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Май
2026

Einkommensteuer: Mäzen Reinhard Ernst fordert Reformen ohne Ausreden

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Reinhard Ernst baute zwei Firmen auf und schenkte Wiesbaden einen spektakulären Museumsbau. Jetzt fordert der Mäzen weniger Ausreden und mehr Mut zu klaren Reformen. Wenn Reinhard Ernst im "Zuckerwürfel" steht, ist er ganz in seinem Element. So wird der moderne Museumsbau mitten in Wiesbaden bisweilen aufgrund seines Aussehens genannt. Dann referiert Ernst über zwei tonnenschwere Statuen des britischen bildenden Künstlers Tony Cragg, erklärt die Farbkompositionen in den Werken Wolfgang Holleghas und freut sich darüber, dass abstrakte Kunst eigentlich Kunst für Kinder sei. Doch Ernst ist kein Museumsführer oder Künstler – sondern Unternehmer. Und hat das Museum, das vor rund zwei Jahren eröffnet wurde, für knapp 90 Millionen Euro bauen lassen. Zuvor hatte Ernst seine beiden Firmen, die er über Jahrzehnte aufbaute, für mehrere Hundert Millionen Euro verkauft und gemeinsam mit seiner Frau Sonja eine Stiftung gegründet. Was treibt einen Menschen wie ihn an? t-online hat Ernst zum Interview im Museum Reinhard Ernst getroffen – und mit ihm über notwendige Reformen der schwarz-roten Koalition, eine Vermögensteuer und das Auseinanderdriften der Gesellschaft gesprochen. Neue EU-Regeln: Das gilt sofort, unverzüglich t-online: Herr Ernst, Unternehmer, Mäzen, Kunstsammler – was sind Sie am ehesten? Reinhard Ernst: Unternehmer. Mäzen bin ich irgendwann geworden, Kunstsammler auch. Das plant man ja nicht. Man kauft zuerst Bilder, weil man ein schönes Zuhause haben möchte. Und irgendwann merkt man: Man besitzt mehr Bilder als Wände. Im Kern halte ich mich aber für einen normalen mittelständischen Unternehmer. … der für 90 Millionen Euro einer Stadt ein Museum geschenkt hat. Aber darauf kommen wir noch zu sprechen. Was macht einen solchen Unternehmer aus? In einem Wort: Verantwortung. Vor allem Verantwortung für Mitarbeiter. Ich bin ja nicht als Unternehmer auf die Welt gekommen. Ich habe bei null angefangen. Zu Hause hatten wir wenig Geld, aber in der Kindheit habe ich etwas Wichtiges gelernt. Meine Großmutter sagte immer: "Denk dran, du bist nicht allein auf der Welt." Dieser Satz ist mir geblieben. Was heißt er für Ihr Unternehmertum? Für mich war immer klar: Mitarbeiter belügt man nicht. Man sagt ihnen, wenn etwas nicht gut läuft. Aber man steht eben auch zu ihnen. Ich habe immer gesagt: Nicht das Produkt ist der wichtigste Teil einer Firma, sondern der Mitarbeiter. Die Produkte entstehen durch Menschen. Sie sind in einfachen Verhältnissen groß geworden, haben eine Ausbildung zum Speditionskaufmann gemacht. Klingt nicht nach der klassischen Unternehmerkarriere. War es auch nicht. In der Schule war ich, ehrlich gesagt, nicht besonders fleißig. Ich habe viel lieber Fußball gespielt. Aber schon die Ausbildung hat mir die Augen geöffnet. Dort habe ich gelernt, mit Menschen umzugehen, Verantwortung zu übernehmen und auch eigene Ideen zu entwickeln. Ich hatte damals schon den Gedanken: Irgendwann machst du etwas Eigenes. Dann kam eins zum anderen. Ich habe Menschen kennengelernt, die eine Firma gründen wollten, war von Anfang an dabei und später Teil eines Management-Buy-outs. Daraus sind zwei Unternehmen entstanden. Die Harmonic Drive GmbH und die Ovalo GmbH, beide mit Sitz in Limburg an der Lahn, beide enorm gewachsen. Als wir Anfang der Achtziger nach Limburg gegangen sind, waren wir 28 Leute. Als ich die Unternehmen verkauft habe, waren es in beiden Firmen zusammengenommen mehr als 500 Mitarbeiter. Darauf bin ich schon stolz. Vor allem, weil wir nicht einfache Industrieprodukte gefertigt haben. Die Firmen entwickeln und fertigen hochpräzise Getriebe – für Robotik, Industrie, teilweise sogar für Raumfahrttechnik. Unsere Getriebe fahren auf dem Mars herum! Dafür braucht man hervorragende Ingenieure, die besten Mitarbeiter. Sie sprechen sehr oft über Mitarbeiter. Weil sie entscheidend sind. Ich wollte immer Menschen finden, die in ihrem Bereich besser sind als ich selbst. Das muss ein Unternehmer aushalten können. Klar: Der Chef muss auch Ahnung haben von dem, was die Firma macht. Doch wenn es um Spezialfragen geht, muss er sich auf die Mitarbeiter verlassen können. Und ich habe mich auch um Leute gekümmert, wenn sie private Probleme hatten. Wenn jemand in Schwierigkeiten war, habe ich versucht zu helfen. Nicht aus Kalkül, sondern weil ich überzeugt bin, dass ein Unternehmen nur funktioniert, wenn Menschen Vertrauen haben. Das spricht sich herum. Deshalb hatten wir auch sehr wenig Fluktuation. Sie haben Ihre Firmen 2016 verkauft. Wie schwer war das für Sie? Ziemlich schwer. Wenn man jahrzehntelang praktisch jeden Tag arbeitet, oft 80 Stunden die Woche, ist das nicht einfach. Wobei diese Arbeit ja nicht nur Belastung war. Es hat große Freude gemacht. Aber irgendwann muss man sich die Frage stellen: Was passiert mit den Firmen, wenn man älter wird? Ich wollte auf keinen Fall erleben, dass die Unternehmen nach dem Verkauf zerschlagen werden oder Mitarbeiter ihren Job verlieren. Deshalb habe ich über Jahre sehr genau überlegt, an wen ich verkaufe. Und gleichzeitig entstand die Idee für das Museum in Wiesbaden? Ja. Während des Verkaufsprozesses lief die Planung für ein Museum für abstrakte Kunst in meinem Kopf eigentlich schon mit. Deshalb bin ich nach dem Verkauf auch nicht in ein Loch gefallen. Ich hatte sofort wieder eine große Aufgabe. Meine Frau Sonja und ich haben uns irgendwann gefragt: Was machen wir eigentlich mit unserem Vermögen? Wir haben keine Kinder. Selbst wenn wir Kinder gehabt hätten, hätten wir eine Stiftung gegründet. Dann hätten wir unseren Nachkommen eben etwas weniger vererbt. Warum? Wir können nicht immer nach dem Staat rufen und fordern: Der muss das schon richten. Wenn man die Möglichkeit hat, etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu tun, sollte man das auch umsetzen. Wir wollen das Vermögen nicht nur verwalten und vererben, sondern etwas bewirken, das vielen Menschen zugutekommt. Wie sieht das konkret aus? In Japan haben wir nach dem Tsunami 2011 eine Begegnungsstätte für Kinder und ältere Menschen gebaut. In Eppstein haben wir eine Musikschule gebaut, weil Kinder dort keine vernünftigen Übungsräume hatten. Und aus dieser Haltung heraus ist später auch das Museum entstanden. Mir geht es auch darum, mit gutem Beispiel voranzugehen. Wer viel bekommen hat oder sich erarbeiten konnte, sollte sich fragen: Was gebe ich der Gesellschaft zurück? Das muss nicht immer ein Museum sein. Aber irgendetwas kann und sollte jeder tun, der die Mittel dazu hat. Das wäre zumindest meine Idealvorstellung. Gehalt und Vermögen: Ab wann gilt man in Deutschland als reich? Neuer Gehaltsrechner: Mit diesem Einkommen zählen Sie zur Oberschicht Sie sagen: Vermögende Menschen sollten mehr Verantwortung übernehmen. Sind Sie also für höhere Steuern für Reiche? Ich könnte mir eine höhere Erbschaftssteuer durchaus vorstellen, ja. Und eine Vermögenssteuer? Bei der Vermögenssteuer wird oft so getan, als wäre das ganz einfach: Die Vermögenden zahlen mehr und fertig. Aber so funktioniert das nicht. Was ist ein Unternehmen wert? Was sind Firmenanteile wert? Mein Vermögen lag ja nicht einfach auf einem Konto, sondern steckte in Beteiligungen und Firmenstrukturen. Das alles jedes Jahr neu zu bewerten, wäre ein riesiger bürokratischer Aufwand. Viele Menschen verstehen nicht, was das praktisch bedeuten würde. Bei der Erbschaftssteuer ist das etwas anderes. Hier geht es um eine vorhandene Steuer, die man überarbeiten und teilweise erhöhen kann. Auch die Einkommenssteuer muss auf den Prüfstand. Ex-Multimillionär zur Erbschaftssteuer: "Das empfinde ich als Frechheit" Steuerklassen und Freibeträge: Tabelle zeigt, wie hoch die Erbschaftsteuer ausfällt Eine Position, die man eher selten von einem Unternehmer hört. Ja, das mag sein. Aber Einkommenssteuer und Erbschaftssteuer sind die zwei Stellschrauben, an die wir ranmüssen. Gleichzeitig muss man ehrlich sein: Deutschland hat kein Einnahmeproblem, sondern ein Ausgabeproblem! Als Unternehmer konnte ich nie dauerhaft mehr ausgeben, als ich hatte. Der Staat macht das derweil seit Jahren. Ich glaube, viele Menschen wären sogar bereit, mehr Steuern zu zahlen, wenn sie das Gefühl hätten, das Geld kommt dort an, wo es gebraucht wird. Genau hier liegt das Problem. Wo zum Beispiel? Bei Kindern und Bildung. Ich verstehe bis heute nicht, warum Kindergärten und Krippen in Deutschland nicht kostenfrei sind. Eltern sollen arbeiten, Kinder bekommen – und gleichzeitig kosten Kitas oftmals mehrere Hundert Euro im Monat. Das passt doch nicht zusammen! Da würde ich sofort sagen: Dafür zahle ich gerne mehr Steuern. Wenn ich wüsste, das Geld landet wirklich dort. Wie blicken Sie derzeit auf Deutschland? Ja, wir haben Probleme. Aber ich glaube, dass vieles dramatisiert wird. Dass viele Unternehmer und Firmen sich schnell beklagen, nicht zuletzt damit der Staat hilft. Was mir allerdings große Sorgen macht, ist die gesellschaftliche Entwicklung: Die Menschen verlieren Vertrauen in Politik und Institutionen. Gleichzeitig treiben soziale Medien die Gesellschaft immer weiter auseinander. Was meinen Sie damit? Diese ständige Aggressivität, diese Beleidigungen, dieses Schwarz-Weiß-Denken. Früher gab es das in dieser Form nicht. Heute wird alles sofort emotionalisiert, radikalisiert – und das anonym. Ich sage: Soziale Medien müssen ganz klipp und klar reguliert werden. Jeder sollte zu dem stehen, was er oder sie sagt. Sonst kippt die gesellschaftliche Stimmung vollends. Eine Regulierung sozialer Medien ist extrem komplex, das ist ein Thema, bei dem die Politik aktiv werden müsste. Richtig, das Problem ist: Ihr fehlt häufig der Mut, Reformen wirklich anzugehen, nicht zuletzt, weil sie den Druck der großen amerikanischen Firmen und der amerikanischen Politik fürchten. Nennen Sie ein weiteres Beispiel. Wir haben in Deutschland ein enormes Bürokratieproblem. Immer neue Vorschriften, immer neue Meldepflichten. Als Unternehmer erlebt man ständig Vorgänge, bei denen man sich fragt: wofür eigentlich? Und gleichzeitig hat man oft das Gefühl, dass Politik nur noch kurzfristig reagiert, statt langfristig Weichen zu stellen. Ich möchte den Politikern nicht den guten Willen absprechen, Bürokratie abzubauen, aber das Problem ist, dass sie das Abbauen nicht selbst in der Hand haben. Das sollte von unserem Verwaltungsapparat gemacht werden. Dass sich die Verwaltung selbst abbaut, halte ich für schwierig umzusetzen. Natürlich ist es machbar und es muss unbedingt vorangehen. Aber es müssen grundsätzliche Veränderungen stattfinden. Das dauert alles viel zu lange. Sie wirken politisch schwer einzuordnen. Wahrscheinlich, weil ich vieles aus unterschiedlichen Richtungen sehe und danach handele. Ich habe keine fest gefahrene Meinung und bin auf keine der demokratischen Parteien festgelegt. Von Haus aus bin ich ein Liberaler, in sozialen Fragen denke ich sozialdemokratisch, und mein Handeln ist christdemokratisch. Im Übrigen glaube ich, dass ein Staat nur funktioniert, wenn Menschen Verantwortung übernehmen – Politiker genauso wie Unternehmer, aber auch Bürgerinnen und Bürger im Rahmen von ehrenamtlichen Tätigkeiten. Und ich glaube, dass wir wieder lernen müssen, mehr an uns selbst zu glauben. Wir müssen wieder mehr handeln, statt nur noch darüber zu reden, was alles nicht funktioniert. Das geht mir extrem gegen den Strich und ich kann es nicht mehr hören. Herr Ernst, vielen Dank für das Gespräch!



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