Die Grünen kämpfen im Osten ums politische Überleben. Beim Ostkongress in Sassnitz sucht die Partei nach Wegen, den Einzug in zwei Landtage zu sichern. Julia Naue berichtet aus Sassnitz Grünen-Chef Felix Banaszak ist mit dem Wohnmobil angereist. Seine Reisepartnerin ist Susan Sziborra-Seidlitz, die Spitzenkandidatin der Grünen für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Die beiden haben auf Campingplätzen in der Altmark mit Bier, Eis und Bratwurst um Stimmen geworben. Nun sind sie in Mecklenburg-Vorpommern. Auf Rügen , in Sassnitz, um genau zu sein. Hier findet an diesem Wochenende der Ostkongress der Grünen statt. Das Treffen ist Teil einer größeren Strategie der Partei, ihre Präsenz im Osten zu stärken. Bis heute haben die Grünen dort nicht richtig Fuß gefasst, obwohl sie mit "Bündnis 90" die Wiedervereinigung sogar im Namen tragen. Im September wird in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Die aktuellen Umfragen legen nahe, dass es die Grünen dort nicht wieder in die Landtage schaffen könnten. Deshalb setzt die Partei alles daran, eine bittere Wahlniederlage zu verhindern. Die Erkenntnis, dass es im Osten für die Grünen schlecht läuft und die Wahlen zur Pleite werden könnten, ist nicht neu. Bereits im vergangenen September hat die Partei in Lutherstadt Wittenberg einen ersten Ostkongress veranstaltet . Damals ging es um Problemanalyse und Vernetzung. Die zweite Auflage in Sassnitz soll daran anknüpfen und vor den Wahlen noch einmal richtig Schwung bringen. Die Partei gibt sich betont optimistisch, doch die Ausgangslage bleibt schwierig – der Einzug in die Landtage ist keineswegs sicher. Angst vor dem "Staubsauger"-Effekt In den beiden Bundesländern stehen die Grünen vor ähnlichen Problemen, dennoch sind die Herausforderungen jeweils andere: Sachsen-Anhalt: Am 6. September wird gewählt. Die jüngste Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa sagt 42 Prozent für die AfD voraus, unter bestimmten Bedingungen könnte es in dem Bundesland also nach der Wahl für eine Alleinregierung reichen. Die CDU kommt mit ihrem Spitzenkandidaten Sven Schulze auf 24 Prozent, die Linke kommt auf 13 Prozent, die SPD auf 6 Prozent und die Grünen auf 4 Prozent. Das bedeutet, die Bildung einer Regierung an der AfD vorbei wird maximal schwierig. Je mehr Parteien im Parlament vertreten sind, desto leichter wird es, irgendwie andere Mehrheiten zu finden. Darauf setzen die Grünen mit ihrer Kandidatin Sziborra-Seidlitz. Sie argumentieren: Nur, wenn auch die Grünen im Parlament vertreten sein werden, gibt es eine stabile Mehrheit ohne AfD. Was den Grünen in Sachsen-Anhalt helfen könnte: Der Abstand zwischen AfD und CDU ist so groß, dass es hier kein Kopf-an-Kopf-Rennen um Platz eins geben dürfte. Denn das würde bedeuten, dass die CDU die potenziellen Stimmen für andere Parteien wie ein Staubsauger aufsaugen könnte. Die Grünen setzen darauf, dass auch Sven Schulze weiß, dass er nur Ministerpräsident werden kann, wenn SPD und Grüne im Parlament vertreten sein werden. Mecklenburg-Vorpommern: Hier wird am 20. September abgestimmt. Für die Grünen geht die Bundestagsabgeordnete Claudia Müller ins Rennen. Auch hier stammt die jüngste offizielle Umfrage vom Meinungsforschungsinstitut Insa. Sie sieht die AfD bei 35 Prozent, die SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig bei 28 Prozent, die Linke bei 11 Prozent, die CDU bei 10 Prozent und die Grünen bei 4 Prozent. Auch im Norden wird das Finden einer Mehrheit ohne AfD also schwierig. Je mehr Parteien im Parlament vertreten sind, desto leichter gelingt das. Der Unterschied zu Sachsen-Anhalt aber: Der Abstand zwischen SPD und AfD ist geringer – und die SPD hat zuletzt in den Umfragen zugelegt. Schwesig könnte also im Wahlkampf die Kopf-an-Kopf-Rennen-Karte ziehen. Dann tritt der beschriebene Staubsauger-Effekt ein. Zu beobachten war das auch 2024 in Brandenburg: Der SPD-Spitzenmann Dietmar Woidke errang einen knappen Wahlsieg, die Grünen flogen damals aus dem Landtag. Und die beliebte SPD-Politikerin Schwesig dürfte noch einmal deutlich mehr Stimmen aus dem Grünen-Lager fischen als Schulze mit seiner CDU in Sachsen-Anhalt. "Weckruf für die Partei" Spitzenkandidatin Müller sagt: "Es ist nicht entscheidend, wer auf dem ersten Platz landet. Entscheidend ist, dass es stabile demokratische Mehrheiten gibt." Die Grünen seien dafür das "Zünglein an der Waage". Die Wählerinnen und Wähler sollen ihr Kreuzchen also bei den Grünen machen, um eine AfD-Regierung oder komplizierte Mehrheitsfindung zu verhindern. Selbst viele Grüne zweifeln an, dass diese Logik bei den Menschen verfängt. Zu sehr um die Ecke gedacht, wenig griffig sei das. Auch deshalb geht es in Sassnitz um Grundsätzlicheres. Sziborra-Seidlitz sagt t-online: "Dass wir 2024 in Brandenburg und Thüringen aus den Landtagen geflogen sind, war ein Weckruf für Partei." Seitdem bemühen sich die Grünen, im Osten präsenter zu sein – in einer Region, die nach der Wiedervereinigung mit Massenarbeitslosigkeit zu kämpfen hatte, während die Grünen für postmaterialistische Werte wie Klimaschutz und Selbstverwirklichung standen. Dass das nicht passte und immer noch nicht passt, sieht man noch heute an den Mitgliederzahlen. Im Osten, ohne Berlin , haben die Grünen aktuell nicht mal 14.500 Parteimitglieder. Allein in Berlin haben die Grünen fast 18.00 Mitglieder, die gesamte Partei hat insgesamt 183.000. Selbst unter Einbeziehung der Tatsache, dass im Osten weniger Menschen leben, ist das immer noch ein krasses Missverhältnis. Das spüren die ostdeutschen Grünen täglich. Weniger Mitglieder heißt: weniger Geld, weniger Personalressourcen, weniger Präsenz. Vergangenes Jahr hatte ein Brandbrief von grünen Kommunalpolitikern aus Thüringen für Schlagzeilen gesorgt. Sie richteten einen "verzweifelten Hilfeschrei" an die Parteispitze, berichteten von wachsenden Anfeindungen und forderten mehr Unterstützung. Auch heute ist die Lage für Grüne im Osten immer noch schwierig. Doch dass ihre Rolle in der unbeliebten Ampel-Regierung langsam in Vergessenheit gerate, verbessere die Stimmung gegenüber der Partei insgesamt, auch im Osten, berichten viele Parteimitglieder. Hitze und Hüpfburg Für den Ostkongress in Sassnitz, wo die AfD bei der Bundestagswahl 2025 die mit großem Abstand erfolgreichste Partei war, haben sich die Grünen ein ehemaliges Fährterminal am Hafen ausgesucht. Der zur Event-Location umgebaute "Glasbahnhof" bietet Blick über die Ostsee , in der Ferne ist das LNG-Terminal Mukran zu sehen. Gut 200 Teilnehmer sind gekommen, davon rund zwei Drittel Mitglieder der Grünen. Zum ersten Ostkongress in Lutherstadt-Wittenberg kamen noch deutlich mehr Menschen. Dieses Mal war der Kongress zwar von Anfang kleiner angelegt. Einige Grüne beschwerten sich aber vorab auch über die wohl unzumutbar weite Anreise. Die Hitze dürfte einige kurzfristig zusätzlich abgeschreckt haben. Und auch mit der Bahn ging nicht alles glatt. Ein zusätzlich organisiertes Familienfest mit Hüpfburg neben dem "Glasbahnhof" auch für Außenstehende gibt angesichts der hohen Temperaturen und kaum Schatten ein eher trauriges Bild ab. Das Riesenrad dreht sich immerhin, auch wenn fast alle Gondeln leer sind. Das Programm des Ostkongresses selbst bietet neben Austausch auch Debatten über Themen wie Energie oder Identität, Fortbildungen zum Umgang mit Hass im Netz sowie verschiedene Wahlkampf-Trainings. Hier wird etwa Haustürwahlkampf geübt, es geht um die Frage Duzen oder Siezen, um einen sicheren Auftritt. "Kurz, nett, knackig", soll es sein, so der Trainer. Eine Teilnehmerin erzählt, dass ihr in Brandenburg oft die Tür vor der Nase zugeknallt wurde, ein anderer berichtet vom netten Austausch in Berlin-Neukölln. Hier prallen Welten aufeinander. "Oh! Wie Osten" Auf der Hauptbühne erzählt die Spitzenkandidatin für Mecklenburg-Vorpommern, Claudia Müller, dass sie als Kind einmal so viele "Grabower Küßchen", Schokoküsse aus dem Südwesten Mecklenburgs, gegessen habe, dass sie die Süßigkeit bis heute nicht mehr essen könne, ohne dass ihr sofort schlecht werde. Sziborra-Seidlitz erzählt, dass es für sie lange schwer war, damit umzugehen, dass ihr Großvater Chefredakteur zu DDR-Zeiten war, entsprechend eine DDR-Zeitung gemacht hat. Es geht hier in Sassnitz auch ums Menschliche, ums einander-kennenlernen, miteinander warm werden. Nicht immer gelingt das. Ein Spiel mit dem Titel "Oh! Wie Osten", bei dem Parteispitze und die beiden Spitzenkandidatinnen politische Forderungen malen oder mit Legoklötzchen bauen sollen, wirkt wie ein deplatzierter Klamauk. Und auch die ein oder andere Podiumsdiskussion hat ihre Längen und bietet für einige die Einladung zum Monolog. Während die 44 Jahre alte Müller, die aus dem Realo-Flügel kommt, im Wahlkampf schwerpunktmäßig auf die Themen Klima- und Ostseeschutz und Bezahlbarkeit der Energiewende setzt, bewirbt Sziborra-Seidlitz offensiv noch eine weitere Strategie. "Wir müssen endlich raus aus der Bubble – dorthin gehen, wo wir Grüne sonst nicht sind", sagt die Parteilinke. Deshalb war sie gemeinsam mit Parteichef Banaszak auf den Campingplätzen unterwegs. Die 48-Jährige will zeigen, dass Grüne nicht so sind, wie AfD oder auch CSU-Chef Markus Söder sie darstellen. Mit Banaszak hat sie für dieses Projekt den richtigen Wahlkämpfer an ihrer Seite, denn das entspricht seinem Ansatz für die gesamte Partei. Man habe den Menschen gezeigt, dass Grüne auch Auto fahren würden, in den Urlaub fliegen oder mal ’ne Wurst essen, erzählt er über den Ausflug mit dem Camper. "Wir sind einander als Menschen begegnet", fügt er etwas pathetisch hinzu. Auch mit AfD-Anhängern habe man gesprochen. Über den Sommer soll es noch weitere Aktionen geben. Porträt des Grünen-Chefs: Banaszak rauft sich die Haare, seufzt, nimmt das Urteil an Wahlkampfurlaub im Osten Der Ostkongress soll außerdem dazu beitragen, dass die ostdeutschen Grünen von der Stärke der Partei im Westen profitieren. Britta Haßelmann, Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, sagt zu t-online: "Ich erlebe ein großes, ehrliches Interesse und einen intensiven Austausch zwischen Ost und West." Sie ist eine der wenigen prominenten Grünen, die neben der Parteispitze den Weg an die Ostsee auf sich genommen haben. "Viele Grüne aus westdeutschen Verbänden unterstützen im Osten erneut direkt im Wahlkampf", so Haßelmann, die selbst aus Nordrhein-Westfalen kommt. Es gibt mittlerweile Dutzende Partnerschaften zwischen Verbänden im Osten und Westen, außerdem hat sich der sogenannte Wahlkampfurlaub etabliert. Die Partei hat dafür eigens ein Portal inklusive Bettenbörse eingerichtet. Die Idee: Eine Reise an die Ostsee oder in den Harz mit Wahlkampf verbinden – von Aufhängen von Plakaten bis hin zum Klopfen an den Haustüren. Das Interesse sei sehr groß, heißt es. Eine, die ihrer Partei in der Vergangenheit immer wieder vorgeworfen hat, den Osten nicht ausreichend im Blick zu haben, ist die ostdeutsche Bundestagsabgeordnete Paula Piechotta. Schon lange fordert sie mehr"ostdeutsche Identifikationsfiguren" bei den Grünen. Sie erwartet von ihrer Partei, "breite Wählergruppen anzusprechen", das sei das "ureigenste Interesse" der Grünen, sagte sie t-online. Anders als in Westdeutschland könne man im Osten nur mit einer breiten Ansprache auf Wahlergebnisse von mehr als fünf Prozent kommen, so die aus Thüringen stammende Politikerin, die heute in Leipzig wohnt. Vor Ort in Sassnitz war sie selbst nicht.