Hamburg: Die Straße mit den wohl meisten Geisterfahrern Deutschlands
Je nach Tageszeit führen beide Spuren der Hamburger Sierichstraße in die eine oder andere Richtung. Klingt verwirrend? Ist es auch. Was hinter der einmaligen Verkehrsführung steckt.
Jeden Tag um Punkt zwölf Uhr klappern in der Sierichstraße in Hamburg die Schilder mit dem Richtungspfeil, oft gefolgt von lautem Gehupe. Dann schreiben die umschaltbaren Verkehrszeichen in der Einbahnstraße plötzlich die entgegengesetzte Fahrtrichtung vor. Für Anwohner ist es ein bekannter Umstand. Unter ortsfremden Fahrern sorgt die Verkehrsführung dagegen regelmäßig für Geisterfahrten und Verwirrung.
Dabei ist der Hintergrund der Regelung gar nicht so kompliziert: Um den Berufsverkehr zu entlasten, darf die Sierichstraße von vier Uhr morgens bis zwölf Uhr mittags nur stadteinwärts, von zwölf Uhr mittags bis vier Uhr morgens ausschließlich stadtauswärts befahren werden. Tatsächlich ist diese Straßenführung einmalig in Deutschland und auch im Rest Europas eine Seltenheit.
Anwohner wehrten sich gegen breitere Sierichstraße
Was Hamburg zu der Regelung veranlasst hat? Bäume. Ein Sprecher der Behörde für Verkehr und Mobilitätswende (BVM) sagte dem stern, dass die Stadt während der 1950er-Jahre einen Tunnel unter der Außenalster zwischen den Stadtteilen Uhlenhorst und Rotherbaum plante. Im Zuge dessen sollten die kilometerlange Sierichstraße und die in sie übergehende Herbert-Weichmann-Straße auf vier Fahrstreifen erweitert werden. Hierfür hätten aber viele der Bäume, die die beiden Straßen säumen und das Stadtbild prägen, gefällt werden müssen.
Dieses Vorhaben stieß auf Widerstand unter den Bürgern. Die zum großen Teil dem Bildungsbürgertum angehörenden Anwohner sollen gezielt ihren politischen Einfluss genutzt haben, sagt die Hamburger Behörde. Sie sollen Unterschriften gesammelt und Protestbriefe an die Behörden verschickt und offiziellen Druck auf die Bezirksversammlung und die Hamburger Bürgerschaft ausgeübt haben. „Die Bürger wehrten sich gegen das damals vorherrschende Ideal der ‚autogerechten Stadt‘, bei dem der Lebensraum der Menschen dem Verkehrsfluss geopfert werden sollte“, so das BVM.
Kaum Unfälle trotz verwirrenden Richtungswechsels
Um die Bäume zu erhalten und gleichwohl die Kapazität der Hauptverkehrsstraße zu steigern, wurde in den 1960er-Jahren die wechselnde Einbahnstraßenführung eingerichtet. Die wird durch umschaltbare Verkehrsschilder sowie Ampeln in beiden Fahrtrichtungen angezeigt, die je nach Tageszeit umspringen.
Heute fahren an einem durchschnittlichen Werktag mehr als 10.000 Fahrzeuge die Sierichstraße entlang. Und obwohl die ungewöhnliche Verkehrsführung seit über 60 Jahren besteht, verirren sich laut Anwohnern noch immer regelmäßig Geisterfahrer auf die Straße. Zu vermehrten Unfällen hat das aber laut BVM bisher nicht geführt.
