ICE-Vorfälle: Trumps tödliche Behörde
Die US-Einwanderungsbehörde ICE geht rigoros gegen Menschen vor, die abgeschoben werden sollen. Einige sterben dabei. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Es ist eines der Hauptanliegen der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump: so viele Migranten wie möglich abschieben. Menschen, die Trump „Mörder und andere Kriminelle“ nennt. Dabei werden auch unbescholtene Bürgerinnen und Bürger verhaftet, sogar Kleinkinder. Seine aggressive Politik setzt auf den Straßen primär die US-Einwanderungsbehörde ICE durch. Ihre Gelder wurden massiv aufgestockt, tausende dafür eingestellt.
Immer wieder kommt es zu Zwischenfällen, nun gab es zwei Tote in einer Woche. Der Überblick.
Zwei Tote bei ICE-Einsätzen: Was ist passiert?
Am 13. Juli wurde in Biddeford, Maine, ein Mann von einem ICE-Beamten im Auto erschossen. Laut der Generalstaatsanwaltschaft von Maine sollten die Beamten einen Abschiebungsbescheid durchsetzen. Als der Verdächtige versucht habe, mit einem Auto in Richtung eines Beamten zu fliehen, habe dieser das Feuer eröffnet. Der Mitarbeiter sei suspendiert worden, das FBI ermittele.
Außerdem kam es bei dem Einsatz offenbar zu einer Verwechslung. Der zuständige Senator Angus King sagte CNN unter Berufung auf das Heimatschutzministerium: „Die getötete Person war nicht diejenige, nach der sie suchten.“ King forderte eine „vollständige, transparente und offene Untersuchung“. Die dürfte aber dadurch erschwert werden, dass die beteiligten Beamten offenbar keine Körperkameras trugen.
Der Vorfall war der zweite tödliche in einer Woche. Anfang Juli schoss ein ICE-Mitarbeiter einen Mexikaner in Houston, Texas, nieder. Das Heimatschutzministerium teilte mit, der Mann habe bei einer Fahrzeugkontrolle „versucht, sich der Festnahme zu entziehen“. Er habe ein Einsatzfahrzeug gerammt und versucht, einen Bundesbeamten zu „überfahren“. Daraufhin habe der Mitarbeiter „in Notwehr von seiner Dienstwaffe Gebrauch gemacht“. Zeugen widersprachen der Darstellung des Ministeriums und gaben an, der ICE-Beamte hätte sich zu keinem Zeitpunkt vor dem Wagen des erschossenen Fahrers befunden.
Der Mann lebte nach Angaben seiner Familie seit fast 35 Jahren in den USA. Er verstarb im Krankenhaus.
Gab es in der Vergangenheit schon Vorfälle mit ICE?
Mehrere. Im Januar 2026 wurden zwei US-Bürger in Minneapolis von ICE-Mitarbeitern erschossen. Am 7. Januar wurde die unbewaffnete Autofahrerin Renee Good tödlich getroffen, am 24. Januar der Krankenpfleger Alex Pretti. Die Todesfälle sorgten auch unter Trumps Republikanern für Entsetzen und lösten Proteste in vielen US-Städten aus.
Grenzen scheinen die Beamten bei ihren Festnahmen nicht zu haben. Sie verhafteten sowohl Babys als auch Senioren und verweigerten einem 18 Monate alten, kranken Kleinkind die Medikamente. Die Vereinten Nationen (UN) bezeichneten die Haftbedingungen in den Abschiebegefängnissen als „unmenschlich“.
Auch mit der Art und Weise der Verhaftung sorgt ICE immer wieder für Schlagzeilen. Videos zeigen, wie Menschen auf offener Straße von vermummten Gestalten in Autos gerissen werden. Immer wieder greifen Mitarbeiter Menschen direkt vor Anhörungen zu ihrem Aufenthaltsstatus auf. Scheinbar migrantisch aussehende Menschen werden auf der Straße willkürlich kontrolliert und drangsaliert, das belegen zahlreiche Videos und Medienberichte. Die Angst ist bei vielen Migranten so groß, dass sie sich seit Trumps Amtszeit vorwiegend zu Hause aufhalten und nur zur Arbeit vor die Tür gehen.
Laut der UN starben in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 18 Menschen in ICE-Gewahrsam, im vergangenen Jahr seien es 33 gewesen. Viele Todesfälle sind laut Human Rights Watch auf eine unzureichende medizinische Versorgung zurückzuführen. Außerdem sprach die Hilfsorganisation von sieben Suiziden.
Wie fallen die Reaktionen in den USA aus?
Illegitime Verhaftungen oder Vorgehen durch ICE beschäftigen regelmäßig die US-Gerichte – und sie treiben Tausende auf die Straße. Im Januar gab es nach den Todesfällen Massenproteste. Auch der Fall in Texas sorgte für Demonstrationen in Houston.
Die Demokraten kritisieren die Migrationspolitik unter Trump immer wieder, haben durch ihre Minderheit in beiden Kongresskammern aber begrenzte Handlungsmöglichkeiten. Zwei Monate lang blockierten sie im Kongress Gelder, die die Behörde finanzieren sollten, im April trugen sie dann einen Teil-Kompromiss mit.
Dagegen rücken demokratische Lokalpolitiker immer wieder in das Licht der Öffentlichkeit, deren Städte oder Bundesstaaten unmittelbar von ICE terrorisiert werden. Jacob Frey, der Bürgermeister von Minneapolis, wurde im Januar besonders deutlich: „Get the fuck out of Minneapolis“ – „Verpisst euch aus Minneapolis“.
Die Konsequenzen der rigorosen Politik reichen bis ins Ausland. Vor wenigen Tagen kündigte die mexikanische Regierung rechtliche Schritte gegen die US-Regierung an. 17 mexikanische Staatsbürger sind bei Einsätzen der US-Einwanderungsbehörde oder in deren Haftzentren ums Leben gekommen. Mexiko will deshalb die privaten Betreiber der Haftzentren verklagen.
Wofür ist die US-Einwanderungsbehörde zuständig?
Die Abkürzung ICE steht für „US Immigration and Customs Enforcement“. Sie ist eine von zwei zentralen Einwanderungsbehörden der USA und agiert primär im Landesinneren der USA. Die Behörde entstand nach dem Terroranschlag am 11. September im Rahmen einer Reform der US-Sicherheitsbehörden. Sie untersteht dem Heimatschutzministerium.
Offiziell befasst sich ICE mit Zoll- und Einwanderungsangelegenheiten – derzeit sind die Beamten aber vor allem dafür verantwortlich, die Marschrichtung des US-Präsidenten umzusetzen.
Welche Rolle spielt US-Präsident Trump?
Donald Trump war im Wahlkampf mit dem Versprechen angetreten, in den USA lebende Ausländer ohne Aufenthaltserlaubnis rigoros abzuschieben. Nach seinem Amtsantritt im Januar 2025 unterzeichnete er mehrere Verordnungen, die die Befugnisse der Behörden ausweiteten, und rief den Notstand an der Grenze zu Mexiko aus. So konnte die Regierung das Jahresbudget von acht auf 29 Milliarden Dollar erhöhen – und tausende Mitarbeiter einstellen.
Seine harte Migrationspolitik verteidigt der US-Präsident immer wieder. Die USA hätten es mit „Schwerkriminellen“ zu tun, die abgeschoben werden müssten. Dagegen zeigt eine Analyse der Denkfabrik Cato vom Oktober, dass nur fünf Prozent der Migranten vor ihrer Verhaftung wegen eines Gewaltdelikts belangt wurden.
Trotz der Todesfälle halten sich die politischen Konsequenzen bisher in Grenzen. Trump verteidigte die Behörde nach den Schüssen auf Pretti und Good, sprach im Nachhinein aber davon, dass es ein „sanfteres Vorgehen“ brauche. Im März entließ er die zuständige Heimatschutzministerin Kristi Noem. Ihr Nachfolger, der Trump-treue Markwayne Mullin, wollte die Behörde aus den Schlagzeilen nehmen. Doch auch unter Mullin gab es nun zwei Todesfälle.
Quellen: Vereinte Nationen, „New York Times“, Deutschlandfunk, Bundeszentrale für politische Bildung, Informationen der Nachrichtenagenturen DPA und AFP
