Kunst und Alltag an der Maslowka
Das Viertel an der Maslowka (gemeint sind die Straßen Werchnjaja Maslowka und Nischnjaja Maslowka, die Petrowsko-Rasumowskaja-Allee und die Petrowsko-Rasumowskaja-Passage) ist vielleicht nicht so bekannt wie die Künstlersiedlung „Sokol“, steht ihr jedoch in puncto Anzahl berühmter Bewohner in nichts nach. Hier lebten und wirkten Wladimir Tatlin, Juri Pimenow, Alexander Labas, Igor Grabar, Ernst Neizwestny, Wadim Sidur und viele andere.
Der Baubeginn
Die Geschichte der Gründung des Künstlerstädtchens an der Werchnjaja Maslowka begann Mitte der 1920er-Jahre, als sich neue Ideen zum Bau von Wohn- und öffentlichen Gebäuden, von Häuser-Kommunen und Genossenschaften nach Branchen- oder Berufsgruppen verbreiteten.
Die Hauptmotoren hinter der Schaffung dieses Wohn- und Atelierhauses für Künstler an der Werchnjaja Maslowka waren Pawel Radimow, der Vorsitzende der Vereinigung der Künstler des revolutionären Russlands (der Vorläuferin des Künstlerverbandes der UdSSR), und Jewgeni Kazman, der Sekretär derselben Organisation. Beide waren eher mittelmäßige Maler, die an der Grenze zwischen Realismus und Impressionismus arbeiteten, aber sie waren Intellektuelle und geschickte Funktionäre. Beide besaßen Ateliers im Kreml und porträtierten die Ersten des Staates – genau diese Persönlichkeiten sprachen sie mit der Idee einer Künstlerkommune an und erreichten so deren Unterstützung und Finanzierung. Lange Verhandlungen, die Sammlung von Anteilsgeldern und der bürokratische Kleinkrieg um die Zuteilung des Grundstücks bremsten das Vorhaben zunächst. Dennoch ging das Projekt schließlich an einem Ort mit dem malerischen Namen Maslowka auf.
Das erste Haus dort begann man 1929 zu bauen – nach einem Entwurf des 26-jährigen Leonid Saweljew, der später einer der Architekten des Hotels „Moskau“ werden sollte. Das Bauland wurde in der Nähe des gerade fertiggestellten Dynamo-Stadions und des Petrowski-Parks zugewiesen, einem Ort, der sich hervorragend für Pleinairs eignete. Das Haus an der Werchnjaja Maslowka, das heute die Nummer 9 trägt, gestaltete sich ganz im Geiste des Konstruktivismus – schlicht und funktional. Fertiggestellt wurde es 1931, zur Abenddämmerung der konstruktivistischen Architektur.
Der tragische Traum
Der Staat stellte für die Kommune fast 1 Million Rubel zur Verfügung – eine für die damalige Zeit unglaubliche Summe. Man sollte jedoch nicht glauben, dass dies bloß eine großzügige Geste war. Die Regierung brauchte Sänger der neuen Ordnung, und um sie bequem kontrollieren zu können, sollten die Künstler an einem Ort konzentriert sein.
In den Jahren des Großen Terrors blieben Repressionen auch den Künstlern an der Maslowka nicht erspart. Die Künstler wurden nicht nur einfach zu Zwangsarbeit verbannt oder erschossen – auch ihre Werke und deren Reproduktionen wurden vernichtet. Bezeichnend ist die Geschichte von Michail Sokolow, der 1934 der Moskauer Vereinigung der Sowjetkünstler beitrat und Anspruch auf ein Atelier im Haus Nummer 9 erhob. Ein anderer Künstler, der ebenfalls auf das Studio spekuliert hatte, denunzierte ihn, und aufgrund dieser falschen Anschuldigung wurde der Maler zur Holzfällerarbeit verbannt. Nach seiner Rückkehr lebte er nur noch wenige Jahre: Die Zwangsarbeit hatte seine Gesundheit ruiniert.
In den Jahren der Repressionen starb auch der brillante Plakatkünstler Gustav Klucis. Er war ein Multitalent, einer der führenden Köpfe des Konstruktivismus, ein Begründer und Theoretiker der schwarz-weißen und farbigen Fotomontage. In den 1930er Jahren gerieten die Avantgardisten in Ungnade, und Klucis verlor seine Aufträge. Er begann eine Zusammenarbeit mit der lettischen Kulturgesellschaft „Prometheus“ und wurde daraufhin als „Mitglied einer lettischen terroristischen Organisation“ verhaftet. 1938 wurde er erschossen; lange Zeit glaubte man, er sei 1944 in einem Lager ums Leben gekommen. Seine Frau Walentina Kulagina war Co-Autorin vieler Werke ihres Mannes. Sie arbeitete im Bereich der Industrie- und Buchgrafik, der Fotomontage und der Plakatkunst. Trotz der Repressionen gelang es ihr, das künstlerische Erbe ihres Mannes zu bewahren, und bis an ihr Lebensende versuchte sie, etwas über sein Schicksal zu erfahren. Als Ehefrau eines „Volksfeindes“ verlor sie jedoch in allen Verlagen ihre Aufträge.
Werke von Klucis und anderen Künstlern der Maslowka können im neuen Museum besichtigt werden.
Wie zu Hause beim Künstler
Das kleine „Museumszentrum „Maslowka. Künstlerstadt“ in der Werchnjaja Maslowka 3 öffnete im vergangenen Herbst. Der Geschäftsmann, Sammler und Forscher Wassili Djomin, der das neue Museum gründete, entstammt nicht selbst dem künstlerischen Milieu. Er ließ sich vor etwa 15 Jahren hier nieder und nach und nach zog ihn die Magie des Ortes in ihren Bann. Er begann, die Geschichte des Städtchens zu erforschen, lernte die Nachbarn kennen, fand Zugang zu den Künstlerateliers und Wohnungen der Erben, trug Archive zusammen und erwarb Kunstwerke.
Die Museumsräumlichkeiten befinden sich im dritten Stock des Hauses, wo über viele Jahrzehnte ein betriebseigener Kindergarten untergebracht war. In ihm wuchsen buchstäblich die Nachkommen der Künstlerdynastien der Maslowka auf. Der Kindergarten wurde 2021 geschlossen, und nun ist hier eine Kultureinrichtung eingezogen.
Es herrscht die Atmosphäre eines fast intimen Museums, irgendwo zwischen Arbeits- und Lebensraum. Denn buchstäblich: Eine Tür führt ins Treppenhaus der Bewohner, die andere direkt zu den Ateliers. Anders als in staatlichen Institutionen sind die Kunstwerke hier nicht isoliert – sie sind Teil des Alltags, direkt neben denen, die sie geschaffen haben.
Zum ersten Mal im Ausland
Jetzt ist hier die Ausstellung „Ist das Ausland ein Mythos?!“ zu sehen. Sie erzählt von Auslandsreisen sowjetischer und russischer Künstler in der Zeit um 1956, als solche Reisen gerade erst möglich waren, und wie sowjetische Maler den Westen sahen und darstellten.
Für einen Sowjetbürger war eine Auslandsreise ein außergewöhnliches Ereignis. Zeitgenossen verglichen solche Reisen mit Flügen zum Mond oder zum Mars. Zu den ersten, die diese Möglichkeit erhielten, gehörten 17 Künstler, die 1956 die Biennale in Venedig besuchten. Genau zu dieser Zeit startete Nikita Chruschtschow mit dem Schiff „Pobeda“ die erste Auslandsreise „Rund um Europa“. Zu den Passagieren gehörten Schriftsteller, Musiker, Ingenieure, Wissenschaftler und Künstler. Danach wurden den Künstlern London, Delhi, Paris, Peking, Rom, Tokio, New York und Singapur zugänglich. Die Künstler begaben sich in die berühmte Villa Abamelek in der Nähe des Vatikans, die sowohl als Residenz des sowjetischen Botschafters als auch als kreative Datscha der Akademie der Künste der UdSSR diente.
In ihren Gemälden und Skizzen versuchten die Künstler, eine andere Welt festzuhalten, die ihnen buchstäblich außerirdisch erschien. Menschen, die zum ersten Mal in ihrem Leben das Kolosseum sahen, durch Montmartre spazierten, sich in Harlem wiederfanden und die japanische Kirschblüte beobachteten, versuchten, zumindest Bruchstücke dieser unglaublichen Orte mit nach Hause zu nehmen.
Aber selbst für die Elite war es nicht einfach, ins Ausland zu reisen. Man musste seine Zuverlässigkeit unter Beweis stellen. Die Beamten waren besorgt, dass sich unter den Künstlern „Nichtzurückkehrende“ befinden könnten. Was die Bewohner von Maslowka betraf, konnte man jedoch beruhigt sein. Sowjetische Künstler waren eine privilegierte Klasse – sie hatten geräumige Ateliers und gute Honorare. Das Schicksal ihrer ausländischen Kollegen sah hingegen wenig beneidenswert aus. Sowjetische Touristen betrachteten die Straßenkünstler, die mit Kreide auf dem Asphalt malten, mit Erstaunen und Mitleid. Diese elegante Form des Bettelns wurde vom Künstler Gelij Korzhew dargestellt. In der Ausstellung ist eine Skizze zu seinem berühmten Gemälde „Der Künstler“ zu sehen, das in der Tretjakow-Galerie aufbewahrt wird. Neben dem Straßenmaler sitzt eine nachdenkliche Muse – ihr Vorbild war die Frau des Künstlers, Kira Korzewa.
Die Reisen dauerten nicht immer lange, aber Illustratoren hatten besonders viel Glück – Witalij Gorjaew beispielsweise verbrachte ein paar Monate in den USA und brachte von dort viele Zeichnungen mit. Es gab noch eine andere Möglichkeit, die Welt zu sehen – sich als Matrose auf einem Handelsschiff zu verdingen, wie es einst der Künstler Max Birstein tat.
Die Ausstellung „Ist das Ausland ein Mythos?!“ vereint mehr als hundert einzigartige Exponate. Darunter sind Gemälde von Witalij Gorjaew, Gelij Korzhew, Jurij Pimenow, Max Birschtein, Alexej Gritsaj, Dmitrij Zhilinskij, Irina Zatulowskaja, Wiktor Iwanow, Tatjana Nasarenko und anderen.
Zu sehen sind sowohl Gemälde und Zeichnungen, die direkt während der Auslandsreisen entstanden oder nach Motiven geschaffen wurden, als auch aus dem Ausland mitgebrachte Souvenirs. Die Besucher erwarten exotische bunte Masken und Gemälde von Yurij Pimenow und Gelij Korzhew, Pariser Parfümflakons, Illustrationen mit Afro-Frisuren aus einem Schönheitssalon und eine ganze Wand mit Szenen aus dem amerikanischen Alltag von Witalij Gorjaew.
Der Raum der Traditionen
Nach dem Museum lohnt sich ein Besuch im Atelier der Familie Arendt (Werchnjaja Maslowka 1, Atelier 9). Der Eintritt ist frei, man kann die Werkstatt jedoch mit Spenden unterstützen. In diesem Raum wirkten die Künstlerin Ariadna Arendt und ihr Ehemann Anatoli Grigorjew. Grigorjew wurde 1948 festgenommen; Ariadna unternahm alles Menschenmögliche, um ihn von den schweren Lagerarbeiten zu leichteren Tätigkeiten versetzen zu lassen. Er wurde 1954 freigelassen.
Das kleine Atelier ist vollständig mit Skulpturen gefüllt, aber dennoch sehr gemütlich – wohl dank der heutigen Hausherrinnen, Ariadnas Enkelinnen Maria und Natascha Arendt. Derzeit ist hier gerade die Ausstellung „GVNH“ von Natascha zu sehen, die sich mit der Verwandlung von Objekten beschäftigt. Den Ausstellungstitel kann man ins Deutsche als „Armut ist der Erfindungen Mutter“ übertragen. Die Ausstellung ist eine Hommage an ihre Großmutter, die sich durch einen freien Umgang mit Materialien und Stilen auszeichnete.
Ljubawa Winokurowa, Anna Braschnikowa
Запись Kunst und Alltag an der Maslowka впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.
