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100 Tage Kubicki FDP-Chef: Der Dieter Nuhr der Politik-Maschinerie

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Die FDP kämpft um Stimmen bei den Ost-Wahlen – und gegen das Vergessenwerden. Zentral dafür ist vor allem einer: Wolfgang Kubicki, der bald 100 Tage Parteichef ist. Einen hat er noch. "Ich trinke auch gern mal ein, zwei, manchmal auch drei … Gläser", setzt Wolfgang Kubicki an, hält kurz inne, dann fährt er fort: "Meine Frau sagt immer: 'Sag lieber Gläser Wein, das kommt besser rüber'." Ein ironisches, schelmisches Grinsen huscht ihm über die Lippen, der Saal johlt, lacht, klatscht. "Und übrigens: Ich habe auch dreimal geheiratet, hat mir auch nicht geschadet", schiebt Kubicki hinterher. Kein Staat, so seine Schlussfolgerung, müsse ihm vorschreiben, wie er zu leben habe, das wisse er schon ganz allein. Es ist zugegebenermaßen ein dankbares Publikum, zu dem der FDP-Chef hier in Magdeburg spricht. Rund 200 Leute sitzen vor ihm, vor allem Parteivolk ist da. Eine Wohlfühl-Wahlkampf-Veranstaltung, wie sie der 74-Jährige gut beherrscht. Und wie sie, rein inhaltlich betrachtet, auch viele andere Liberale könnten, zum Beispiel sein Vorvorgänger im Amt, Christian Lindner . Die Art jedoch, wie Kubicki in den 45 Minuten freier Rede den Bogen schlägt von den hohen Strompreisen, gegen die nur Mini-Kernreaktoren helfen würden, bis zum Spott über die einstigen Corona-Regeln, ist anders: nicht aufgesetzt, nicht künstlich, nicht gewollt pointiert. Authentisch kommt er rüber, wie er – hier und da nuschelnd – seine Botschaften setzt und dabei immer wieder seine Witzchen einstreut. Eine Mischung aus Stand-up-Comedy und politischen Appellen. Kubicki, der polternde Entertainer. Kubicki, der Dieter Nuhr des Politikbetriebs. Umfragen zeigen leichten Aufwärtstrend Knapp 100 Tage ist es her, dass die Freien Demokraten ihn auf einem denkwürdigen Parteitag zu ihrem Chef gewählt haben – mit einem vergleichsweise schwachen Ergebnis. Nur knapp 60 Prozent stimmten für Kubicki, 40 Prozent der Delegierten scharten sich hinter Marie-Agnes Strack-Zimmermann . In einer überraschenden Kampfkandidatur war sie gegen den bis dato einzigen Kandidaten angetreten und hatte den Liberalen dabei einen progressiveren, weniger krawalligen Kurs angeboten, der stärker auf die Mitte denn auf Wähler rechts der Mitte zielt, die Kubicki ansprechen will. Doch Mehrheit ist Mehrheit. Die Partei entschied sich für ihr mittlerweile konservativ tickendes liberales Schlachtross aus dem Norden, das über Jahrzehnte eher ein sozialliberales war. Vor allem tat sie es wohl deshalb, weil Kubicki das versprach, was eine Partei braucht, die zum zweiten Mal binnen zwölf Jahren in der außerparlamentarischen Opposition gegen das Vergessenwerden ankämpft: eine populäre Marke an der Spitze, die so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, wie es nur geht, wenn auch mit teils derben "Eierarsch"-Sprüchen . Diese Rechnung scheint bislang aufzugehen, auch abseits der Wahlkampfveranstaltung in der Magdeburger Neustadt. Zumindest in den bundesweiten Umfragen ist die FDP in den vergangenen Wochen und Monaten in fast allen Erhebungen in der Wählergunst leicht gestiegen, bei einigen Meinungsforschern liegt sie mittlerweile wieder bei jenen fünf Prozent, die es braucht, um in den Bundestag einzuziehen. Das Allensbach-Institut, wo CDU und FDP traditionell immer etwas besser abschneiden, taxierte die Zustimmung unlängst gar bei sechs Prozent. So hoch war der Wert zuletzt vor knapp zwei Jahren. Der Streit scheint beigelegt – erst einmal zumindest Ist das schon der erhoffte Kubicki-Effekt? Und ist der innerparteiliche Richtungsstreit damit nun beigelegt, folgen die Liberalen ihrem neuen Chef? Könnten jetzt gar die anstehenden Wahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern für die FDP wieder besser laufen? Nach außen, so viel lässt sich schnell sagen, wirkt die Partei derzeit geschlossen. Größerer öffentlich ausgetragener Streit zwischen den verschiedenen Flügeln und Strömungen in der FDP ist aktuell nicht zu beobachten. Was wiederum nur auf den ersten Blick überraschen mag. Denn obwohl der Parteitag im Berliner Estrel-Hotel ein Hingucker war, der Zoff zwischen Kubicki ("jetzt weißt du, wo der Hammer hängt") und Strack-Zimmermann ("Ich möchte nicht, dass du dir wehtust") auch im Nachgang noch einige Tage weiterging, flaute das Medieninteresse schon bald wieder ab. Es wurde ruhig um die Partei und um die neue Spitze. Das Präsidium mit seinem neuen Chef Kubicki nahm die Arbeit auf, ohne dass jemand allzu groß Notiz davon nahm. Ruhige Gremienarbeit, klare Zuständigkeiten Übereinstimmend schildern auch mehrere Parteiinsider und Präsidiumsmitglieder, dass es in der Führungsetage nur selten konfrontative Situationen gebe. "Alle haken sich unter, allen ist der Ernst der Lage bewusst", so schildert es einer. Von einem "Burgfrieden vor den Wahlen" sprechen andere, wieder andere von "recht guter, hoffnungsfroher Stimmung" in der gesamten Partei. Kubicki, so heißt es bei vielen, mache seine Sache gut, einige sagen: besser als erwartet. Die Gremienarbeit beherrsche er. Und anders als unter seinem Vorgänger Christian Dürr gebe es im Präsidium nun klare Zuständigkeiten, wer wann was macht. Diese Stringenz und Ruhe in der Zusammenarbeit rechnen ihm auch seine parteiinternen Kritiker an. Hinzu komme, dass sich manche Befürchtung so nicht eingestellt habe, etwa mit Blick auf Martin Hagen, den neuen Generalsekretär. Dieser hatte vor dem Showdown-Parteitag viel Aufregung ausgelöst, weil er die "Brandmauer" zur AfD als "Popanz" bezeichnet hatte. Heute sagen diejenigen in der Partei, die Hagen damals als Rechtsaußen-Teufel an die Wand malten: Ganz so schlimm sei es nun ja doch nicht gekommen, inhaltlich sei Hagen "im besten Sinne blass" geblieben. Kulturkampfthemen wie die Debatten um die Meinungsfreiheit seien "glücklicherweise" nicht so präsent geworden. Kursdiskussionen ab Herbst wieder möglich Für Aufregung sorgt bei manchem dagegen eher die Form der Äußerungen. So gab Kubicki zwar auch der linken "taz" ein Interview, gleich zweimal aber war in seinen ersten Monaten als Parteichef auch beim rechten Krawallportal "Nius" zu Gast. Hagen ließ sich derweil von der rechtskonservativen Wochenzeitung "Junge Freiheit" befragen. Die Botschaft, die von der Wahl eines solchen Mediums ausgeht, ist eindeutig: Die FDP richtet sich unter ihrer neuen Führungsriege tatsächlich stärker als zuvor nicht nur an CDU-Wähler, die enttäuscht von Kanzler Friedrich Merz sind, sondern eben auch an jene Menschen, die heute für die AfD stimmen. Das gefällt weiterhin nicht jedem in der FDP. Einige rechnen darum damit, dass spätestens im Herbst, wenn die Arbeit am neuen Grundsatzprogramm starten soll, die Ausrichtung der FDP wieder stärker diskutiert wird. Auch andere Stilfragen könnten dann zur Sprache kommen: Zuletzt ärgerten sich viele etwa über ein Posting Kubickis auf der Plattform X, in dem er sich über Ex-Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) lustig machte. Kaum anders im Tonfall sei das als der Sound der AfD, sagt ein prominenter Liberaler. Das stehe einem Parteichef "nicht gut zu Gesicht", sagt ein anderer, der Mitglied im Bundesvorstand ist. Bis dahin jedoch dürften offene Kritik und Streit die Ausnahme bleiben. Was wiederum die Wahlkämpfer beruhigt, die teils stark auf Kubicki setzen. Neben Lydia Hüskens in Sachsen-Anhalt ist das auch Christoph Meyer, der FDP-Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl in Berlin und seit Langem ein Anhänger Kubickis ist. Ein Klartexter mit Unterhaltungswert Meyer steht an einem Mittwochmorgen Ende August am Bahnhof Berlin-Charlottenburg und verteilt Flyer. Es ist kühl, der Spätsommer legt eine Pause ein, viele Leute eilen vorbei. Morgendliche Rushhour, kaum einer hat Zeit, stehenzubleiben. "FDP, Alta", ruft einer und zeigt Meyer den Vogel, "ihr seid so was von durch, ey!" Der Liberalismus, er hat es seit jeher schwer in der eigentlich so freiheitsliebenden Hauptstadt. Und in der wahrscheinlichen Polarisierung des Wahlkampfendspurts zwischen der Linken-Spitzenfrau Elif Eralp und CDU-Kandidat Stefan Evers findet eine kleine Partei wie die FDP, die in Berlin zuletzt bei nur vier Prozent stand, kaum noch statt. Umso wichtiger ist darum ein bekanntes Gesicht an der Spitze der Bundespartei, das in Berlin zahlreiche Wahlplakate ziert: Kubicki, der hier selbst gar nicht antritt, ist dort zu sehen, daneben Sprüche wie "Wir lieben deinen Erfolg". "Wolfgang Kubicki ist für uns ein starkes Zugpferd, wir spüren den Kubicki-Effekt", sagt Meyer. Der entscheidende Vorteil sei: Kubicki biete nicht nur politischen Klartext, sondern auch Unterhaltungswert. "Er ist allen ein Begriff. Und obwohl er schon seit Jahren ein prägender Kopf für die Politik in Deutschland ist, nimmt ihn niemand als Teil des Establishments wahr." Alles blickt auf die Wahl in NRW Dass das allein noch keine Wahlsiege bringt, weiß Kubicki selbst natürlich auch. Nach der Veranstaltung in Magdeburg nimmt er sich noch einige Minuten Zeit, um Fragen angereister Reporter zu beantworten. Ob er zufrieden sei mit seinen ersten fast 100 Tagen im Amt? "Der Trend stimmt", sagt der FDP-Chef. Und: "Gott hat für die Erschaffung der Welt auch sechs Tage gebraucht." Was wohl so viel heißen soll wie: Gebt mir noch ein bisschen Zeit. Selbst wenn die Wahlen im Osten jetzt nichts werden, wenn es die FDP in keinen der drei Landtage schafft, geht es doch vielmehr ums bundesweite Abschneiden. Nach der Landtagswahl in Schleswig-Holstein, Kubickis Heimat, ist der wichtigste Stimmungstest dafür der Tag, auf den in der Partei alle blicken, der 25. April 2027. Dann wählt das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen einen neuen Landtag, eine "kleine Bundestagswahl", wie es so oft heißt. Gelingt den Liberalen dort der Wiedereinzug ins Parlament, so sagen es viele innerhalb der Partei, könnte die Auferstehung der FDP noch gelingen. Schafft sie es nicht, droht ihr womöglich das endgültige Aus und auch Kubicki kann dann einpacken. Anfang Juni 2027 trifft sich die FDP zum nächsten ordentlichen Bundesparteitag, wo turnusgemäß auch die Wahl des Vorstands ansteht.



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