Sechs Bewerber treten in New York zur öffentlichen Debatte um den UN-Spitzenjob an. Annalena Baerbock macht dabei keinen Hehl aus ihrer Präferenz für die Position. Sechs Kandidaten für die Nachfolge von UN-Generalsekretär António Guterres liefern sich am Donnerstag in New York eine öffentliche Debatte. Dabei treten unter anderem die frühere chilenische Präsidentin Michelle Bachelet und der Argentinier Rafael Grossi an, der die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) leitet. Nicht mit von der Partie ist der angebliche Wunschkandidat von US-Präsident Donald Trump : Fifa-Chef Gianni Infantino. Die "Townhall"-Debatte hat die UN ab 23 Uhr MESZ angekündigt. Die sechs Anwärter für den Top-Posten bei den Vereinten Nationen werden 90 Minuten lang von Diplomaten, UN-Mitarbeitern und Vertretern der Zivilgesellschaft befragt. Auf der UN-Webseite ist ein Livestream angekündigt. Die Veranstaltung werde die "seltene Gelegenheit bieten, sich mit den Ideen, Prioritäten und der Führungsvision der Kandidatinnen und Kandidaten für einen der wichtigsten Posten der Welt auseinanderzusetzen", erklärte die scheidende Präsidentin der UN-Generalversammlung, die frühere Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne). Baerbock: "Es ist Zeit für eine Frau" Gleichzeitig sprach Baerbock sich explizit für eine Nachfolgerin aus. "Es ist Zeit für eine Frau", sagte Baerbock der "Süddeutschen Zeitung". Bislang hatten ausschließlich Männer das mächtigste Amt bei den Vereinten Nationen inne. "Die Hälfte der Menschheit sind Frauen und Mädchen", sagte Baerbock. "Wie möchte eine Institution, die acht Milliarden Menschen vertritt und seit 80 Jahren für Menschenrechte einsteht, erklären können, dass sie auch nach acht Jahrzehnten erneut keine Frau an ihrer Spitze finden kann?" Als Präsidentin der Generalversammlung moderiert Baerbock den Prozess zur Findung eines Nachfolgers oder einer Nachfolgerin des Portugiesen Guterres, dessen Amtszeit im Dezember endet. Derzeit gibt es vier Bewerberinnen und zwei Bewerber. Baerbock schließt eigene Kandidatur aus Eine eigene Kandidatur schloss Baerbock aber aus. Auf die Fragen, ob sie sich vielleicht nicht doch noch als UN-Generalsekretärin bewerben wolle, sagte sie: "Nein. Nach den ungeschriebenen Rotationsregeln ist Lateinamerika dran. Es gibt hervorragende Frauen aus dieser Region." Baerbock sprach in dem Interview auch über Anfeindungen gegen Frauen in Führungspositionen. "Gut gelaunte Frauen in Machtpositionen sind für manche Männer weiterhin keine Selbstverständlichkeit, sondern offensichtlich der schlimmste Trigger", sagte sie. "Wir sind aber mittlerweile zu viele. Und wir Frauen werden uns nicht dafür entschuldigen oder gar aufhören, selbstbewusst, erfolgreich und zugleich lebensfroh zu sein." UN vor Bewährungsprobe – USA kürzen Mittel Beobachter sehen die Vereinten Nationen vor ihrer größten Bewährungsprobe seit der Gründung vor rund 81 Jahren. US-Präsident Trump hat der Organisation Finanzmittel gekürzt und einen eigenen "Friedensrat" ins Leben gerufen, in dem viele Diplomaten eine Konkurrenzveranstaltung zur UN sehen. Angesichts dessen wirke das Rennen um die Guterres-Nachfolge "eher kraftlos", sagt Richard Gowan von der International Crisis Group. Die Kandidaten träten "sehr vorsichtig auf" – offenbar, "um die USA und andere Vetomächte nicht zu verärgern". Denn die Vetomächte – neben den USA sind dies China , Frankreich , Großbritannien und Russland – spielen eine Schlüsselrolle im Rennen um den Top-Posten. Sie können einen missliebigen Kandidaten mit ihrem "Nein" verhindern. Zudem geben sie zusammen mit den zehn nicht-ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats eine Empfehlung an die Vollversammlung ab. Am 30. Juli ist dazu im Sicherheitsrat eine erste Abstimmung angesetzt. Etwa Infantino? Neben Bachelet und Grossi kandidieren die frühere Präsidentin der UN-Vollversammlung, María Fernanda Espinosa aus Ecuador; zudem die Chefin der UN-Organisation für Handel und Entwicklung (UNCTAD), Rebeca Grynspan aus Costa Rica, die Diplomatin Carolyn Rodrigues-Birkett aus Guyana und der ehemalige Präsident des Senegal, Macky Sall. Bei früheren Befragungen der einzelnen Kandidaten hatten sich die meisten von ihnen für weitere UN-Reformen ausgesprochen, um die Vereinten Nationen effizienter zu machen, und für ein stärkeres Engagement des UN-Generalsekretärs für den Frieden weltweit. Gowan von der International Crisis Group sieht Grossi als einen der Favoriten. Es könne aber immer noch ein Überraschungskandidat ins Rennen kommen. Etwa Infantino? Die "New York Post" will erfahren haben, dass Trump gerne den mit ihm befreundeten Fifa-Chef an der UN-Spitze installieren würde. Die Fußball-Weltmeisterschaft habe gezeigt, dass Infantino "von allen auf der ganzen Welt respektiert" werde und "eine besondere Fähigkeit" habe, Menschen zusammenzubringen, zitierte das Blatt einen Verantwortlichen aus Trumps Umfeld, der seinen Namen nicht nennen wollte. Gegen den Schweizer Infantino spräche, dass nach dem Portugiesen Guterres nicht erneut ein Europäer an der Reihe wäre. Dieses Mal beanspruchen die Länder Lateinamerikas den UN-Spitzenjob ab 2027 für sich.