Mit einer Einigung wollen die Regierungsparteien kurzfristig die Pflegeversicherung stabilisieren. Aus der Praxis kommt Unverständnis über das Vorgehen von Union und SPD. Union und SPD haben sich in den finalen Momenten vor der Kabinettssitzung am Mittwoch doch noch auf einen Kompromiss für die Finanzierung der Pflegeversicherung geeinigt. Die große Reform wurde allerdings vertagt. Eine Kommission soll im kommenden Jahr weitere Vorschläge vorlegen. Der Intensivpfleger Ricardo Lange kritisiert das bisherige Vorgehen der Bundesregierung . Im t-online-Interview verrät er, warum die Politik sich nach seinen Erfahrungen auf die falschen Aspekte konzentriert und welche Probleme es konkret in der Praxis gibt. Erste Pflegereform beschlossen: Das sind die Details Linnemann bringt Entwurf: Diese Gruppe erhält kein Pflegegeld mehr t-online: Herr Lange, Sie hatten sich mit Bundeskanzler Friedrich Merz vor dessen Amtsantritt ausgetauscht. Er hatte damals betont, wie wichtig ihm das Thema Pflege ist. Nach seiner Wahl zeigten Sie sich hoffnungsvoll. Wie sieht es heute aus? Ricardo Lange: Meine Hoffnungen sind zu hundert Prozent enttäuscht worden. In der Corona-Zeit habe ich immer gesagt: Das Problem waren nicht die Krankenhausbetten oder die fehlenden Beatmungsgeräte. Das Problem war schlicht und ergreifend das Personal, das nicht da war, um diese Dinge zu bedienen. Jetzt ist Corona vorbei, das Klatschen ist abgeklungen – und man fängt wieder an zu sparen. Das ärgert mich massiv. Ich versuche seit Jahren, etwas zu ändern, und stehe mit Politikern im Austausch. Dort erlebe ich viele Enttäuschungen. Mich stört, dass so oft über Pflege gesprochen wird, aber nicht mit Pflegekräften. Wie blicken Sie auf die aktuelle Debatte über die Pflegereform? Ich bin erstaunt, dass wir Pflege weiterhin als Kostenfaktor sehen und nicht als Investition begreifen. Jede Pflegemaßnahme – und sei sie noch so klein – hat eine unmittelbare Auswirkung auf das Wohlbefinden des Patienten und auf seinen Genesungsprozess. Können Sie ein Beispiel geben? Da gibt es viele. Wenn ich einen Patienten nicht regelmäßig umpositioniere, bekommt er eine Druckstelle. Die kann sich entzünden, es kann eine Blutvergiftung entstehen – und der Patient kann daran sterben. Wenn ich beim beatmeten Patienten keine Mundpflege durchführe, kann er eine Lungenentzündung bekommen und sterben. Wenn ich einen Patienten nicht aus dem Bett mobilisiere, mit ihm zur Toilette gehe oder ihn an die Bettkante setze, kann er eine Thrombose entwickeln. Die Thrombose kann eine Lungenarterienembolie auslösen – und der Patient kann sterben. Aber es geht nicht nur um Leben und Tod. Sondern? Oft geht es einfach um Menschenwürde. Auch hier ein Beispiel: Auf der Intensivstation müssen wir ständig entscheiden, wer unsere Hilfe zuerst braucht. Dinge wie Haarekämmen fallen dann hinten runter. Wenn bei einer jungen Patientin wochenlang niemand Zeit hat, sich um die Haare zu kümmern, verfilzen sie so stark, dass am Ende nur noch das komplette Abschneiden bleibt. Es ist menschenunwürdig, wenn eine junge Frau das Krankenhaus mit Glatze verlassen muss, nur weil niemand Zeit hatte, sich um ihre Haare zu kümmern. Manchmal ist Pflege nicht der Unterschied zwischen Leben und Tod, sondern der Unterschied zwischen Würde und Entwürdigung – und dafür fehlt im Alltag oft die Zeit. Das sind wahrscheinlich vor allem Folgen von Personalmangel? Genau. Wenn zu wenige Pflegekräfte vor Ort sind und zu viele Patienten versorgen müssen, steigt die Komplikationsrate. Es gibt mehr Infektionen und Blutvergiftungen, mehr Fehler bei der Medikamentengabe, Komplikationen werden schneller übersehen, weil man seine Aufmerksamkeit auf zu viele Menschen verteilen muss. All das kann Patienten das Leben kosten – und belastet letztlich die Solidargemeinschaft, weil sie längere Krankenhausaufenthalte bezahlen muss. Die Bundesregierung plant auch, den Zugang zu den Pflegestufen zu erschweren. Was hätte das für Folgen? Nur weil man die Hürde höher legt, wird der Pflegebedarf nicht kleiner. Wenn Menschen nicht die Pflegestufe bekommen, die sie nach ihrem tatsächlichen Bedarf bräuchten, kann es passieren, dass sie stürzen, weil sie allein sind oder ihre Tabletten nicht nehmen. Wir erleben im Krankenhaus immer wieder ältere Menschen, die von zu Hause mit Verdacht auf Schlaganfall eingeliefert werden – und am Ende stellt sich heraus: Die Menschen haben einfach zu wenig getrunken, sind bildlich gesprochen "ausgetrocknet". Gerade bei älteren Menschen kann so etwas ähnliche Symptome auslösen wie ein Schlaganfall. Das alles zeigt: An der Pflege kann man nicht sparen. Es gibt allerdings Sparbedarf, der Haushalt lässt trotz Sondervermögen kaum Spielräume. Eines kann ich dabei nicht verstehen: Wir investieren so viel in Rüstung. Wir kaufen Panzer, Raketen und so weiter. Das ist grundsätzlich richtig – auch ich will, dass wir uns verteidigen können, wenn es zum Ernstfall kommt. Aber: Verteidigungsfähigkeit ohne ein intaktes Gesundheitssystem ist eine Illusion. Denn wer versorgt im Ernstfall die Verletzten, Traumatisierten, Verwundeten? Das ist nun einmal das Gesundheitssystem. Es ist also offenbar Geld da – und dennoch spart man an der Gesundheit. Ich finde, man sollte sogar mehr Geld ausgeben. Wofür genau? Vor allem in Prävention: damit Menschen gar nicht erst krank werden, später pflegebedürftig werden und so lange wie möglich selbstständig bleiben. Je weniger Menschen krank werden und mobil sind, desto geringer ist der Pflegebedarf. An Gesundheit und insbesondere an der pflegerischen Versorgung zu sparen, ist nicht nur moralisch falsch, sondern auch volkswirtschaftlich kurzsichtig. Dennoch ist die Lage für die gesetzlichen Pflegekassen äußerst angespannt. Bis zum Jahresende wird ein Defizit von 4,4 Milliarden Euro erwartet. Was läuft hier schief? Zunächst würde ich mir wünschen, dass man die rund fünf Milliarden Euro, die während Corona aus der Pflegekasse genommen wurden und eigentlich zurückgezahlt werden sollten, tatsächlich wieder zurückzahlt. Dann hätte man zunächst einmal fünf Milliarden Euro zusätzlich im Topf. Das hilft aber nur kurzfristig. Absolut. Und dann brauchen wir eine echte Reform. Wir schrauben seit Jahren an Symptomen herum: Hier wird etwas angepasst, dort etwas korrigiert – aber wir legen das System nicht grundlegend neu auf. Wo sollte man denn ansetzen? Was mich massiv stört: In Deutschland wird immer erst gehandelt, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist – also wenn der Patient bereits krank ist. Ich wünsche mir, dass man das Gesundheitswesen komplett neu aufrollt, stärker auf Prävention setzt. Dänemark geht diesen Weg stärker: Menschen werden später pflegebedürftig, bleiben länger eigenständig. Man kann viel tun mit Sportangeboten, Prävention, Aufklärung. Und das senkt dann auch die Kosten? Wir haben eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt, aber die Leistung ist nur mittelmäßig. Da muss man sich fragen, warum. Ein persönliches Beispiel: Ich hatte selbst einen Bandscheibenvorfall , alle rieten zur Operation. Ich habe mich dagegen entschieden – mir geht es heute gut. Ein Neurochirurg sagte dazu einen Satz, den ich nie vergesse: "Jede Bandscheibenoperation ist notwendig – nur die allererste nicht." Im internationalen Vergleich sieht man: Deutschland operiert zu viel. Herzkatheteruntersuchungen, Operationen – viele Maßnahmen lassen sich durch Sport und gezielte Therapie ersetzen, mit einem gleichwertigen Ergebnis in den meisten Fällen. Aber das hilft nicht immer. Natürlich: Wenn Lähmungserscheinungen auftreten, muss man operieren. Aber insgesamt kommt die präventive Schiene zu kurz. Hier könnte man aus meiner Sicht viel Geld sparen. Bei der aktuellen Debatte wird auf das Pflegesystem isoliert geschaut. Ist das ein Fehler? Absolut. Es fehlt jemand, der den Mut hat, wirkliche Großveränderungen anzustoßen, das System als Ganzes neu zu denken. Pflege darf man nicht als Kostenfaktor sehen, sondern muss sie als Investition verstehen. Kein Chefarzt der Welt, der gut bezahlt wird und mit Operationen Geld verdient, könnte ohne sein OP-Team arbeiten. Ohne Pflege läuft nichts. Trotzdem wird wieder an der Pflege gespart. Ein weiteres Problem: In den Pflegeberufen wird dringend neues Personal benötigt, allerdings ist die Abbruchquote bei der Ausbildung äußerst hoch, jeder Dritte gibt vorzeitig auf. Woran liegt das? Man ergreift den Pflegeberuf nicht, um reich zu werden, sondern weil man eine Vorstellung davon hat, für Menschen da zu sein. Junge Menschen kommen mit dieser Motivation in den Beruf – und merken dann, dass sie diesen Anspruch, mindestens Menschlichkeit, im Alltag oft verraten müssen, um überhaupt mithalten zu können. Es gibt Situationen, in denen erwachsene Menschen zur Toilette müssten, aber niemand Zeit hat, sie zu begleiten. Dann bekommen sie eine Windel und den Satz: "Machen Sie bitte hinein, wir machen Sie später sauber." Das macht niemand, weil er es will, sondern weil es unter den Bedingungen oft keine Alternative gibt. Also führt der strukturelle Personalmangel zu noch weniger Personal? Ja, denn Pflegekräfte erleben, dass Menschen Schaden nehmen, weil zu wenig Personal vor Ort ist. Genau da brechen viele mental ein, sagen: "Ich halte das nicht mehr aus", und verlassen den Beruf. Darüber wird kaum gesprochen. Aber das ist ein zentrales Problem: Menschen gehen aus der Pflege, weil sie unter diesen Bedingungen ihre eigenen Ideale nicht mehr leben können. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Lange!