Fehlanreize und Betrug grassieren, gehen auf ihre Kosten – und auf die der Steuerzahler. Brancheninsider Graf spricht von "Milliarden Steuergeldern", die über Bildungsgutscheine "seit Jahren" verpufften. Der Experte fordert, Inhalte müssten richtig geprüft werden – bis hin zu Lehrplänen und stichprobenartigen Hospitationen. Allein die Ankündigung solcher Kontrollen würde schon manchen Anbieter abschrecken, so Graf. Die Arbeitsagentur sollte zudem die Weiterbildung viel stärker an Engpassberufen ausrichten – "da würde locker die Hälfte aller Angebote rausfliegen", so Graf. So ließe sich auch der Wildwuchs eindämmen. Und die Behörde müsse ein Bewertungssystem schaffen, damit Arbeitslose im Kursdschungel überhaupt sehen können, wo wirklich Qualität ist und wo diese nur versprochen wird.