Fleischfabrik-Skandal: So wachsen 2000 Schweine vier Monate lang auf
Bödigheim. (dore) Als selbstschlachtender Metzger setzt Ralf Herkert auf regionale Herkunft. Er weiß genau, woher die Tiere für sein Fleisch und die Wurst kommen. Alle Tiere werden im Neckar-Odenwald-Kreis großgezogen. Die Schweine bezieht der Metzger von Lars Unangst (Bödigheim), der Familie Trunk (Walldürn) und Reiner Bundschuh (Rüdental), die Rinder von Peter Hoffmann (Rumpfen). Wir wollten wissen, wie ein Schweinemastbetrieb aussieht, der an einen regionalen Metzger liefert und haben den Aussiedlerhof von Lars Unangst in Bödigheim besucht.
Dort begrüßt uns um 9 Uhr morgens bei regnerischem Wetter ein sympathischer, junger Landwirt. An Arbeit mangelt es Lars Unangst nicht. "Zwölf-Stunden-Tage sind normal, in der Erntezeit sind es noch mehr", erzählt er. Der Familienvater wuppt die ganze Arbeit rund um seinen konventionellen Schweinemastbetrieb hauptsächlich alleine. Rund 2000 Schweine leben auf dem Hof in drei Mastställen, der erste Stall wurde 1980, der neueste 2011 gebaut.
Der Landwirt besitzt über 200 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche. Seit 2012 gehört Lars Unangst der Betrieb, den er von seinem Vater übernommen hat. Der half bis zu seinem Tod im Januar dieses Jahres noch fleißig mit. Familienmitglieder und Nachbarn unterstützen ihn nun so gut es geht, doch mittlerweile hat sich Unangst entschlossen, im September einen Auszubildenden einzustellen.
Die Ferkel kauft Unangst im Alter von zwei Monaten allesamt von Ferkelerzeuger Christian Friedel aus dem Mudauer Ortsteil Waldauerbach. "In diesem Alter haben sie ein Gewicht von 25 bis 30 Kilogramm. Sie bleiben dann vier Monate auf meinem Hof, bis sie schlachtreif sind", erklärt Unangst. Ihr Gewicht liegt dann zwischen 115 und 120 Kilogramm. Den Großteil des Futters (Weizen, Gerste, Mais, Erbsen und Sommergerste) baut Unangst selbst an. Den Rest (Wintergerste, Schrot und Mineralien) bezieht er aus der Umgebung. Außerdem bekommen die Tiere Heu, das auch als Beschäftigungsmaterial dient. Gefüttert werden die Schweine über eine automatisierte Anlage. Mehrmals am Tag macht Lars Unangst einen Kontrollgang und schaut, ob alles in Ordnung ist, sich die Tiere normal verhalten und keine Krankheitsanzeichen zeigen. Antibiotika werden nur im äußersten Notfall gegeben, wenn die Krankheit es erforderlich macht.
Die Haltungsbedingungen entsprechen den gesetzlich vorgeschriebenen Standards für konventionelle Schweinemast. Einem 50 bis 110 Kilogramm schweren Mastschwein müssen demnach mindestens 0,75 Quadratmeter zur Verfügung stehen. Einen Auslauf ins Freie haben die Tiere nicht, sie leben in Buchten mit Vollspaltenböden in einem Stall mit geschlossenen Fenstern, der belüftet wird. Den Stall verlassen sie nur auf dem Weg zum Metzger oder zum Schlachthof. Dass jedoch die Landwirte allein verantwortlich für die oft kritisierten Bedingungen in der deutschen Schweinemast seien, will Unangst so nicht stehen lassen: "In den 80er-Jahren gab es die amtliche Empfehlung, Dunkelställe mit Spaltenböden zu bauen", kritisiert Unangst. Also sogar ohne Fenster.
Ob sich seine Schweine wohl fühlen? Lars Unangst glaubt ja. Zu den Bedingungen in seinem Stall sagt er aber auch: "Natürlich will ich, dass es den Tieren gut geht. Ich würde auch sofort meine Ställe umbauen, einen Auslauf bauen und nur die Hälfte an Tieren halten, Stroh einstreuen, und ihnen mehr Platz bieten, wenn es auch bezahlt wird." Mehr Stroh bedeute mehr Arbeit, weil man die Ställe ausmisten müsse. Dafür bräuchte Unangst wiederum wohl einen weiteren Mitarbeiter. Bedeutet: Mehr Kosten und weniger Tiere. Doch mit viel weniger Tieren könne er bei den Preisen als Schweinebauer nicht überleben. Er zeigt eine einfache Rechnung auf: Mit der Hälfte der Tiere müsste er doppelt so viel Geld pro Tier bekommen. "Wenn der Verbraucher mehr für Fleisch und Wurst zahlt, dann lassen sich auch andere Bedingungen umsetzen", sagt Unangst.
Aktuell liegt der Marktpreis bei 1,47 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht für ein Schwein. Diesen Preis zahlt ihm auch der Schlachthof Färber aus Schefflenz. Rund 90 Prozent seiner Schweine liefert Lars Unangst dorthin. Die restlichen Tiere fährt er zur Metzgerei Herkert sowie zu zwei Metzgern außerhalb des Landkreises. Die Metzgerei Herkert zahlt Unangst etwas mehr als den Marktpreis. "Bei den Metzgern springt für mich unterm Strich pro Schwein etwas mehr raus als beim Schlachthof", erklärt Unangst. Und während das Schwein für den Metzger auch mal ein paar Kilo mehr wiegen kann, gibt es beim Schlachthof strengere Vorgaben zum Schlachtgewicht. "Bei Tönnies weiß ich, dass da ganz penibel drauf geachtet wird, da dürfen die Schweine über ein Gewicht nicht hinauskommen."
Pro Schwein verdient Unangst im Durchschnitt etwa 15 Euro. Vom Verkaufspreis gehen Kosten für den Ferkelkauf, Futter und Stall ab. Wie viel er für seine Schweine bekommt, hängt längst nicht mehr nur vom regionalen Markt ab: Die Preise werden vom weltweiten Absatz bestimmt. Vor allem China, die USA und aus Europa Spanien gehören zu den größten Schweinefleischproduzenten.
Das Geschäft als deutscher Schweinebauer sei mühsam, so Unangst. Viel Arbeit und oftmals wenig Ertrag. Aktuell sind die Preise wieder sehr niedrig: Zuerst kam Corona und dann noch der Fall Tönnies. Doch auch 2017 und 2018 habe er phasenweise gar nichts verdient. 2019 sei das erste Jahr gewesen, so Unangst, von dem er sagen konnte: "Jawohl, es läuft richtig gut." Die Afrikanische Schweinepest in China trieb damals die Preise nach oben.