US-Präsident Donald Trump droht immer wieder mit einer "Übernahme" Kubas. Die Anthropologin Katrin Hansing warnt, dass sich das die Führung in Havanna nicht so leicht gefallen lassen könnte. David Schafbuch berichtet aus New York Donald Trump hat schon das nächste Ziel im Blick. Obwohl der Krieg im Iran weitergeht, sprach der US-Präsident davon, dass man bald auch in Kuba "vorbeischauen" könnte. Auch hatte der Präsident schon mehrfach davon gesprochen, dass man den Inselstaat "übernehmen" könnte. Wie und was sich Trump darunter genau vorstellt, ist bislang unklar. Fakt ist allerdings, dass die Feindschaft zwischen den USA und dem kommunistischen Inselstaat bereits Jahrzehnte anhält. Aktuell sollen beide Staaten allerdings miteinander verhandeln, nachdem Kuba aufgrund eines US-Ölembargos wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand steht. Katrin Hansing kennt die Zustände in Kuba sehr genau. Die deutsche Anthropologin hat selbst lange auf der Insel gelebt, im vergangenen Jahr hat sie dort einen fünfjährigen Forschungsaufenthalt beendet. Im Interview mit t-online spricht Hansing darüber, welche Zustände aktuell auf Kuba herrschen, wie stabil der kubanische Machtapparat ist und für wie realistisch sie eine Militärintervention der USA hält. t -online: Frau Professorin Hansing, die Spannungen zwischen den USA und Kuba haben zuletzt deutlich zugenommen. Drängen die USA auf einen Machtwechsel in Havanna? Katrin Hansing: Alle Optionen scheinen im Moment auf dem Tisch, daher ist die Lage sehr schwierig einzuschätzen. Das Schlimmste daran ist: Die Menschen auf Kuba befinden sich seit Monaten in einem Schwebezustand. Einerseits leiden sie unter ihrer eigenen, repressiven Führung. Andererseits werden sie von der US-Regierung bedroht. Eine weitere US-Militärintervention ist also möglich? Es sind mehrere Szenarien denkbar: Im Weißen Haus könnte man denken, dass es jetzt wegen des Kriegs im Iran einen schnellen Erfolg braucht und man den in Kuba mit wenig Aufwand erzielen kann. Die US-Regierung könnte allerdings auch abwarten, bis die wirtschaftlichen Zustände auf der Insel noch schlechter werden und hoffen, dass alles wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Ich glaube aber, die kubanische Führung kann diese Krise noch eine ganze Zeit lang durchstehen – im Gegensatz zum eigenen Volk, das von Tag zu Tag überleben muss. Das kubanische Regime ist sehr stabil. Gerade in Krisenzeiten wie jetzt, wo alles auf dem Spiel steht, hält es zusammen. Aktuell setzen die USA die Insel vor allem wirtschaftlich unter Druck. Es fließt etwa nahezu kein Öl mehr nach Kuba. Was bedeutet das für die Lebenszustände der Menschen dort? Diese Entwicklung hat einen längeren Vorlauf: Seit dem Zerfall der Sowjetunion in den Neunzigerjahren leben die Menschen auf Kuba in einer Art Dauerkrise. Aber der Staat konnte sich bislang etwa mit Einnahmen durch Tourismus und mit Hilfen aus Venezuela über Wasser halten. Mit der Coronapandemie fiel das Geld durch die Touristen weg, die Branche hat sich seitdem nicht mehr erholt. Vor dem US-Ölembargo waren die Lieferungen aus Venezuela auch schon zurückgegangen. Die wirtschaftliche Lage hat sich also über die letzten fünf Jahre extrem verschlechtert. Aber seit Januar hat sich die Lage weiter zugespitzt? Man muss das ganz deutlich sagen: Kuba befindet sich seit einigen Jahren schon in einer humanitären Krise, die nun durch das US-Ölembargo existenziell geworden ist. Kuba besitzt keine Reserven, weder von Öl noch von anderen Gütern. Und ohne Öl gibt es weder Strom noch Transportmöglichkeiten – und dann wird das Leben ganz schnell sehr kompliziert. In Havanna ist es schon lange normal, dass der Strom bis zu 20 Stunden am Tag ausfällt, in den Provinzen tagelang. Was bedeutet das für die Menschen dort? Wegen des tropischen Klimas wird dann innerhalb von ein paar Tagen das Essen schlecht, weil es nicht mehr gekühlt werden kann. Viele Menschen leiden an Wassermangel, da es ohne Strom nicht durch die Wasserrohre gepumpt werden kann. Ohne Benzin kommt nur wenig Essen vom Land auf die Märkte. Die Preise für Nahrungsmittel sind dementsprechend enorm gestiegen. In den Krankenhäusern ist die Lage inzwischen kritisch. Es gibt kaum Medikamente, es mangelt an Personal und viele Operationen werden verschoben. Nur systemrelevante Arbeitskräfte gehen noch zur Arbeit und alle Universitäten sind geschlossen. Schulstundenpläne sind reduziert und staatliche Kultur- und Sportveranstaltungen pausieren. Die meisten Kubaner leben im Moment von Tag zu Tag. Es heißt immer wieder, dass der kubanische Staat wegen der wirtschaftlichen Lasten kurz vor dem Kollaps steht. Wie sehen Sie das? Die kubanische Wirtschaft ist komplett zusammengebrochen. Der Staat hat kaum noch Einnahmen. Das liegt natürlich am jahrelangen Missmanagement der kubanischen Führung, aber auch am zusätzlichen Druck der US-Regierung. Kann es also sein, dass der kubanische Staat ganz ohne eine militärische Intervention der USA bald zusammenbricht? Die Wirtschaft ist zwar marode, aber der Staat ist, wie gesagt, noch stabil. Das Regime kann sich wahrscheinlich noch eine Weile über Wasser halten. Die Frage ist eher: wie reagiert das Volk, wenn sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlechtert? Was ist Ihre Antwort? In der Vergangenheit wurden Massenproteste brutal niedergeschlagen, zuletzt etwa 2021. Etwa 1.000 politische Gefangene sitzen deshalb noch in Gefängnissen. Es ist deshalb sehr schwer zu sagen, ob sich in einem potenziellen Katastrophenzustand die Menschen noch einmal gegen den Staat auflehnen würden oder sich vielleicht eher – wie auch schon oft zuvor – eine Flüchtlingskrise über das Meer in Richtung Florida entwickeln würde. Das möchte die Trump-Regierung ganz sicher nicht. Zwischen den USA und Kuba soll es bereits seit Längerem Verhandlungen geben. Dort sollen die USA unter anderem fordern, den kubanischen Präsidenten Miguel Díaz-Canel abzusetzen. Wie wird er in Kuba gesehen? Der Präsident ist unglaublich unbeliebt. Díaz-Canel gilt als schwach, uncharismatisch und wird nicht ernst genommen. Die Kubaner auf der Insel und im Exil wissen, dass er praktisch keine wirkliche Macht hat. Wo liegt die Macht dann? Sie liegt weiter bei der Familie Castro, vor allem bei Raúl Castro , dem Bruder von Fidel Castro, der selbst bis 2018 Präsident war. Mächtige Institutionen sind außerdem das Militär und das Innenministerium. Der wichtigste Ansprechpartner der USA soll der Enkel von Raúl Castro sein, der denselben Namen trägt und "Raulito" genannt wird. Wäre er jemand, der Díaz-Canel beerben kann? Man weiß über ihn sehr wenig. Er ist in der Öffentlichkeit bislang nur als Leibwächter seines Großvaters aufgefallen. Von der kubanischen Regierung heißt es immer: "Wir sind offen für Gespräche mit den USA, aber nur auf Augenhöhe". Ein Machtwechsel kommt für sie nicht infrage. Klar ist aber auch: Díaz-Canel wird niemand in Kuba eine Träne nachweinen. Aus Sicht von Trump klingt das nach einem leichten Opfer. Sollte Díaz-Canel abtreten, könnte er das leicht als einen Erfolg verkaufen? Da wäre ich vorsichtig. Die Exilkubaner in Florida, die 2024 Trump gewählt haben, wissen sehr genau, wie der Machtapparat in ihrer Heimat funktioniert. Ein Sturz von Díaz-Canel wird nicht reichen. Sie wollen ein Ende der Herrschaft der Castros. Die Zeitung "Miami Herald" hat kürzlich eine Umfrage veröffentlicht: Demnach befürworten fast 80 Prozent der Exilkubaner im Süden Floridas eine Militärintervention auf der Insel. Sie wollen echten politischen Wandel. Dazu gehört auch ein Führungswechsel, der keine Verbindung zu den Castros hat. Was wollen denn Ihrer Meinung nach die meisten Kubaner auf der Insel für ihre Zukunft? Die meisten Kubaner sind erschöpft vom täglichen Überlebenskampf und wünschen sich wirtschaftlichen und politischen Wandel. Aber nicht zu jedem Preis. Auch wenn mehr und mehr junge Stimmen ungeduldig auf eine militärische Intervention der USA hoffen, ist das Konzept der staatlichen Souveränität für die meisten Kubaner noch sehr wichtig. Vielen Dank für das Gespräch!