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Dom Köln verlangt ab Juli Eintritt: Warum das ein Fehler ist

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Die Kirche will Eintritt für den Kölner Dom verlangen. Das ist ein Fehler. Denn nicht nur die Kirchen leben davon, dass sich Menschen begegnen können. Ab Juli soll der Besuch des Kölner Doms 12 Euro Eintritt kosten. Eine bisher kostenlose Gelegenheit zur inneren Einkehr wird ein bezahltes kulturelles Angebot. Das sagt mehr über die Kirche und die umgebende Gesellschaft aus, als uns lieb sein kann: Orte der Großzügigkeit, Gelegenheiten zur zufälligen Begegnung, und bisher freiwillige Gesten verwandeln sich in Geschäftsideen. Für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist das keine gute Nachricht. Der berühmte amerikanische Rechtsphilosoph Michael Sandel hat einmal ein Buch mit dem Titel "Was man für Geld nicht kaufen kann" geschrieben. Eine Gesellschaft dürfe nicht alles dem Markt und seinen Gesetzen überlassen, argumentiert er. Denn wenn alles käuflich sei, würden am Ende Tugenden wie Geduld, Disziplin und Hilfsbereitschaft durch eine kühle Dienstleistungsgesellschaft verdrängt. Wenn alles ein Preisschild bekomme, verschwinde das Zwischenmenschliche, die solidarische Gesellschaft. Ich wünsche mir, das Kölner Domkapitel würde Sandels Buch lesen, bevor es sein Kassenhäuschen am Kölner Dom aufstellt. Sandel meint, dass der Zusammenhalt in einer Gesellschaft verschwindet, wenn alles mit Geld abgegolten wird. Man steht nicht mehr mit anderen in der Schlange vor einem Konzert, wenn man ein teures VIP-Ticket kauft. Man braucht sich nicht bei der Kindergärtnerin für das zu späte Abholen des Kindes zu entschuldigen, weil man einen Verspätungszuschlag bezahlt. Warum soll man Organspender werden , wenn die Niere nach einem schweren Unfall wenigstens die Beerdigungskosten decken könnte? Oder, noch krasser: Warum soll man seinen Angehörigen morgens kostenloses Frühstück geben, wenn dieselbe Arbeit in der Bäckerei um die Ecke bezahlt wird? In der Kirche treffen sich Gläubige und Nicht-Gläubige Ist es also falsch, für den Besuch des Kölner Doms ein fettes Eintrittsgeld zu verlangen – schließlich will kaum jemand dort beten, aber alle wollen herumlaufen und schauen? Ohne ein Ticket kommt man weder in Florenz noch in Venedig in den Dom. In Andalusien zahlt man Eintritt, wenn man die Mezquita in Cordoba betreten will, in Barcelona , wenn die Sagrada Família in Augenschein genommen werden soll. Warum also nicht auch in Köln ? Eine falsche Entscheidung wird nicht besser, wenn sie von vielen getroffen wird. Das Argument, die Leute wollten ja gar nicht die Kirche besuchen, sondern eher die Kunstschätze bestaunen, sie gingen also eher in ein Museum als in ein Gotteshaus, ist schwach. Denn die Kirche will ja beides: Sie will ein Gotteshaus bleiben, und Museumspreise nehmen. Noch wichtiger als das Selbstverständnis der Kölner Domherren aber ist ein anderer Punkt: Kirchen sind und waren immer Orte der zufälligen Begegnung von Gläubigen und Nicht-ganz-so-Gläubigen. Sie waren Orte der Gelegenheiten, auch abseits der Gottesdienstzeiten einmal innezuhalten. Sich im Regen kurz unterzustellen und Menschen zu sehen, die man sonst nicht trifft: Traurige, Fröhliche, Andächtige, Dumme, Reiche, Arme. Oder eine Kerze anzuzünden. Solche Gelegenheiten zum Schutz und Trost werden versperrt, wenn ein teurer Eintrittspreis entrichtet werden muss. Weitere Gebühren für Selbstverständlichkeiten? Ebenso wie öffentliche Parks, Bibliotheken oder Bahnhöfe sind Kirchen zentrale Orte, an denen man sich gemeinsam mit Unbekannten aufhält, sich gelegentlich die Tür aufhält, zur Seite tritt oder sich kurz grüßt. Diese Orte werden immer wichtiger, je weniger sich Menschen begegnen, je mehr sie ihre sozialen Kontakte auf diejenigen beschränken, die sie ohnehin schon kennen. Es ist wichtig, die Plätze des Zufälligen zu verteidigen. Wie soll man Verständnis für die Lage von Anderen entwickeln, wenn man sie nicht mehr im Blickfeld hat? Wenn am Ende alles zu Geld gemacht würde, wären die Kirchen sicher die Ersten, die die Verrohung der Gesellschaft anprangerten. Was, wenn sich die Mütter und Töchter (und natürlich auch die Väter und Söhne) im Land der Kölner Überlegung anschließen und ebenfalls Geld für bisher Selbstverständliches verlangen würden: Das Frühstück für 9,80 Euro, die Begleitung zu Schule und Kindergarten für 15 Euro pro Strecke, das Waschen, Bügeln und Staubsaugen zu Marktpreisen, die Altenpflege zu Pflegeheimtarifen? Das Statistische Bundesamt hat vor zehn Jahren einmal untersucht, wie viel die Arbeit in der Familie, im Privaten und im Ehrenamt wert wäre, wenn sie bezahlt werden müsste. Die Ökonomen kamen auf ein Drittel der bisher ausgewiesenen Bruttowertschöpfung im BIP. Das privatwirtschaftliche Prognos-Institut rechnete aus, dass allein Kinder- und Angehörigenpflege im Haushalt 1,2 Billionen Euro wert wären, wenn sie bezahlt werden müssten. Das Bruttoinlandsprodukt würde sehr schön anschwellen, so wie auch das Eintrittsgeld im Dom das Wirtschaftswachstum ein bisschen ankurbeln wird. Falsch wäre es trotzdem, so zu handeln. Gerade eine liberale und freie Gesellschaft kann ohne Freiwilligkeit, Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft nicht überleben.



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