Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, wer aus Wut politische Entscheidungen trifft, landet in der Sackgasse: Das ist die wichtigste Erkenntnis an diesem 23. Juni 2026. Auf den Tag genau zehn Jahre ist es her, dass die Briten mit einer knappen Mehrheit für den Austritt aus der Europäischen Union stimmten. Gestern hat nun der sechste Premierminister seit dem historischen Referendum seinen Hut genommen: Keir Starmer hat seinen Rücktritt angekündigt; neben Rückhalt in der Labour-Partei fehlten ihm auch Fortüne, Charme und die für politische Spitzenjobs notwendige Abgebrühtheit. Gescheitert ist er jedoch genauso wie seine Vorgänger in erster Linie an den Folgen des Brexits. Die aktuelle Regierungskrise in London ist ein Lehrstück über die verheerenden Schäden populistischer Politik. Was hatten die Brexit-Propagandisten, allen voran der Faktenverdreher Nigel Farage und die Boulevardpresse von Verleger Rupert Murdoch, nicht alles versprochen: den Stopp der illegalen Einwanderung, schlagartig mehr Arbeitsplätze, mehr Wohlstand und mehr Sicherheit für alle, die Wiederauferstehung des glorreichen Great Britain. Premier David Cameron setzte fröhlich pfeifend das Referendum an, sein Nachfolger Boris Johnson gondelte mit einem Bus voller Lügen durch den Wahlkampf. Heute ist klar: Der Brexit hat den Briten nicht geholfen, sondern ihnen im Gegenteil massiv geschadet. - Die Haushaltsbehörde des Vereinigten Königreichs rechnet seit 2016 mit 15 Prozent geringeren Ex- und Importen und einem daraus folgenden Produktivitätsverlust von 4 Prozent. Eine Analyse des Ökonomen Nicholas Bloom beziffert das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um 6 bis 8 Prozent niedriger als ohne Brexit. Großbritannien bleibt wirtschaftlich unter seinen Möglichkeiten. - Die nach dem Brexit geschlossenen Freihandelsabkommen sind der Behörde zufolge rund 13 Milliarden Pfund wert – stehen jedoch Brexit-Kosten in Höhe von rund 116 Milliarden Pfund gegenüber. Wer den größten Markt vor der Haustür verlässt, kann den Verlust nicht durch ferne Handelspartner kompensieren. - Die illegale Einwanderung ist nicht gesunken, im Gegenteil: Die Zahlen stiegen nach dem EU-Austritt stark an und verharren seither auf hohem Niveau. Weder der Ruanda-Plan noch das Rückführungsabkommen mit Frankreich haben daran etwas geändert. - Die britische Politik gleicht einem Tanz auf dem Vulkan, verlässliches Regierungshandeln ist kaum möglich. Millionen Brexit-Anhänger sehen ihre Hoffnungen enttäuscht, Millionen Brexit-Gegner fühlen sich erst recht von der Politik in die Irre geführt. Selbst eine Regierungsmannschaft, die nach einem Erdrutschsieg das Ruder übernommen hat, vermag das Land nicht zu beruhigen. Der EU-Austritt hat das politische System nicht "befreit", sondern hat ihm eine selbstzerstörerische Spannung implementiert, die eine Regierung nach der anderen zerreißt. Das Fazit ist daher eindeutig: Der EU-Austritt hat den Briten keine souveräne Stabilität beschert, sondern ein Jahrzehnt der Chaospolitik und einen grassierenden Wohlstandsverlust. Der Lebensstandard sinkt, die öffentliche Infrastruktur verfällt, die Grenzen sind immer noch nicht dicht. Der ehemalige EU-Chefunterhändler Michel Barnier bringt es auf den Punkt: Zwar seien nicht alle Probleme Großbritanniens auf den Brexit zurückzuführen – doch jede einzelne Schwierigkeit des Landes werde durch den Brexit verschärft. Das hat auch die Mehrheit der Bürger mittlerweile begriffen: Einer Umfrage des Council on Foreign Relations zufolge bewerten zwei Drittel der Briten den Brexit heute negativ . Unter Jüngeren fällt der Trend noch deutlicher aus: Mehr als 80 Prozent der Unter-25-Jährigen wollen den Exit vom Brexit . Trotzdem hat sich Nigel Farage wieder zum beliebtesten Politiker des Landes aufgeschwungen und trommelt mit seiner Protestpartei Reform UK für noch mehr Nationalismus. Enttäuscht und gefrustet von den demokratischen Parteien, laufen ihm viele Wähler zu. Man könnte es Unbelehrbarkeit nennen. Leider ist dasselbe Phänomen auch in Frankreich und in Deutschland zu beobachten. Hierzulande propagiert die AfD den Austritt Deutschlands aus der EU – in den Umfragen liegt sie mittlerweile auf Platz eins. Dass nur 12 Prozent ihrer Anhänger den "Dexit" unterstützen, scheint die Funktionäre nicht zu stören. Sollte die AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern an die Regierung gelangen, kann sie im Bundesrat Einfluss auf die Bundespolitik nehmen. In Frankreich wiederum trommelt der Rassemblement National für eine EU-feindliche Politik – in den Umfragen ist er die erfolgreichste Partei und sein Frontmann Jordan Bardella der beliebteste Politiker des Landes. Seine Chancen auf das Staatspräsidentenamt im kommenden Frühjahr wachsen . Populistische Bewegungen wie die Brexiteers, der RN und die AfD schöpfen ihre Kraft aus blinder Wut, aus dem Frust und dem Ohnmachtsgefühl vieler Wähler, die sich von echten oder vermeintlichen Eliten übergangen fühlen. Sie schüren den Furor und versprechen das Blaue vom Himmel. Kommen sie jedoch in die Verlegenheit, ihre Verheißungen erfüllen zu müssen, scheitern sie in der Regel oder richten Chaos an – siehe Donald Trump. Im Hinblick auf die kommenden Wahlen in Deutschland und Frankreich kann man allen Wählern daher nur raten, erst nachzudenken, bevor sie ihr Kreuzchen machen. Wer für erbitterte EU-Gegner stimmt, schadet sich selbst. Würde sich diese Erkenntnis rechtzeitig auf dem Kontinent durchsetzen, hätte der Brexit im Nachhinein doch noch etwas Gutes: als abschreckende Warnung. RENTENREFORM Kommission legt Bericht vor Heute Morgen um 9 Uhr legt die von der Bundesregierung eingesetzte Alterssicherungskommission im Kanzleramt ihren Bericht vor. Weil die 33 Empfehlungen der Experten aber schon im Vorfeld bekannt geworden sind , gibt es bereits zahlreiche Reaktionen. Kritik kommt erwartungsgemäß von den Oppositionsparteien. So bezeichnete es die Grünen-Fraktionsvorsitzende Britta Haßelmann als Fehler, das Rentenniveau nicht dauerhaft bei 48 Prozent zu stabilisieren. Die Linken-Fraktionsvorsitzende Heidi Reichinnek wies die Vorschläge als "Schlag in die Magengrube" zurück. Der Sozialverband sorgt sich um den Einstieg in die Kapitaldeckung, der Handelsverband hält die vorgesehene Abschaffung von Minijobs für einen gefährlichen Irrweg. Dem Ökonomen Marcel Fratzscher geht die schrittweise Erhöhung des Renteneintrittsalters zu langsam. All das vermittelt einen Eindruck davon, welch vielstimmige Debatten in den kommenden Tagen folgen werden. Das ist einerseits verständlich, handelt es sich doch um einen Katalog von Zumutungen, deren größte wohl die ist, dass die Menschen künftig länger als bis 67 arbeiten müssen. Andererseits ist der demografische Wandel nun mal nicht von der Hand zu weisen – und die Zeit für eine Reform des bestehenden Systems überreif. Insofern klingt es ermutigend, dass Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) das Kompendium als "Gesamtkunstwerk" gelobt hat. Denn der größte Fehler, den die schwarz-rote Koalition nun machen könnte, wäre, das Paket wieder aufzuschnüren, um bloß keiner Interessengruppe wehzutun. IRAN UND NAHOST Verhandlungen gehen weiter US-Vizepräsident JD Vance ist gestern schon abgereist, auf "technischer Ebene" sollen die Verhandlungen um ein dauerhaftes Friedensabkommen mit dem Iran jedoch weitergehen: So ist der Stand nach der ersten Gesprächsrunde der Konfliktparteien in der Schweiz. Offenbar hat das Teheraner Regime dabei grundsätzlich zugestimmt, wieder Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde ins Land zu lassen – wenngleich noch ohne konkreten Zeitplan. Wie die Vermittlerstaaten Katar und Pakistan erklärten, wurde außerdem ein Gesprächskanal geschaffen, um Zwischenfälle in der Straße von Hormus zu vermeiden. Das wäre eine gute Nachricht für die globale Energieversorgung. Während in Washington heute auch Israelis und Libanesen wieder direkt verhandeln wollen, bricht US-Außenminister Marco Rubio in drei Golfstaaten auf. Zunächst in den Vereinigten Arabischen Emiraten, dann in Kuwait und Bahrain will der amerikanische Chefdiplomat das Rahmenabkommen mit dem Iran erläutern. Zudem dürfte er versuchen, das verlorene Vertrauen in die Schutzmacht USA zurückzugewinnen. HOCHSOMMER Es bleibt heiß Wer auf Abkühlung hofft, braucht noch Geduld: Vorerst bleibt es hierzulande heiß. Im Südwesten könnten die Temperaturen diese Woche sogar an der 40-Grad-Marke kratzen – für Juni ein noch nie gemessener Wert. Ob sich die aktuelle Wetterlage über den gesamten Siebenschläferzeitraum bis Anfang Juli behauptet oder ob sich kühlere und feuchtere Luftmassen durchsetzen, hängt von mehreren Faktoren ab. Meine Kollegin Ellen Ivits gibt Ihnen den Überblick . Lesetipps Die letzten Wahlergebnisse für die SPD waren trostlos. Die Umfragen für die nächsten sind es auch. Aber hoch oben im Nordosten ist die Hoffnung zu Hause, schreibt unser Kolumnist Uwe Vorkötter. Artikel lesen Dummdreist: Der neue Linksparteichef Luigi Pantisano behauptet, die CDU mache "faschistische Politik". Nach massiver Kritik rudert er halbherzig zurück – das dämpft die Empörung jedoch kein bisschen, berichtet unsere Reporterin Camilla Kohrs. Artikel lesen Die Menschheit verstrickt sich in Kriege und Konflikte, derweil verschärft sich die Klimakrise. Jetzt helfen nur noch drastische Schritte, meint der Philosoph Kohei Saito im Interview mit meinem Kollegen Marc von Lüpke. Artikel lesen Rund 260.000 Menschen gehen jedes Jahr abschlagsfrei in Frührente. Geht es nach der Rentenkommission, soll das künftig nicht mehr möglich sein. Meine Kollegin Christine Holthoff zeigt Ihnen, wer wann betroffen wäre. Artikel lesen Ohrenschmaus Der passende Song zum Sonnenschein? Bitte sehr . Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen produktiven Tag. Herzliche Grüße und bis morgen Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online Mit Material von dpa und Reuters, Recherche unterstützt von Google Gemini und Anthropic Opus.