Social Media: Im Döner-Hype: Wie Klosterschwestern mit Klischees brechen
Das Leben im Kloster ist nicht so verstaubt, wie viele denken, sagt die 28 Jahre alte Schwester Clarita – und zeigt das auf Instagram. Gespräche über True Crime, Feminismus und Glücklichsein.
Nach dem viralen Döner-Video ist im Koblenzer Kloster Arenberg die "Hölle los". So beschreibt Klosterschwester Ursula den ungeplanten Trubel rund um das Instagram-Video, das ihre 92 Jahre alte Mitschwester Irmingard beim Essen ihres ersten Döners zeigt – es wurde in nur einer Nacht Millionen Mal aufgerufen. Dass die Klosterschwestern mit Klischees brechen, hat international für Aufmerksamkeit gesorgt.
Für Schwester Irmingard, die bereits seit 69 Jahren im Kloster lebt, kam die plötzliche Aufmerksamkeit ganz überraschend. "Acht Millionen haben sich eingeklickt, unglaublich", sagt sie. "Jetzt habe ich gedacht, was kannst du für die acht Millionen Leute machen?", teilt sie ihren Gedanken. Und sie hat auch eine Antwort parat: "Jetzt kannst du nur noch für die beten." Sie werde dem Herrn den Kummer der Menschen ans Herz legen. "Der wird es schon richten", sagt sie.
Berühmt fühle sie sich trotz der vielen Klicks, Likes und Kommentare nicht, da sei sie nicht der Typ für. Wird sie jetzt die Lücke füllen, nachdem Bayerns Ministerpräsident und bekennender Döner-Fan Markus Söder angekündigt hat, künftig weniger Essens-Fotos auf Social Media posten zu wollen? "Nein, um Gotteswillen!", sagt sie lachend. "Das ist nicht unsere Art."
Work hard, pray hard
Die 28 Jahre alte Schwester Clarita hat das Video gefilmt und gepostet, auch sonst teilt sie regelmäßig Einblicke aus dem Kloster, wo sie seit etwas mehr als drei Jahren lebt. Ihr Ziel: mit Klischees aufräumen.
Eins davon: "Ganz viele denken, dass wir Kirchensteuer bekommen und deswegen irgendwie nicht arbeiten müssen", sagt Schwester Clarita. Das stimme aber nicht. "Ich arbeite beim Deutschen Liturgischen Institut in Trier in einem Büro, ich habe da einen ganz normalen Arbeitsvertrag." Das Gehalt und die Rente der Schwestern gehe in eine Gemeinschaftskasse. Daraus werde das Leben im Kloster finanziert und das Taschengeld von 120 Euro im Monat ausgezahlt. Vier Wochen im Jahr haben die Schwestern Urlaub.
Viele wüssten auch nicht, dass die Schwestern in einem apostolischen Kloster im Gegensatz zu Nonnen, die in Klausur leben, auch die Klostermauern verlassen können. Als der Film "Konklave" herauskam, waren die Schwestern beispielsweise gemeinsam im Kino. Für Schwester Clarita ist Bewegung außerhalb des Klosters sehr wichtig: "Ich power' mich gern aus", sagt sie und macht das unter anderem beim Fahrradfahren, Klettern oder auch Treffen mit Freunden.
Zwischen Scrollen, True Crime und Stille
Was Schwester Clarita vielen Klischees entgegensetzen will: "Wir sind ganz normale Menschen aus dem 21. Jahrhundert." Sie hört gerne Podcasts, wenn sie unterwegs ist und bekennt sich als Hörerin von "Aktenzeichen XY" als True-Crime-Fan – als Kind wollte sie mal Polizistin werden.
Schwester Clarita hat sich jedoch auch einem verhältnismäßig einfachen Lebensstil verpflichtet – sie und ihre Mitschwestern haben ein Gelübde für Armut, Gehorsam und Keuschheit abgelegt. Stille plane sie sich regelmäßig ein, doch leicht ist das nicht immer. "Ich würde eigentlich lieber ein Buch lesen und ertappe mich dann aber doch dabei, dass ich dann irgendwie mal kurz auf Insta gehe." Gedanken, die sicherlich auch viele Menschen außerhalb von Klostermauern kennen.
Schwester Clarita nutzt kein Make-Up, schaut kein Trash-TV und nutzt Parfüm nur an Sonntagen. Alkohol und Süßigkeiten sind dagegen kein Tabu.
"Keinen Mann abbekommen"
Ein Klischee, das der Schwester zufolge auch gerne abgeschafft werden kann, ist die Vorstellung, dass man nur ins Kloster geht, wenn man "keinen Mann abbekommen" hat. Dem hält sie entgegen: "Ich kenne kaum Leute, die so reflektiert sind, wenn sie eine Entscheidung treffen."
Für sie war früh klar, dass der Platz an ihrer Seite leer bleiben wird. Ab dem 15. Lebensjahr hat sie sich bewusst damit auseinandergesetzt. Sie denkt unter anderem an Freunde, die sie aus ihrer Zeit im Studentenwohnheim kennt, und ergänzt: "Meine Beziehungsform ist Freundschaft."
Das Klischee, dass Klosterschwestern alt sind, trifft auf die junge Schwester Clarita zwar nicht zu, doch der Altersdurchschnitt liegt bei den 35 Schwestern im Kloster Arenberg bei etwa 81 Jahren. Erst am Morgen des Gesprächs verstarb eine Ordenschwester – die Sechste in diesem Jahr nach einer Grippewelle im Januar. "Was für mich eigentlich das Traurige dabei, ist nicht, dass wir irgendwie weniger werden, sondern dass ich all diese Schwestern zu Grabe trage", sagt die 28-Jährige.
"Darf die so glücklich sein?"
Auch die 50 Jahre alte Schwester Ursula ist sehr aktiv auf Instagram. Ob sie eine Influencerin ist? "Ja, hoffentlich", sagt sie. "Möchte ich gerne sein, ich bin jenseits der hohen Zahlen, aber ich möchte gerne Einfluss nehmen." Es macht ihr Spaß, ihren Glauben mit Menschen zu teilen.
Schwester Ursula lebt seit 20 Jahren hier. Das Einzige, was ihr wirklich fehle, sei Langeweile und "auch manchmal eine Couch, wo man einfach mal einen Mittag lang 'rumhängen und chillen kann". Und dennoch sagt sie:"Ich bin einfach total glücklich und breche dadurch schon das Klischee einer Ordensfrau – darf die das? Darf die so glücklich sein?"
Die Zeit im Kloster hat ihr aber auch gezeigt, dass es nicht alle Frauen so positive Erfahrungen mit der Kirche gemacht haben. Das habe sie zur Feministin gemacht. "Ich kämpfe sehr für Frauenrechte, auch in der Kirche", sagt die Schwester.
Instagram-Reel vom Kloster Arenberg
