Der britische König ist zu Besuch im Weißen Haus, und plötzlich soll Donald Trump angeblich zur Familie gehören. Ausgerechnet diese skurrile Ahnen-Boulevard-Story zeigt, wie unterschiedlich Charles III. und der US-Präsident ihre Macht verstehen. Bastian Brauns berichtet aus Washington Donald Trump hat nie einen Hehl daraus gemacht, woher er ursprünglich stammt. Jedenfalls nicht aus jenen Teilen seiner Herkunft, die ihm gefallen. Auf der Webseite seines schottischen Luxus-Golfresorts etwa wird der Stammbaum seiner Mutter, Mary Anne MacLeod, mit geradezu erzählerischer Hingabe zurückverfolgt. Bis in das raue Bauerndorf Tong auf der Isle of Lewis, zu den Fischern, zur gälischen Sprache und den so kargen Lebensverhältnissen reicht eine anrührende Geschichte aus Wind, Torf und harter Arbeit. Charles III. in den USA : Trump-Regierung leistet sich gleich einen Fauxpas Tagesanbruch: Für Deutschland pures Gift Vom Torfmoor zum Thronmythos All das klingt weniger nach blauem Blut als nach dem schweißtreibenden Beackern von zähen Böden in grauer Vorzeit. Für die Authentizität seines Golfklubs lässt Trump seine Herkunft wie einen heldenhaften Gründungsmythos inszenieren. Womöglich wird Trump seiner bäuerlichen Stammbaumstory bald ein blaublütiges Detail hinzufügen können. Denn es gibt etwas, das die britische "Daily Mail" und der Royal-Experte Robert Hardman herausgefunden haben wollen: Donald Trump soll – wenn auch sehr entfernt – mit seinem aktuellen Gast, König Charles III., verwandt sein. Der US-Präsident soll demnach ein Cousin 15. Grades des britischen Königs sein. Verbunden sind Charles und Donald laut der Recherche über einen gemeinsamen schottischen Adligen mit dem Namen John Stuart, der wiederum vom schottischen König James II. abstammt. Es ist eine Blutlinie, die fast 500 Jahre zurückreicht, in eine Zeit von ständigen Thron-Intrigen und unerbittlichen Machtkämpfen. Schmeichelei als Staatsstrategie Der Artikel des Boulevard-Blatts ist jene Art von Entdeckung, die Trump gefallen dürfte. Politisch wird er davon zwar kaum profitieren, aber er kann seine Marke veredeln. Trump – ein Nachfahre von Bauern und Königen zugleich. Wie sehr Trump die Stammbaum-Neuigkeiten gefallen, wird womöglich am Dienstag im Oval Office zur Sprache kommen. Dort trifft Charles III. nach einer für ihn abgehaltenen Militärparade und vor seiner Rede im Kongress auf den Präsidenten. Aber kann diese neu entdeckte familiäre Nähe, so entfernt sie zugleich ist, das politisch angeschlagene britisch-amerikanische Verhältnis kitten? Schmeicheleien können bei Trump politisch nützlich sein. Darauf hoffen zumindest viele Staats- und Regierungschefs. Mit symbolischen Gesten, vor allem mit solchen, die an seiner Identität rühren, versuchen die Gäste im Weißen Haus jedenfalls, einen guten Eindruck bei diesem so unberechenbaren US-Präsidenten zu machen. Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz brachte bei seinem ersten Besuch etwa eine originalgetreue Nachbildung der Geburtsurkunde von Trumps Großvater aus Kallstadt in Rheinland-Pfalz mit. Es war ein wenig subtiler Verweis auf Trumps deutsche Wurzeln. Trumps Reaktion wirkte höflich, aber ziemlich deutsch: dankbar und nüchtern, aber nicht gerade überwältigt. Warum Charles III. das Thema meiden dürfte Die neu entdeckte "Verwandtschaft" spielt da natürlich in einer anderen Liga. Der 15. Cousin des britischen Königs zu sein, hat zumindest mehr Aura als Friedrich Trump aus Kallstadt. Charles III. wird sich jedoch kaum die Blöße geben, die "Daily Mail"-Geschichte auszuspielen. Schließlich hat er schon genug damit zu tun, seinen Bruder Andrew Mountbatten-Windsor wegen dessen Verbindungen zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein aus der royalen Familie zu tilgen. Klar ist ohnehin: So sehr Trump nun genealogisch auf vielen Umwegen mit dem Haus Windsor verbunden sein mag, ein echter Royal wird er nicht mehr werden. Vor allem nicht in seinem Land, das sich einst im Aufstand gegen einen britischen König gegründet hat. Dabei verhält sich Trump mit seiner Machthäufung und Ignoranz demokratischer Regeln und Normen so monarchisch wie kein amerikanischer Präsident vor ihm. Ein monarchischer Präsident Die Unterschiede der ungleichen "Cousins" sind unübersehbar: Der in seiner Macht historisch längst zurechtgestutzte Charles III. ist im Auftrag des von den Briten gewählten Premierministers Keir Starmer nach Washington gereist. Dort wird er am Dienstag auch eine Rede vor dem amerikanischen Kongress halten – als zweiter britischer Monarch überhaupt, nach seiner verstorbenen Mutter Elizabeth II. Trump hingegen brachte bereits mehrfach Millionen von Demonstranten unter dem Slogan "No Kings" auf die Straße, die deutlich machten, was sie vom autokratischen Stil ihres Präsidenten halten. Trump ist in diesem Sinne nach Meinung vieler Amerikaner deutlich monarchischer als der Inhaber der britischen Krone. So pompös der Staatsbesuch von Charles III. auch sein mag: Der Kontrast könnte in diesen Tagen kaum größer sein. Ein geborener König, der sich seit Jahren um eine moderne, zurückhaltende Monarchie des ehemaligen Empires bemüht. Und ein gewählter Präsident, der offenkundig eine Schwäche für Imperialismus hat – und dabei zumindest rhetorisch auch nicht vor einer Annexion Kanadas zurückschreckt, dessen offizielles Staatsoberhaupt Charles III. nach wie vor ist. Diese Unterschiede im eigenen Machtverständnis könnten die genealogische Pointe der "Daily Mail"-Entdeckung sein. Sollten Donald Trump und Charles III. wirklich diesen gemeinsamen Vorfahren haben, dann markiert ihre entfernte Verbindung vor allem auch eine Abzweigung: Vor rund 500 Jahren trennten sich ihre Linien. Die eine führte zu einem konstitutionellen Monarchen. Die andere zu einem Präsidenten, der nicht nur gerne König und Kaiser, sondern sogar der Papst wäre.