Auf in den Südwesten für den Modernismus
Warum ist der Südwesten Moskaus architektonisch interessant?
Der Südwesten Moskaus wurde zu einem Laboratorium für die Entwicklung des modernistischen Stils. Möglich wurde dies, weil sich dieser Teil der Stadt lange Zeit nicht so intensiv entwickelte wie die übrigen. Die Expansion Moskaus im 19. Jahrhundert vollzog sich vorwiegend nach Osten. Da in Moskau die Winde meist von West nach Ost wehen, wurden alle industriellen Anlagen im Osten errichtet. So blieb das Stadtzentrum vor Rauch und Emissionen der Fabriken verschont. Außerdem ist der Südwesten durch den Fluss Moskwa vom Zentrum getrennt. Erst gemäß dem Generalbebauungsplan Moskaus von 1935 wurde eine große Zahl von Brücken gebaut – was den Planern und Bauarbeitern den Südwesten erschloss.
Wann erreichte der Modernismus den Südwesten der Hauptstadt?
Die umfassende Planung und Bebauung des Südwestens erfolgte in den 1960er- und 1970er-Jahren. Der Baustil der Gebäude war faktisch von der Führung vorgegeben. Am 4. November 1955 wurde der Beschluss des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei „Über die Beseitigung von Überflüssigem in Projektierung und Bauwesen“ veröffentlicht. Damit wurde auf höchster Ebene die Abkehr vom stalinistischen Stil in der Architektur proklamiert. Im Grunde handelte es sich um eine Rückbesinnung auf den vorherrschenden Stil der 1920er- und 1930er-Jahre – den sowjetischen Avantgardismus. Der Modernismus ist dessen Fortsetzung. Funktionalität, klare Linien, große Fenster.
Was sollte man unbedingt besichtigen?
Selbst wenn der Zentrale Pionierpalast auf den Leninbergen (heute Sperlingsberge) das einzige Beispiel modernistischer Architektur im Südwesten Moskaus geblieben wäre, hätte dieser Stil bereits Eingang in die Geschichte des Bezirks gefunden. 1958 wurde ein Wettbewerb für den Entwurf eines neuen Hauptgebäudes für Pioniere in Moskau ausgeschrieben. Zur Teilnahme wurden ausschließlich junge Architektinnen und Architekten eingeladen. Darüber hinaus wurde das von der Jury ausgewählte Projekt unter Hinzuziehung jener Architekten, die am Wettbewerb teilgenommen hatten, sowie unter Berücksichtigung der Wünsche der künftigen Nutzer des Gebäudes – der Kinder – weiterentwickelt. Eine solche Methode partizipativer Planung war für die damalige Zeit natürlich innovativ.
Der Pionierpalast ist ein ausgesprochen wichtiges Projekt des Modernismus, aber bei Weitem nicht das einzige. Das Gebäude der Pirogow-Medizinuniversität (1973), das Institut für Ozeanologie der Russischen Akademie der Wissenschaften (1977), die Völkerfreundschafts-Universität (1965), das Gebäude des Zentralen Hauses der Touristen (1980) und natürlich der Zirkus am Wernadski-Prospekt (1971) – all das prägt eine ganze Epoche, eine architektonische, kulturelle und historische.
Was ist an diesem Betondschungel schön?
Obwohl in den Gebäuden der 1960er- und 1970er-Jahre keine „architektonischen Überflüssigkeiten“ (im Sinne der vorhergehenden Architekturepoche) vorgesehen waren, lässt sich nicht behaupten, dass die gewaltigen „Betonkästen“ jeglicher Anmut entbehren. Sie mussten per Definition schön sein: Der Lenin-Prospekt ist eine wichtige Straße, die den Flughafen Wnukowo mit dem Moskauer Zentrum verbindet. In Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1980 entstanden dort Gebäude, die bei Touristen einen entsprechenden Eindruck hinterlassen sollten.
Der langgestreckte, gedrungene Stylobat – das untere Geschoss des Gebäudekomplexes – ist nur eines der Merkmale dieses Architekturstils. Die Mosaike sowohl im Inneren als auch an den Fassaden der Gebäude bilden überhaupt eine eigene Kunstgattung. Und natürlich darf man nicht übersehen, wie sehr die Gebäude der Epoche des sowjetischen Modernismus in die Landschaft eingebettet sind.
Warum ist der Modernismus in Gefahr?
Wenn doch alles so wunderbar ist, warum hört man in letzter Zeit so oft von Plänen, dieses oder jenes Gebäude im modernistischen Stil abzureißen? Marina Nikitina teilt mit der MDZ ihre Sicht auf das Problem. Immerhin nähern sich die Gebäude der 1960er- und 1970er-Jahre dem Ende ihrer Nutzungsdauer. Mit ihnen muss etwas geschehen. Doch nicht selten steht einer Lösung das Fehlen des Denkmalschutzstatus im Wege. Ohne ihn erweist sich der Abriss oft als die einfachste Lösung.
Man muss auch zugeben: Der sowjetische Modernismus hat nicht allzu viele Anhänger und Verteidiger. Um diesen Stil liebzugewinnen, muss man unbedingt in den Südwesten Moskaus fahren.
Aufgeschrieben von Igor Beresin
Запись Auf in den Südwesten für den Modernismus впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.
