Am heutigen Sonntag tritt in Brasilien der Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro gegen den linken Amtsinhaber Lula an. Ein Wahlsieg von Bolsonaro wäre auch ein Erfolg für Donald Trump. Doch der hat weniger zu gewinnen, als ihm sein Verbündeter Bolsonaro verspricht. Kaum ein Ort steht so emblematisch für Brasilien wie die Copacabana in Rio de Janeiro . Ein kilometerlanger, weißer Sandstrand, Caipirinhas und Kokosnüsse, schöne Menschen, die oft knapp bekleidet über die Promenade flanieren. Doch im Vorfeld der Präsidentschaftswahl versammelten sich hier auch Tausende Bolsonaro-Unterstützer, wie üblich gekleidet in den Nationalfarben Grün und Gelb, manche auch in Fußballtrikots und die Nationalflagge schwenkend. In die Menge mischten sich aber auch andere Flaggen, darunter vereinzelt die israelische und vor allem die der USA . Die Symbolik zeigt, in welche Richtung es außenpolitisch gehen wird, sollte Flávio Bolsonaro, Sohn des Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro , die anstehende Wahl für sich entscheiden: weg vom Multilateralismus der linken Lula-Regierung, die sich gegen Einflussversuche aus den USA heftig gewehrt hat, und hin zu einer klaren Ausrichtung auf Washington , wo viele Aspekte der Bolsonaro-Ideologie gespiegelt werden. Sohn des Ex-Präsidenten strebt an die Macht: "Hier fließt Bolsonaro-Blut" Machtkampf in Brasilien: Das Ergebnis könnte Europa erschüttern Es sieht gut aus für den rechten Kandidaten: Kurz vor der Wahl am Sonntag liegt Flávio gleichauf mit Luiz Inácio da Silva, genannt Lula. Weil Flávios Vater nach einem Putschversuch zu 27 Jahren Haft verurteilt wurde und nicht antreten kann, hatte er den ältesten seiner Söhne zum politischen Nachfolger erklärt. Das ermöglichte dem zuvor wenig bekannten Senator innerhalb weniger Monate einen rasanten Aufstieg. Nach den Wahlerfolgen mehrerer Trump-naher Kandidaten gilt Brasilien neben dem ebenfalls links regierten Mexiko als die letzte Bastion gegen einen vollständigen Rechtsruck in der Region. Den Anführer von Lateinamerikas größter Volkswirtschaft in seinen Reihen zu haben, wäre deshalb auch für den US-Präsidenten ein Erfolg und von großem strategischem Interesse. Trumps erklärte Ziele sind die Vorherrschaft in der Region und eine Schwächung Chinas, das mit vielen Ländern stärkere Wirtschaftsbeziehungen hat als die USA. Und Brasilien hat etwas, das für Trumps China-Strategie besonders wichtig ist. Lulas Politik der Blockfreiheit ist Trump ein Dorn im Auge Lula ist für Trump deshalb in mehrfacher Hinsicht ein Problem. Der linke Präsident setzt auf außenpolitische Autonomie nach dem Prinzip: gute Wirtschaftsbeziehungen zu allen, abhängig von niemandem. Seine Politik der Blockfreiheit überträgt Lula auf die Rolle Brasiliens innerhalb der G20-Staaten, bei Klimaverhandlungen wie der COP30 im vergangenen Jahr in Belém, und auf das Brics-Bündnis. 2009 gehörte Brasilien unter Lula zusammen mit Russland und China zu den Gründungsmitgliedern des Bündnisses, dem es damals noch um die Reformierung eines westlich geprägten Finanzsystems ging. Heute versteht es sich als wirtschaftliches und geopolitisches Gegengewicht zur Dominanz des Westens – wobei Brasilien als gemäßigter Brics-Vertreter gilt. Zudem ist die Beziehung zwischen Lula und Trump seit dem Urteil gegen Ex-Präsident Jair Bolsonaro vergiftet. Der US-Präsident hatte sich im vergangenen Jahr während des Prozesses persönlich eingemischt, um Bolsonaros Verurteilung zu verhindern. Trump sprach von einer Hexenjagd linker Kräfte gegen Bolsonaro, als diesem unter dem Vorsitz des mächtigen Verfassungsrichters Alexandre de Moraes der Prozess gemacht wurde. Moraes gilt als Lula nahestehend. Washington begann deshalb einen Zollkrieg, bei dem die Lula-Regierung allerdings nicht klein beigab, sondern sich sowohl verbal als auch mit Gegenzöllen heftig zur Wehr setzte. Zwischen Trump und den Bolsonaros herrscht eine völlig andere Atmosphäre. Der Familienclan vertieft seit Jahren seine Beziehung zum Trump-Lager. Carlos, einer von Flávios Brüdern, knüpfte schon während der Amtszeit des Vaters ab 2018 enge Verbindungen zur Maga-Bewegung und arbeitete zusammen mit deren rechten Vordenker Steve Bannon daran, in Brasilien ein rechtes Desinformationsnetzwerk nach US-Vorbild aufzubauen. Bolsonaro-Bruder Eduardo pflegt als Lobbyist in Texas enge Verbindungen zu Trumps Umfeld, während er in Brasilien wegen Beeinflussung der Justiz zu mehreren Jahren Haft verurteilt wurde. Washingtons Unterstützung für den Bolsonaro-Clan hat aber weniger ideologische als vielmehr praktische Gründe. Flávio Bolsonaro kündigte an, die Beziehungen zwischen Brasilien und den USA im Falle eines Wahlsiegs deutlich auszubauen. Er hat versprochen, sich Trumps militarisierter Anti-Banden-Initiative "Shield of the Americas" anzuschließen und ein Freihandelsabkommen mit Washington aufzusetzen. Auf diesen Schatz Brasiliens haben es die USA abgesehen Wirklich abgesehen hat es Washington allerdings auf einen Schatz, mit dem die USA einen großen Schritt aus der Abhängigkeit von China machen könnten. Denn nach der Volksrepublik besitzt niemand größere Vorräte an Seltenen Erden als Brasilien. Diese sind unverzichtbar für die Produktion von Magneten, die etwa in Elektrofahrzeugen, Windkraftanlagen oder der Verteidigungsindustrie zum Einsatz kommen. Laut Angaben des US Geological Survey verfügt China über mehr als die Hälfte der weltweit ausgewiesenen Reserven an Seltenen Erden, dahinter folgt Brasilien mit rund einem Viertel. Recherchen brasilianischer Medien legen nahe, dass Personen aus Bolsonaros Umfeld den USA im Gegenzug für Unterstützung einen besseren Zugang zu Brasiliens kritischen Rohstoffen in Aussicht gestellt haben könnten. Die Grundlage ist ein geleaktes Dokument, verfasst von einem engen Vertrauten Bolsonaros. Der bestritt zwar, im Auftrag der Kampagne gehandelt oder es an US-Regierungsvertreter weitergegeben zu haben. Dass Bolsonaro Washingtons Objekt der Begierde nicht für seinen Wahlkampf nutzt, darf aber bezweifelt werden. Star-Historiker Yuval Noah Harari: "Wieder gerät es außer Kontrolle" Konflikt um Spitzbergen: "Ich glaube, wir hatten einfach viel Glück" Ein Deal in Washingtons Sinn ließe sich in der Praxis aber nur bedingt erfüllen. Erstens lehnt selbst Bolsonaros eigenes Wahlprogramm den reinen Rohstoffexport ab und setzt auf heimische Wertschöpfung, wenn auch weniger als die Lula-Regierung. Auch ein neues Gesetz zu kritischen Mineralien schreibt entsprechende Vorgaben für künftige Regierungen fest. Zweitens bleibt China mit Abstand der wichtigste Handelspartner des Landes. Allein in den ersten acht Monaten dieses Jahres gingen 30,7 Prozent der brasilianischen Exporte nach China, an die USA dagegen nur 9,6 Prozent. "Wie auch unter Jair Bolsonaro gibt es viele symbolische Annäherungen mit den USA. Aber in vielen Bereichen ist eine Distanzierung zu China einfach nicht realistisch", sagte Politologe Oliver Stuenkel von der Getulio-Vargas-Stiftung zu t-online. Als Präsidentschaftskandidat hatte Bolsonaro Senior noch gewettert, China "kaufe Brasilien auf". Nach der Wahl baute er die Wirtschaftsbeziehungen zu Peking dann aber aus und beteiligte trotz Drucks aus Washington sogar den Telekommunikationsriesen Huawei am Ausbau des 5G-Netzes. Man sehe dieses Muster auch bei anderen Trump-nahen Wahlsiegern in Lateinamerika, so Stuenkel. "Milei und Co. präsentieren sich als große Partner von Trump, machen aber weiterhin Geschäfte mit China." Trump hält sich bislang mit offener Unterstützung zurück Bei der bevorstehenden Wahl hält sich Trump mit einer offenen Unterstützung Bolsonaros bislang zurück. Auf Nachfrage sagte er am Freitag lediglich, er verfolge sie "sehr genau", ohne sich für einen Kandidaten auszusprechen. Ende Mai hatte Bolsonaro Trump im Weißen Haus besucht und sich davon zumindest ein öffentliches Signal der Unterstützung erhofft. Öffentlich wurden aber nur gemeinsame Fotos. Dahinter könnte laut Beobachtern jedoch die Sorge vor einer Gegenreaktion der brasilianischen Wähler zum Vorteil Lulas gestanden haben. Wie die "New York Times" unter Berufung auf brasilianische Regierungsbeamte berichtet, wurde eine Art "Firewall" gegen mögliche ausländische Einflussnahme errichtet. Geheimdienste beobachten demnach ausländische Lobbyarbeit und Desinformationskampagnen extrem genau, die Wahlbehörden gehen verstärkt gegen Falschbehauptungen über Wahlbetrug vor, und Behörden werben international um Unterstützung. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters wurde auch eine deutsch-französische Delegation Anfang September nach Brasilien eingeladen. Demnach seien die Beamten der Bundesnetzagentur von Vertretern des brasilianischen Geheimdienstes über mutmaßliche Einflussversuche aus den USA und Russland informiert worden. Die Vorwürfe sind von Washington und Moskau nicht bestätigt worden.