"Die bleierne Zeit": Zwei Schwestern in den Siebzigern
Vor 45 Jahren drehte Margarethe von Trotta den Film, mit dem sie als erste Regisseurin den Goldenen Löwen von Venedig gewinnen sollte. Sie folgt darin den unterschiedlichen Lebenswegen zweier Schwestern, angelehnt an die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin und die Frauenrechtlerin Christiane Ensslin.
Noch Anfang der 80er-Jahre standen viele Westdeutsche fassungslos vor dem Phänomen "RAF". Die erste Terroristen-Generation hatte im Gefängnis Selbstmord begangen, die zweite saß gerade für ihre Morde langjährige Haftstrafen ab, die dritte traute sich noch nicht so richtig aus dem Untergrund. Die Regisseurin Margarethe von Trotta, heute 84 Jahre alt, war eine der ersten, die sich an diese gewalttätige Bewegung filmisch heranwagte.
Ihr Versuch, "Die bleierne Zeit" von 1981, trägt zwar noch manche Züge des bemühten, vor Moral und intellektueller Attitüde triefenden Autorenkinos der 70er-Jahre. Doch er nähert sich dem Thema von einer interessanten Seite und wirft berechtigte Fragen auf. ARTE wiederholt den Film am MIttwoch zur Primetime. In Anschluss ist zudem die Dokumentation "Margarethe von Trotta – Zeit der Frauen" aus dem Jahr 2021 zu sehen.
Der Titel "Die bleierne Zeit" – nach Friedrich Hölderlins Gedicht "Der Gang aufs Land. An Landauer" – bezieht sich nicht auf den Deutschen Herbst oder den Terror der Siebziger, sondern auf die 50er-Jahre. Der Film erzählt die Geschichte zweier Schwestern, Juliane (Jutta Lampe) und Marianne (Barbara Sukowa), Töchter eines evangelischen Pfarrers, die in dieser Zeit aufwachsen und sich beide bald politisch stark engagieren.
Anlehnung an Gudrun Ensslin
Die große Stärke des Filmes ist es, an ihnen mögliche Alternativen der damaligen Zeit aufzuzeigen. Denn während sich Juliane für die kleinen Schritte entscheidet und sich in der aufblühenden Frauenbewegung engagiert, taucht Marianne unter und als Terroristin wieder auf. Sie wird gefasst, bleibt ihren Überzeugungen jedoch auch im Gefängnis treu und wird dort eines Tages tot aufgefunden. Nun macht sich Juliane daran, die genaueren Umstände aufzuklären.
Die Figur der Marianne ist der deutschen RAF-Terroristin der ersten Stunde, der schwäbischen Pfarrerstochter Gudrun Ensslin, nachempfunden. Mitte der 60er-Jahre entfloh sie der Enge ihrer Heimat und begründete gemeinsam mit Andreas Baader und Ulrike Meinhof den politischen, militanten Widerstand gegen den "Unrechtsstaat", in dem viele frühere Nazis wieder einiges zu sagen hatten. Auch sie schwor ihren Idealen nie ab und richtete sich, nach der gescheiterten "Landshut"-Entführung 1977 durch palästinensische Kämpfer, selbst. Ein Großteil der linken Szene bezweifelte das allerdings und unterstellte stattdessen eine staatlich angeordnete "Hinrichtung".
Christiane Ensslin half bei der Recherche
All das greift Margarethe von Trotta in "Die bleierne Zeit" auf. Die Terroropfer kommen dabei nur am Rande vor, dafür spielen die Angehörigen der Täter – Vater, Schwester, Ehemann, Kind – eine umso größere Rolle. Optik und Erzählweise passen sich dem Thema an und vermitteln – gewollt oder ungewollt – einen Eindruck der Bundesrepublik Ende der 70-er, die hin- und hergerissen schien zwischen Aufbruch und Stillstand.
Auch den Lebensweg von Juliane erzählt der Film. Gudrun Ensslins 2019 verstorbene Schwester Christiane wurde als Frauenrechtlerin und Journalistin bekannt. Sie ist eine der Mitbegründerinnen der Zeitschrift Emma. Und sie half Margarethe von Trotta bei den Recherchen für den Film "Die bleierne Zeit", den die Regisseurin ihr widmete.
Die bleierne Zeit – Mi. 20.05. – ARTE: 20.15 Uhr
