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Mietkrise in Deutschland: Warum Enteignung allein hohe Mieten nicht senkt

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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, es gibt im Leben allerlei Faustformeln, an denen man sich orientieren kann. Große Entscheidungen nicht treffen, wenn man müde oder wütend ist. Alles, was weniger als zwei Minuten dauert, sofort erledigen. Fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag essen. Oder auch: Nicht mehr als 30 Prozent seines Nettoeinkommens für die Miete ausgeben. Nun ja, mit der Vitaminzufuhr komme ich klar, aber dass ich 4.500 Euro netto verdienen würde, wäre mir jetzt neu. Meinem Vermieter muss ich trotzdem jeden Monat 1.350 Euro überweisen. Auch vielen anderen geht es so: Insgesamt reißt jeder dritte Mieterhaushalt in Deutschland die 30-Prozent-Marke und gilt damit als überlastet . Ist der Verdienst vergleichsweise hoch, lässt sich vom restlichen Geld trotzdem noch ordentlich leben. Je kleiner der Kuchen ist, der verteilt werden kann, desto prekärer wird es jedoch. Im unteren Einkommensdrittel liegt die Wohnkostenbelastung im Schnitt schon bei 48 Prozent. Bei den einkommensschwächsten zehn Prozent fließen sogar 60 Prozent des Geldes in die Miete. In Berlin hat dieses Problem kürzlich eine Wahl entschieden. Die Linke wurde erstmals stärkste Kraft im Abgeordnetenhaus und sie wurde es mit der Ankündigung, rund 220.000 Wohnungen großer Immobilienkonzerne in Gemeineigentum zu überführen. Plakativer formuliert: mit der Forderung nach Enteignung von Firmen wie Deutsche Wohnen und Vonovia. Ob sie diesen Plan tatsächlich durchziehen kann, ist fraglich. Er könnte schon daran scheitern, dass die Linke es nicht hinbekommt, Grüne und SPD für eine gemeinsame Regierung zu gewinnen. Die Bundesregierung hat trotzdem schon Schnappatmung. Innenminister Alexander Dobrindt bereitet gerade ein Gesetz vor, das Vergesellschaftungen verhindern soll. Ob das verfassungsrechtlich zulässig wäre, ist allerdings strittig. Ganz anders übrigens als eine mögliche Vergesellschaftung selbst, die in Artikel 15 des Grundgesetzes ausdrücklich vorgesehen ist. "Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden", heißt es dort. Die Frage ist nur: Würde Vergesellschaftung wirklich gegen hohe Mieten helfen? Die Antwort ist wie so oft komplexer, als es Befürworter und Gegner suggerieren. Nach aktuellem Forschungsstand gilt: Ja, sie kann helfen, bezahlbare Mieten zu sichern und nebenbei zu mehr sozialer Durchmischung beitragen. Aber dafür darf einerseits die Entschädigung an die Konzerne laut einer Studie im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung nicht so hoch ausfallen, dass Berlin in finanzielle Schwierigkeiten gerät. Andererseits darf der Wohnungsneubau nicht unter den Plänen leiden. Denn Vergesellschaftung mag zwar Bestandsmieter direkt entlasten und auch den allgemeinen Mietspiegel dämpfen, sie ändert aber nichts daran, dass es schlicht zu wenig Wohnungen gibt. Dass der Neubau leiden würde, halten Ökonomen jedoch für wahrscheinlich. Schon die Debatte über Vergesellschaftung hat laut Ifo-Institut dazu geführt, dass in Berlin seit dem Volksentscheid von 2021 weniger gebaut und saniert wurde . Die Kollegen vom Kiel Institut für Weltwirtschaft kommen zudem zu dem Schluss, dass Neubau den Mietanstieg grundsätzlich besser bremst als Vergesellschaftung . Würde man sich die gut 20 Milliarden Euro an Entschädigungen für die Wohnungskonzerne sparen und das Geld stattdessen in den Neubau investieren, könnten laut Modellrechnung bis zu 71.000 Wohnungen entstehen. Dadurch könnten die Angebotsmieten bis 2045 bis zu 8,7 Prozent niedriger ausfallen, als es ohne diese Investitionen zu erwarten wäre. Die Mieten für neue Wohnungen sind zwar in der Regel deutlich teurer als der Bestand, doch ein größeres Angebot bringt Bewegung in den Markt. Zieht ein Haushalt mit höherem Einkommen in einen teureren Neubau, wird dessen bisherige, meist günstigere Wohnung im Bestand frei. Dadurch rücken andere Mieter nach, was die Nachfrage und den Preisdruck im mittleren und unteren Segment verringert. Vollständig entlastet dieser Effekt aber nicht: In angespannten Märkten heben Vermieter die Miete bei einer Neuvermietung oft an, sodass die frei werdende Wohnung für die Nachrücker nicht mehr günstig ist. Studien zeigen zudem, dass der Effekt die unteren Einkommensgruppen häufig gar nicht erreicht. Immerhin kann ein größeres Angebot den sogenannten Lock-in-Effekt mildern: Viele Menschen verharren derzeit in ihren eigentlich zu großen Bestandswohnungen, weil ein Umzug aufgrund des Wohnungsmangels teurer wäre. Sie sind sozusagen in ihrer bisherigen Lage gefangen – auf Englisch: "locked in". Ein Problem, das übrigens auch der Wirtschaft schadet, wenn Arbeitnehmer Jobangebote ausschlagen, weil sie am Standort des Unternehmens keine bezahlbare Wohnung finden. Dass Instrumente wie Mietpreisbremse oder Kappungsgrenze hier gegensteuern, ist unter Ökonomen allerdings umstritten: Sie schützen Bestandsmieter, vergrößern aber zugleich den Abstand zu den Neuvertragsmieten – und können den Lock-in-Effekt so sogar verstärken. "Einfach mal mehr bauen" ist aber eben auch alles andere als einfach . Denn Bauen ist teuer geworden. Ein Neubau kostet im Schnitt 37 Prozent mehr als 2021, weil die Kosten für Material und Energie gestiegen sind. Zusätzlich sind Kredite inzwischen deutlich teurer als noch vor ein paar Jahren. Damit sich die Investition noch lohnt, setzen private Entwickler und Fonds stärker auf Wohnungen, für die sie 20 Euro pro Quadratmeter und mehr verlangen können. Die Investitionsbank Berlin stellt in ihrem aktuellen Wohnungsmarktbarometer tatsächlich ein Überangebot in diesem Preissegment fest. Wohnungssuchende mit mittlerem oder geringem Budget konkurrieren hingegen weiter um zu wenige Angebote. Müssen sich die deutschen Großstädter und Haushalte in wirtschaftsstarken Ballungsräumen also damit abfinden, dass sie ihr Geld mehr zum Wohnen als zum Leben ausgeben? Noch würde ich die Hoffnung nicht aufgeben. Zwar ist ein Anti-Vergesellschaftungsgesetz der Bundesregierung noch keine eigene Idee für günstigere Mieten. Der sogenannte Bau-Turbo , der Planungsverfahren beschleunigt, und das Vorhaben einer staatlichen Wohnungsbaugesellschaft, die serielles Bauen fördern soll, sind aber zumindest mal ein Anfang. Auch die geplante Einführung des Gebäudetyp E (wie "einfach"), bei dem weniger Normen etwa für Haustechnik oder Schallschutz beachtet werden müssen, dürfte niedrigere Baukosten und damit niedrigere Einstiegsmieten ermöglichen. Vielleicht ist das am Ende die wenig befriedigende, aber ehrliche Antwort auf die Frage, was gegen zu hohe Mieten hilft: keine einzelne große Maßnahme wie eine Vergesellschaftung, sondern viele kleinere Stellschrauben, die Bauen schneller, günstiger und damit wieder breiter möglich machen. Eine zaghafte Trendwende zeichnet sich in der Baubranche bereits ab: Von Januar bis Juli 2026 wurden deutschlandweit 148.800 Wohnungen genehmigt – 12,9 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Das reicht noch nicht für Euphorie, aber für vorsichtigen Optimismus. Rentenreform Land der Dichter und Dachdecker Erinnern Sie sich noch an den "Herbst der Reformen"? Ja, genau, der sollte eigentlich schon im vergangenen Jahr kommen, kam dann aber doch nicht. Dieses Schicksal soll dem diesjährigen Herbst nicht auch noch blühen, insbesondere bei der Rente möge sich bitte schnell etwas bewegen, mahnt die Union. Andernfalls bleibe ihr nichts anderes übrig, als die Einkommensteuerreform von Lars Klingbeil zu blockieren. Denn keine Reform ist bekanntlich besser als eine Reform oder so ähnlich. Dabei läuft doch eigentlich alles nach Plan. Zumindest nach dem Plan, den Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) zuvor ausgegeben hatte: Im Oktober sollte der erste große Teil der Rentenreform ins Kabinett, hatte sie angekündigt, und der hat ja noch ein paar Tage. Je schneller Bas liefere, desto besser, findet aber der Koalitionspartner, das versachliche die Diskussion über Beitragsjahre und Renteneintrittsalter. Gemeint ist das Hin und Her bei der sogenannten Rente mit 63 , die inzwischen eigentlich Rente mit 64,5 heißen müsste. Die Union befürchtet, dass die SPD noch mal schwach werden und die geplante Abschaffung nicht durchziehen könnte. Und in der Tat wäre es wichtig, dass die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren ein Ende findet. Denn sie erreicht gerade nicht diejenigen, für die sie mal erdacht worden war. Statt der körperlich hart arbeitenden Handwerker nutzen diese Art der Frührente überproportional oft Versicherte mit hohen Rentenansprüchen, die sich bester Gesundheit erfreuen. In der aktuellen Debatte wird dieser Fakt aber gerne ignoriert. Oder wie es Bundesbankchef Joachim Nagel bei einer Wirtschaftsveranstaltung in Rostock formulierte: "Früher hieß es ja, wir Deutschen seien das Volk der Dichter und Denker. Aber in der Rentendiskussion wird bisweilen der Eindruck erweckt, wir seien ein Volk von Dachdeckern und Fliesenlegern." Wer aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten kann, für den wird auch künftig ein früherer Renteneintritt möglich bleiben . Alle anderen können ihn sich weiterhin mit Abschlägen erkaufen, statt einen automatischen Anspruch darauf zu haben, der auf Kosten der anderen Beitragszahler geht. So wird es hoffentlich auch in Bas' Gesetzentwurf stehen. Private Altersvorsorge Frühstart für alle Wer in Deutschland etwas werden will, tut gut daran, in die richtige Familie geboren zu werden. Soziale Herkunft und Elternhaus prägen den Bildungsweg von der Kita bis zur Uni. Auch ökonomisch ist die Ungleichheit hoch: Die obere Hälfte besitzt fast alles, die ärmere Hälfte kaum nennenswertes Vermögen. Wie toll ist da die Idee der Bundesregierung, bei der neuen Frühstart-Rente auch jene Kinder mitzudenken, deren Eltern sich nicht kümmern. Ab 2027 will der Staat Kinder zwischen 6 und 18 Jahren an den Kapitalmarkt heranführen. Dafür spendiert er 10 Euro pro Monat, über die gesamte Laufzeit also 1.440 Euro, die in ein individuelles Altersvorsorgedepot fließen – vorausgesetzt, die Eltern eröffnen ein solches Depot für ihr Kind. Tun sie das nicht, greift eine kollektive Auffanglösung bei der Bundesbank. Die Förderung ist für Kinder, deren Eltern nicht aktiv werden, also nicht verloren. Sie können bis zu ihrem 35. Lebensjahr Anspruch darauf erheben und das Guthaben plus die bis dahin erzielte Rendite auf ein eigenes Altersvorsorgedepot übertragen. Der Bundesrat fordert nun, diesen Übergang noch einfacher zu gestalten, damit auch wirklich jeder anschließend weiter fürs Alter vorsorgt und das Geld nicht zurück an den Staat fließt. Dazu schlägt er vor, dass den betroffenen Kindern im Erwachsenenalter ein Angebot für einen sogenannten Standarddepot-Vertrag übermittelt wird. Das Standarddepot ist die bequeme und günstige Basisvariante des neuen Altersvorsorgedepots , bei der der Anbieter nach gesetzlichen Vorgaben die Anlage übernimmt. Allerdings wünscht sich der Bundesrat dafür ein Standarddepot in öffentlicher Trägerschaft. Das lässt bisher auf sich warten. Heute berät der Finanzausschuss des Bundestags über die Einführung der Frühstart-Rente. Wünscht sich auch der einen direkten Übergang in die private Altersvorsorge für alle, könnte das dem Finanzministerium noch mal Beine machen, neben den zahlreichen privaten Angeboten, die es ab 2027 in der neuen privaten Altersvorsorge geben wird , auch ein staatlich organisiertes Produkt an den Start zu bringen. Das historische Bild Eine Filmproduktion der Extraklasse lief 1956 in den Kinos an. Mehr lesen Sie hier. Lesetipps Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat alle Hinweise, die zum Ausschluss dreier Läden vom Buchhandlungspreis führten, zur Verschlusssache erklärt – obwohl die Gründe dafür zweifelhaft erscheinen. Das zeigen interne Unterlagen, die meinem Kollegen Jonas Mueller-Töwe vorliegen. Artikel lesen Einst gruben Hunderte Bergleute in der sowjetischen Siedlung Pyramiden nach Kohle. Mittlerweile nutzt Moskau die Siedlung im norwegischen Spitzbergen auf andere Weise – sie aufzugeben, kommt nicht infrage, berichtet mein Kollege Tobias Schibilla von Spitzbergen. Artikel lesen Als Mutter und Geschäftsfrau hinterfragt Franca Lehfeldt die gesellschaftlichen Erwartungen an Mütter. Im Interview mit meiner Kollegin Elena Rothammer spricht sie über ihr Konzept von Elternschaft, über Finanzen und über das, was sich in Deutschland ändern muss. Artikel lesen Ohrenschmaus Wahrscheinlich bin ich nicht die Erste hier, die Sie mit diesem Lied in den Tag schickt. Schließlich hat es den perfekt passenden Titel. Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen vertrauensvollen Start in die Woche! Morgen schreibt Ihnen David Schafbuch. Herzliche Grüße Ihre Christine Holthoff Senior Redakteurin Finanzen Mit Material von dpa, Recherche unterstützt von Google Gemini und Opus.



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