Ein Ex-Drogenboss unterstützt ihn, Trump lobt ihn, Skandale schrecken seine Wähler nicht ab. In Kolumbien greift ein rechtsextremer Anwalt nach der Macht. Eigentlich war Carlos Lehder in den vergangenen Jahren kamerascheu. Der Deutsch-Kolumbianer war einst die "rechte Hand" des Drogenbarons Pablo Escobar, verantwortete unzählige Morde, saß mehr als 30 Jahre in den USA im Gefängnis und kam erst 2020 wieder frei. Seit Anfang dieses Jahres aber ist er auf der Plattform TikTok aktiv – und besonders große Aufmerksamkeit erreichte eines seiner Videos von Anfang Juni. Gut eine Woche nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen in Kolumbien trat Lehder, mit dem gelben Trikot der kolumbianischen Fußballnationalmannschaft gekleidet, vor die Kamera. Er sprach von "Freiheit", einem "Bürgersinn" und rief die Kolumbianer dazu auf, bei der Stichwahl am kommenden Sonntag unbedingt ihre Stimme abzugeben. Lehder nannte keine Namen, doch seine Kleiderwahl machte seine Präferenz unübersehbar: Der Ex-Drogenboss unterstützt den rechtsextremen Kandidaten Abelardo de la Espriella. Putins Ölwirtschaft: "Das wird für Russland zum Problem" Neue UNHCR-Zahlen: Millionen kehrten zurück, aber viele davon unfreiwillig De la Espriella, der die erste Wahlrunde überraschend deutlich gewann, hat das kolumbianische Nationaltrikot zum Symbol seines Wahlkampfs gemacht. Wo er auftrat, dorthin strömten seine Anhänger einheitlich mit dem Fußballdress gekleidet. Das sattgelbe Hemd ist ein Nationalsymbol, und de la Espriella hat es für seine Kampagne gekapert – zum großen Missfallen seiner politischen Gegner. Doch der ehemalige Drogenboss Lehder ist nicht der wichtigste Unterstützer des Präsidentschaftskandidaten. Trump sagt de la Espriella seine Unterstützung zu Kurz nach der ersten Wahlrunde kam eine Nachricht aus Washington , auf die de la Espriella lange warten musste: US-Präsident Donald Trump sprach ihm seine "vollständige und uneingeschränkte Unterstützung" aus. Trump bezeichnete den Kandidaten als "klugen, starken und entschlossenen Anführer" und erklärte, dessen Wahlsieg sei wichtig für die Zukunft Kolumbiens und die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. De la Espriella, so scheint es, ist das nächste Puzzlestück im Versuch der US-Administration, Regierungen in Lateinamerika nach einem Linksruck auf dem Kontinent wieder nach rechts zu lenken. Bereits Jair Bolsonaro in Brasilien , Javier Milei in Argentinien, José Antonio Kast in Chile und viele weitere rechte Kandidaten konnten auf Trumps Unterstützung im Wahlkampf zählen, die meist zum Sieg führte. Doch wer ist der neue Mann von Trumps Gnaden in Kolumbien ? Anwalt von Verbrechern und De la Espriella wurde 1978 in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá geboren, wuchs jedoch vor allem in Montería im Norden des Landes in einer Familie der Oberschicht auf. Die Region um Montería ist von Viehzucht geprägt und gilt als eine Hochburg der Paramilitärs, also der rechten Milizen, die den linken Guerillas im Land vor Jahrzehnten den Kampf angesagt haben. De la Espriella dürfte dort schon früh Kontakte zu diesen Gruppen geknüpft haben. Später wurde er Rechtsanwalt und vertrat allerhand Figuren der kolumbianischen Unterwelt. Paramilitärs, Drogenbosse, Betrüger und auch Alex Saab, der ehemalige Strohmann des gestürzten venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro, waren seine Klienten. Besonders letzteres entbehrt nicht einer gewissen Ironie. De la Espriella stellt Venezuela oft als Feindbild dar, aber durch die Verteidigung Saabs profitierte er wohl von den Geldern des venezolanischen Regimes. Aufsehenerregende Fälle und sein stets schillerndes Auftreten brachten ihm bald große Aufmerksamkeit und ein Vermögen in Millionenhöhe ein. In die Politik ging de la Espriella jedoch erst im vergangenen November. Damals startete er seinen Wahlkampf. Seine Bewegung nennt sich "Defensores de la Patria" ("Verteidiger des Vaterlands"). Ihr Motto: "Firme por la patria" ("Standhaft für das Vaterland"). Trump, Milei, Bukele: Kolumbien soll die Mischung bekommen Im Wahlkampf verbindet er Elemente mehrerer rechter Politiker aus Nord- und Südamerika. Donald Trump ist sein Vorbild als "Außenseiter", der das "Establishment" aufmischen will. Ebenso pflegt de la Espriella wie Trump das Bild des erfolgreichen Unternehmers: Er führt eine Anwaltskanzlei und eine Viehzucht, verkauft auch alkoholische Getränke und Kleidung. Jedoch schreiben fast alle seiner Unternehmen rote Zahlen, einzig seine Kanzlei wirft Geld ab. Vom argentinischen Präsidenten Javier Milei hat sich de la Espriella radikale Kürzungen im Staatsapparat abgeschaut und seine Vorliebe für einen tierischen Spitznamen. Milei bezeichnet sich selbst als Löwen, Abelardo de la Espriella ist "El tigre", der Tiger. Wie Nayib Bukele aus El Salvador will der Kolumbianer riesige Gefängnisse bauen und eine besonders harte Hand gegen das organisierte Verbrechen walten lassen. Auch das Aussehen der beiden Politiker ähnelt sich sehr, mit dem streng konturierten Bart. Und schon der brasilianische Ex-Präsident Jair Bolsonaro hatte das Nationaltrikot der Seleção für seine politischen Zwecke missbraucht. Auch die Nähe zu christlichen Fundamentalisten verbindet de la Espriella mit Bolsonaro, den Medien häufig als "Tropen-Trump" betitelten. All diese Kandidaten hatte Trump bereits früher erfolgreich unterstützt. Umso mehr hoffte auch de la Espriella auf den Segen aus Washington. Als dieser kam, kündigte er sogleich an, enger mit den USA zusammenarbeiten zu wollen. Neben der kolumbianischen Staatsbürgerschaft besitzt er auch einen US-amerikanischen und einen italienischen Pass. Die Vereinigten Staaten und Kolumbien seien "Schwesternationen", die durch gemeinsame Werte verbunden seien. Beide Länder würden gemeinsam gegen den "Drogenterrorismus" vorgehen und Freiheit sowie freies Unternehmertum verteidigen. Das ist ein Kandidat ganz nach Trumps Geschmack. Skandale begleiten de la Espriellas Wahlkampf Im Wahlkampf startete de la Espriella durch, obwohl er auch mehrfach Skandale produzierte. So gab er einst in einem Interview preis, dass er als Kind Katzen Feuerwerkskörper an den Schwanz gebunden und diese dann explodieren lassen habe. Er habe sich dabei amüsiert, erklärte er. In einer Livesendung belästigte er außerdem eine Journalistin: Er zeigte ihr ein Foto von sich selbst und forderte sie mehrfach dazu auf, auf seinen Schritt zu zoomen – denn die Größe seiner Genitalien würde ihm viele Stimmen bei der weiblichen Wählerschaft einbringen. Trotzdem gewann de la Espriella die erste Runde der Wahlen deutlich mit 43,7 Prozent der Stimmen. Am Sonntag tritt er gegen den linken Senator Iván Cepeda an, der nur rund 41 Prozent der Stimmen auf sich vereinte, obwohl ihn die Umfragen durchgehend als Favoriten gesehen hatten. Cepeda und die kolumbianische Linke sind seit jeher das Feindbild de la Espriellas. Als er seinen Wahlkampf startete, tat er dies mit einer Drohung an seine Gegner: "Seid euch bewusst, meine Herren von der Linken, dass ihr in mir immer einen erbitterten Feind haben werdet, der alles in seiner Macht Stehende tun wird, um euch auszuweiden." Den noch amtierenden linken Präsidenten Gustavo Petro bezeichnete er mehrfach als "Drogensüchtigen" und "Verbrecher", dessen möglichen Nachfolger Iván Cepeda als "Banditen" und "Erben der Farc", der einst größten Guerilla des Landes. Seit der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen hat sich der Wind in Kolumbien gedreht. Die Umfragen sehen nun de la Espriella in der Stichwahl vorn, teils mit weitem Abstand. Zur Mäßigung des Kandidaten trug das jedoch nicht bei. Auf der letzten Veranstaltung seiner Kampagne rief er seinen Anhängern zu: "Das war kein gewöhnlicher Wahlkampf, das war ein nationaler Kreuzzug!" Die Rede hielt er in Guadalajara de Buga, dem christlichen Wallfahrtsort, wo er seinen Wahlkampf auch eröffnet und die dort ausgestellte Christusstatue darum gebeten hatte, die Wahl für ihn zu gewinnen.