"Tatort" aus Bremen: WG ohne Gemeinschaft – alle gegen alle und jeder für sich
Das Bremer "Tatort"-Team ermittelt nach dem Tod einer jungen Frau im Studentenmilieu. Sie stoßen auf eine WG, in der vieles herrscht – nur kein Miteinander.
- 3 von 5 Punkten
- Bedrückende Sozialstudie im studentischen Umfeld
Worum geht's in dem "Tatort"?
Die Jurastudentin Annalena Höpken (Annika Gräslund) wird tot vor einem Nachtclub aufgefunden. Sie wurde eine Treppe hinuntergestoßen und starb an einem Genickbruch. Eine erste Spur führt zu dem Obdachlosen Emil Klaßen (Robin Bongarts), der das Handy der 23-Jährigen bei sich hat. Im Laufe der Ermittlungen tauchen Kommissarin Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) und ihr Kollege Patrice Schipper (Tijan Njie) vom Kriminaldauerdienst in das private Umfeld der Toten ein. Die Studentin lebte mit mehreren jungen Leuten in einer WG. Dort gab es reichlich Konflikte. "Wir wohnen hier nur, wir leben nicht zusammen", erklärt Karima Al-Sharquawi (Shirin Eissa), die ebenfalls Jura studiert, aber nicht gut auf ihre Kommilitonin zu sprechen ist. Ein anderer Mitbewohner ist Höpkens Ex-Freund Hannes Butenbeker (Michael Schweisser), der sie eiskalt abserviert hat.
Und auch bei ihren Angehörigen scheint die Tote keinen Halt gefunden zu haben. Höpken stammt aus einer wohlhabenden Unternehmerfamilie, doch nach dem Tod des Vaters rutschte der Betrieb in den Ruin. Die Mutter plagen Geldsorgen, ihre Töchter scheint sie komplett aus dem Blick verloren zu haben. Denn nicht nur Annalena Höpken hatte Probleme, auch ihre jüngere Schwester Betty (Mathilda Smidt) gerät auf die schiefe Bahn.
Warum lohnt sich der Fall "Wenn man nur einen retten könnte"?
Der Film fokussiert sich auf das Opfer, die getötete Jurastudentin Annalena Höpken. Wer war sie? Was bestimmte ihren Alltag? Welche Probleme gab es in ihrem Leben? Peu à peu offenbaren sich immer mehr Abgründe. Höpken hatte Geldsorgen, um dem Leistungsdruck an der Uni Stand zu halten, konsumierte sie Drogen. Die junge Frau steht dabei symptomatisch für eine orientierungslose Generation, die Einsamkeit und Selbstzweifel plagen.
Die Autorinnen Elisabeth Herrmann und Dr. Christine Otto ließen sich vom wahren Fall einer Studentin inspirieren, die über Jahre vorgibt, Jura zu studieren und nicht den Mut findet, ihren Eltern zu gestehen, dass sie das Pensum, einfach nicht mehr schafft. "Und über allem schwebt die schwarze Wolke des 'immer funktionieren Müssens' – an der Uni, beim Sex, im kreativen Ausdruck", sagen Herrmann und Otto. Zugleich stimmt der Krimi sozialkritische Töne an. Es geht um hohe Mieten, Karrierechancen von Menschen mit Migrationshintergrund und die wachsende Schere zwischen Arm und Reich – das alles spiegelt sich in der WG. Denn dort herrscht vieles, aber keine Gemeinschaft.
Was stört?
Wer einen packenden Kriminalfall mit überraschenden Wendungen erwartet, könnte enttäuscht sein. Der Film ist ein emotional erzähltes Sozialdrama, kein spannender Thriller. Viele Figuren sind zudem recht klischeehaft gezeichnet: Der Ex-Freund der Toten ist Sohn reicher Eltern und natürlich ein schnöseliges Arschloch, die ehrgeizige Jurastudentin hat arabische Wurzeln und will beweisen, dass es nicht nur Weiße und Privilegierte nach oben schaffen können und der queere WG-Mitbewohner kommt als verträumter Lebenskünstler daher. Dass Kommissarin Liv Moormann dann auch noch eine persönliche Beziehung zu dem verdächtigen Obdachlosen hat, ist komplett unnötig und konstruiert.
Die Kommissare?
Für Kommissarin Linda Selb (Luise Wolfram) ist der Fall nach drei Minuten vorerst beendet. Bei der Verfolgung eines Verdächtigen wird sie mit einem Stein am Kopf getroffen und landet in der Klinik. In einzelnen Szenen ist zu sehen, wie sie am Krankenbett recherchiert – sonst ist sie bei den Ermittlungen komplett außen vor. Dafür kommt Patrice Schipper (Tijan Njie), genannt Prince, zum Einsatz. Er arbeitet für den Kriminaldauerdienst und hat eigentlich gar keine Lust auf die Mordkommission. Doch Moormann holt ihn kurzerhand zum Fall dazu. Dass ihm der Ruf als Frauenheld vorauseilt, wird für die Kommissarin zur zusätzlichen Herausforderung.
Ein- oder ausschalten?
Der Fall bewegt und der Kollege vom Kriminaldauerdienst bringt frischen Wind ins Bremer Ermittlerteam – geben Sie dem Fall eine Chance.
