Tigray-Konflikt: Schon 600.000 Tote – Krieg in Äthiopien flammt wieder auf
Im Tigray-Konflikt im Norden Äthiopiens starben bis Ende 2022 wohl mindestens 600.000 Menschen. Nun eskaliert in der Region erneut die Gewalt. In Äthiopien liefern sich Kämpfer der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) und die Regierungstruppen weiterhin schwere Gefechte. In der Provinz Afar habe es in der Nacht "heftige Kämpfe" rund um die Stadt Abala gegeben, hieß es am Freitag aus Kreisen humanitärer Helfer. Die Armee habe die Rebellen daran gehindert, in die Stadt einzudringen. Die TPLF hatte in dieser Woche eine Offensive in den an die Region Tigray angrenzenden Provinzen Amhara und Afar im Nordwesten Äthiopiens gestartet. Am Mittwoch brachte die Miliz den Flughafen der Regionalhauptstadt Mekelle unter ihre Kontrolle und überwältigte bei ihrem Angriff Regierungstruppen, die den Flughafen sicherten. Die nationale Fluglinie Ethiopian Airlines strich sämtliche Flüge nach und aus Tigray. Am Donnerstag wurden auch aus dem Gebiet Nord-Wollo in Amhara Kämpfe gemeldet, wo sich Äthiopiens berühmte mittelalterliche Felsenkirchen befinden, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählen. Das Gebiet war häufiger von der Fano angegriffen worden, einer örtlichen bewaffneten Gruppe, die nun an der Seite der TPLF kämpft. TPLF schmiedet Bündnis gegen Äthiopiens Regierung Die Organisation Netblocks meldete am Freitag eine Störung der Internetverbindungen im Norden Äthiopiens. In der Region Tigray gebe es Berichte über einen "vollständigen Telekommunikationsausfall". AFP-Reporter konnten ihre Quellen in Tigray telefonisch nicht erreichen. Die seit langem schwelenden Spannungen zwischen der Regierung und den Behörden im nördlichen Bundesstaat Tigray waren mit den neuerlichen Angriffen auf Afar und Amhara eskaliert. Die TPLF, die am vergangenen Sonntag eine Allianz mit sechs weiteren bewaffneten Gruppen zum Sturz der Regierung geschmiedet hatte, spricht von einem neuen Krieg gegen die Regierungstruppen. Experte fürchtet Ausweitung zu Stellvertreterkrieg Der Regionalexperte Ed Bach, Senior-Afrika-Analyst der Risikoberatungsfirma Verisk Maplecroft, sieht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass der Konflikt nun wieder umfassender ausbricht. "Die Beschlagnahmung staatlicher Einrichtungen durch die TPLF liefert (Äthiopiens Ministerpräsident) Abiy Ahmed einen Vorwand, die Drohneneinsätze zu verstärken, um Stellungen, Logistik und Nachschubwege der TPLF im Vorfeld einer großangelegten Offensive zu schwächen", sagte Bach der Nachrichtenagentur dpa. Außerdem besteht die Sorge, dass sich der Konflikt zu einem Stellvertreterkrieg mit dem nördlichen Nachbarland Eritrea ausweiten könnte. Analyst Bach sieht ein erhebliches Risiko einer regionalen Ausweitung: "Eritrea und die sudanesischen Streitkräfte ermöglichen angeblich Waffenlieferungen an die TPLF und erhöhen damit das Risiko eines eskalierenden Konflikts zwischen mehreren Staaten, der das Horn von Afrika destabilisieren könnte." Im Krieg zwischen der äthiopischen Armee und der TPLF von November 2020 bis November 2022 waren nach Schätzungen der Afrikanischen Union mindestens 600.000 Menschen getötet worden. Das Friedensabkommen von Pretoria beendete die Kämpfe zwar, zentrale Vereinbarungen wurden aber nicht umgesetzt. Dazu gehören die Entwaffnung der TPLF und die Rückkehr hunderttausender Vertriebener.