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Kolumne: Ganz Naher Osten: Revolution!

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Der Osten wählt auch deshalb zur Hälfte den extremen Populismus, weil es die AfD schafft, die 1989er‑Heldenlegende zu vereinnahmen. Zur Revolution gibt es sogar Bratwurst.

Zu den vielen Dingen, die junge Eltern zu ertragen haben, gehört der Medienkonsum ihrer Kinder. Erst einmal müssen sie entscheiden, was gehört und gesehen werden darf – und wie viel. Und dann müssen sie da mit durch – einschließlich Schuldkomplexen.

So gab es leider insbesondere eine Methode, um unsere beiden frühkindlichen Söhne für eine halbe Stunde ruhig zu bekommen. Und das waren die „Teletubbies“. Auf Kinder hat diese grenzdebile TV-Serie eine fast sedierende Wirkung. Für Erwachsene ist sie die reine Folter. 

Aber es wurde besser mit den Jahren. Wir konnten die Jungs sanft zu Sendungen steuern, die wir selbst gerne mitschauten. Zum Beispiel: „Papa Löwe und seine glücklichen Kinder“. 

Die Zeichentrick-Serie basiert auf dem gleichnamigen Janosch-Buch und handelt von einem zottelig-gutmütigen Vater, der versucht, seine siebenköpfige Nachkommenbande zu bändigen. Die Mutter ist seltener zu sehen: Sie muss arbeiten.

Unsere gemeinsame Lieblingsfolge hieß „Revolution“. Die Löwen-Kinder hatten genug von Zähneputzen, Frühaufstehen oder Mathematik („Ich lasse mir doch nicht vorschreiben, dass etwas sieben oder neun ist!“). Plötzlich erschien ihnen aus dem Geschichtsschulbuch der kaiserliche Revolutionsvereinnahmer Napoleon und rief: „Tut, was euch beliebt! Es lebe die Freiheit!“ 

Die Kinder waren begeistert. Sie erklärten ihren verdutzten Eltern, dass jetzt eine „waschechte Meuterei“ beginne, und errichteten auf dem Dachboden eine Revolutionszentrale. „Was haben wir nur falsch gemacht?“, seufzte Mama Löwe wie ein Kanzler aus dem Sauerland. „Sie hatten es doch immer gut bei uns!“

Wir schauten die Folge immer wieder. Die Söhne hüpften auf dem Sofa vor Freude und skandierten die Parolen mit. Das mit der Revolution machte ziemlich Spaß, zumindest im Fernsehen. 

In der Realität sind Revolutionen bekanntlich eher ernste und meist blutige Angelegenheiten. Doch, und das kann ich als Zeitzeuge der ausnahmsweise friedlichen Variante bestätigen: Sie sind immer spannend. 

Ich weiß noch gut, wie viel Schiss ich hatte, als ich im Oktober 1989 gemeinsam mit einem Freund den Aufruf des „Neuen Forums“ an die Wandzeitung in der Oberschule pinnte. Oder wie ich um mein Abitur bibberte, als ich in der Kirche saß und Reden lauschte, die mir etwas zu aufrührerisch erschienen. Ich lernte damals recht viel über meine innere Feigheit. 

Trotzdem, oder gerade deshalb, war alles sehr, sehr aufregend – und beglückend. Wie selbstbewusst ich mich plötzlich fühlte, als ich dann mit tausenden anderen Menschen demonstrierte! Die ganze Angst, sie war einfach weg.

Auch wenn ich, wie es Ilko-Sascha Kolwaczuk an dieser Stelle zu Recht anmerken würde, so wie die allermeisten DDR-Menschen zu lange hinter der sprichwörtlichen Gardine stand: Am Ende kam es zur kollektiven Selbstermächtigung, die sich allerdings schnell verselbständigte.

Von der Revolution zur nationalen Bewegung

Spätestens ab Dezember 1989 wurden die Demonstrationen zu Vereinigungskundgebungen, auf denen neben den DDR-Fahnen, aus denen das Emblem geschnitten war, mitunter Galgen zu sehen waren. Die Revolution fraß die Bürgerrechtler und mutierte zur nationalen Bewegung.

Es existieren sehr, sehr viele Forschungsarbeiten, Analysen (und Kolumnen) darüber, die erklären, wieso bei vielen die Euphorie, die noch etwa ein Jahr andauern sollte, in eine umso größere Enttäuschung mündete. Sie könnten auch in Westdeutschland endlich breiter zur Kenntnis genommen werden.

Wir wissen, dass aus der Massenarbeitslosigkeit eine historische Abwanderung resultierte, die zusammen mit der Geburtenarmut die demografische Struktur deutlich stärker als im Westen veränderte. Wir wissen, dass die Zurückgebliebenen im Ergebnis durchschnittlich bis heute weniger verdienen und deutlich weniger vermögend sind. Und wir wissen, dass sich dies alles prima populistisch ausbeuten und identitär aufladen lässt. 

Dabei vermag die AfD das zu tun, was PDS und Linke als Nachfolgeparteien der SED naturgemäß verwehrt blieb: das alte Selbstermächtigungsgefühl von 1989 reanimieren. 

Ich kann mich noch an meine erste Verblüffung über die Chuzpe erinnern, als zumeist westdeutsch sozialisierte AfD-Politiker damit begannen, die Heldenlegende von 1989 in napoleonischer Manier zu vereinnahmen. „Wir sind das Volk“, riefen sie schon 2015 auf den sogenannten Montagsdemonstrationen. 

Die AfD klaut bei Egon Krenz

Später plakatierten sie in Wahlkämpfen den Spruch: „Vollende die Wende“. Sie ignorierten dabei, dass sie damit den von Egon Krenz eingeführten Begriff benutzten, mit dem er die Macht der Staatspartei retten wollte. Wahrscheinlich wussten sie es einfach nicht besser.

Trotzdem funktionierte es. Oder gerade deshalb. Denn angesprochen wurden ja nicht die wenigen, die – oder deren Eltern – in der DDR-Opposition gewesen waren, sondern die vielen, die zumeist erst auf die Straße gingen, als die Mauer schon gefallen war. Wer sich noch einmal anschaut, wie Helmut Kohl im Dezember 1989 von einer jubelnden, in Schwarz-Rot-Gold gehüllten Menge in Dresden umjubelt wurde, fühlt sich unwillkürlich an die Bilder aus den jüngeren ostdeutschen Wahlkämpfen erinnert.

Indem die AfD die aktuelle Krise des bundesrepublikanischen Systems mit der Erosion der späten DDR gleichsetzt, versucht sie, sich selbst eine pseudorevolutionäre Legitimation zu geben. In ihrer geschichtsklitternden Übersetzung werden aus der CDU, SPD und den Grünen die Blockparteien der Nationalen Front – und wird aus der Bundesregierung das Politbüro. Die AfD selbst hingegen gebärdet sich als Avantgarde des unterdrückten Souveräns.

Spätestens seit der Pandemie verfängt diese grotesk verzerrte DDR-Analogie bei immer mehr Menschen. Die teilweise Willkürlichkeit der Corona-Schutzmaßnahmen wird nicht auf die stupende Überforderung der Beteiligten zurückgeführt, sondern zum angeblichen Beginn einer neuen Diktatur umdemagogisiert. 

Und wie gesagt: Es funktioniert. Ich kenne Menschen, die von montäglichen Corona-Demos zurückkamen und sich mit rotem Gesicht über die Polizei und deren Schikanen berichteten. Es sei wieder wie damals gewesen, sagten sie – und sahen dabei merkwürdig beseelt aus. 

Welches Land sie wohl meinen? 

Ich konnte sie ein wenig verstehen. Ja, Revolution macht Spaß – besonders dann, wenn man auf einem „AfD-Bürgerfest“ nicht nur „Freiheit!“ skandieren darf, sondern auch noch dazu eine Umsonst-Bratwurst vom Grill bekommt, während ein Ulli Siegmund oder wer auch immer „Wir holen uns unser Land zurück!“ ruft. Dass gänzlich unklar bleibt, was das für ein Land sein soll, die falsche BRD aus der Kaffee-Fernsehwerbung, eine virtuelle DDR mit D-Mark oder ein gedachtes Kaiserreich mit iPhone, ist kein Defizit, sondern Programm. 

Jeder darf sich das wünschen, was er will. Genau so funktioniert eine Projektion.

Bei Papa Löwe endete der Aufstand übrigens so: Als die Kinder der Hunger plagt und sie die frischgekochten Nudeln riechen, brechen sie ihre Kampfhandlungen ab, unter der Bedingung, ohne Besteck essen zu müssen. Die Eltern stimmen zu.

Wenn doch alles so einfach wäre. 




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