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Demokratie in der Krise: Leben wir schon in der Idiotenherrschaft?

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Lange sah es so aus, als würde die Demokratie als Krone der Schöpfung unter den Staatsformen obsiegen. Das ist widerlegt. Und lässt unseren Kolumnisten schwanken zwischen Verzweiflung und letzter Hoffnung in die Maschine. Neulich hat mich meine Frau auf einen Artikel in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" aufmerksam gemacht. Es gibt da offenbar ein neues Phänomen, das sich Heterofatalismus nennt. Ganz präzise müsste man von Heterafatalismus sprechen, denn es geht, wenn ich es richtig verstanden habe, um Frauen, die sich damit abgefunden haben, heterosexuell zu sein, und deshalb mit dem Umstand irgendwie klarkommen müssen, ein Dasein mit Männern bei all deren Defiziten und Unzulänglichkeiten in Unzufriedenheit auszuhalten. Was mir seither zu denken gibt: Meine Frau hatte sofort begriffen, was damit gemeint ist, während ich mir das immer noch erarbeite. Vielleicht muss ich mal wieder das Büchlein " Der Mann als logische und sittliche Unmöglichkeit und als Fluch der Welt " von Helene von Druskowitz aus dem Schrank holen, um besser zu verstehen. Jedenfalls lässt mich der Begriff seither nicht mehr los. Weil ich jetzt endlich weiß, wie sich mein Zustand zusammenfassen lässt. Es gibt endlich ein Wort dafür. Hier kommt es: Ich bin auf dem besten (oder schlechtesten) Wege, Ochlofatalist zu werden. Oder es schon zu sein. Der erste Teil dieses Wortes begegnete mir im sechsten Buch der "Historien" des Griechen Polybios. In seinem Kreislauf der Verfassungen, angeknüpft an eine Theorie Platons, führt der Zeitgenosse und Freund Scipios (Polybios lebte im alten Rom) aus, dass sich die Herrschaftsformen wie die Jahreszeiten fast naturgesetzlich ablösen. Der Mensch kommt in die Welt und sucht sich einen Führer, das ist der Monarch. Dann beginnt dieser verderbt und dekadent zu werden, und die im Prinzip gute Form der Regierung kippt in die Tyrannis. Dann tun sich mehrere zusammen, stürzen den Tyrannen und bilden eine Aristokratie, die Herrschaft der Mehreren. Und dann geht das Ganze wieder von vorne los Auch sie erliegen allerdings dann wieder den Versuchungen und Lastern, das Ganze kippt in die abermals schlechte Form der Oligarchie. Daraufhin nimmt sich das ganze Volk der Sache an und es kommt zur Demokratie. Aber auch die degeneriert und mündet in einer Ochlokratie. In der Herrschaft der Blöden. Und dann geht das Ganze wieder von vorne los. An dieser Lehre duldet Polybios keinen Widerspruch. Allenfalls die Dauer der jeweiligen Perioden könnten differieren. Das Muster aber kommt einem Naturgesetz gleich. Seit ich dieses kleine Reclam-Büchlein gelesen habe, steht das Bändchen in der Handbibliothek meiner Hausgötter. Bei Jaspers, Hobsbawm, Sloterdijk, Bergson, Lübbe. Es ist so klug und stilistisch brillant geschrieben. Ein intellektueller Hochgenuss. Spätestens seit der Herrschaft des Donald Trump in den USA kann man den Eindruck bekommen, dass die Demokratie, die beste aller unzulänglichen Herrschaftsformen, in eine Ochlokratie gekippt ist. Der atemberaubende Zulauf zur AfD hierzulande, der jahrzehntelange Erfolg dieses Suppenkaspers Nigel Farage in Großbritannien , der erst jetzt wieder einen Briten-Premier zu Fall brachte, all das bestärkt mich darin: Die westlichen Demokratien sind zum Teil in der Blödokratie angekommen. Keine Lust mehr, dem Kaiser Kleider anzudichten Nach einer Unverschämtheit des US-Präsidenten beim jüngsten G7-Gipfel in Evian-les-Bains gegenüber der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat ein Kommentator einer italienischen Zeitung zum ersten Mal weltweit geschrieben, was offensichtlich ist: Trump sei ein "Coglione", ein Vollidiot. "Punkt". Der Kollege hatte offenbar das Spielchen mit den Kleidern des Kaisers satt, während andere, wie der deutsche Bundeskanzler, noch versuchen, Trump mit einem albernen Fußballtrikot milde zu stimmen. Vor mehr als 20 Jahren, ich habe das schon mal erwähnt, hat eine amerikanische Science-Fiction-Komödie die Wirklichkeit von heute vorempfunden. In "Idiocracy" wird Amerika von einem verblödeten Ex-Wrestler auf einem dreirädrigen Motorrad regiert, der seine Präsidentschaft als einzige große Show versteht, während das Land verkommt und die Ernte auf den Feldern verdorrt. Damals muss der Film als völlig überdreht rübergekommen sein. Heute bleibt das Lachen im Halse stecken. Wenn menschliche Intelligenz in der Breite schwindet Der charismatische Idiot Dwayne Camacho konnte in dem Streifen nur deshalb Präsident werden, weil die Bevölkerung vollkommen verblödet war. Spuren davon finden sich auch jetzt. Was, wenn menschliche Intelligenz in der Breite derart schwindet, dass sie keine Basis mehr für eine intakte und vernunftgesteuerte Demokratie bereithält? Ist doch klar: Wenn die menschliche Intelligenz zurückgeht, kommt sofort die künstliche ins Spiel. Sie springt in die Bresche. These dazu: Sie macht erst alles exponentiell noch viel schlimmer – bevor es vielleicht, aber nur vielleicht, besser wird. Es wird viel diskutiert gerade, ob man als Autor einen Meinungsbeitrag, einen Essay oder eine Kolumne von der Maschine schreiben lassen und das dann als eigene geistige Leistung verkaufen darf. Dazu habe ich eine klare Meinung, um die geht es jetzt aber gar nicht. Tatsache ist, dass dieses maschinell hergestellte Hackfleisch derzeit jedenfalls zurückgreifen muss auf originäre Gedanken von Menschen. Sie vermantscht das dann nur mehr zu einem neuen Brei. Nichts gegen Bouletten Nichts gegen Bouletten. Aber gemischtes Hack ist eben kein Steak. Und auch kein Tartar. Wenn der kreative Input immer weniger wird, weil das massenhaft hergestellte Maschinenmaterial alles flutet und das Menschengemachte und Gedachte verdrängt, dann wird alles zwangsläufig immer dünner in seiner Substanz. So ähnlich wie bei den Globuli in der Kügelchenfabrik. Die derzeitigen Maschinen sind stupide Sprachmodelle. Sie können nur wiederkäuen. Das aber in rauen Mengen. Erst wenn die nächste Generation der KI flächendeckend kommt, das sogenannte Deep Learning, ist die Maschine selbstständig imstande, eigene Gedanken zu entwickeln. Der frühere Chef-Futurist von Google, Ray Kurzweil, hat schon 1999 in seinem Buch "Homo Sapiens" den Schnittpunkt von menschlicher und künstlicher Intelligenz in das Jahr 2029 gelegt. Von da an, seine These, wird die Maschine klüger sein als der Mensch, der Homo sapiens, und enteilt ihm in Verstand und hoffentlich auch Vernunft. Die Vorboten wetterleuchten schon. Amazon-Chef Jeff Bezos hat dieser Tage bei einer Konferenz dafür plädiert, das knappe Gut Wasser im Zweifel für die durstigen Maschinen und nicht für den Menschen bereitzustellen. In der Abwägung sei es dort besser aufgehoben. Eine Art Triage zwischen heißlaufenden Rechenzentren und durstigen Menschen. Zugunsten der Maschine. Hört sich gespenstisch an? Muss man so hinnehmen? Als Ochlofatalist beziehe ich hieraus meine letzte Hoffnung. Natürlich wäre es tragisch und schade, wenn die moderne westliche Demokratie 500 Jahre nach ihren Ursprüngen in den Bauernkriegen abgelöst würde. Aber gemessen an der Ochlokratie könnte eine Welt in den Händen der Maschinen womöglich besser aufgehoben sein. Es wäre die siebte und dann den Kreislauf der menschengemachten Herrschaftsformen beendende Digitalokratie, die Polybios bei aller Brillanz seines Intellekts wahrlich nicht vorhersehen konnte.



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