Sinsheim: Jetzt geht es mit der Stadthalle richtig los
Von Tim Kegel und Christian Beck
Sinsheim. Der 21. Dezember 2017 wird als ein besonderes Datum in die Geschichte der großen Kreisstadt Sinsheim eingehen. Als ein Tag der Klarheit, des Erfolgs und des Aufatmens. Als ein Tag, an dem sich der Gemeinderat erstmals um 12 Uhr mittags zu einer Sondersitzung getroffen hat - nahezu vollzählig. Der Zuschussbescheid für die Sanierung der Stadthalle liegt dem Rathaus seit Mittwoch vor: Drei Millionen Euro aus dem Bundesbauministerium sind sicher. Nach einem Dreivierteljahr angespannten Wartens und zwei Jahre nach Schließung der Halle gingen wichtige Auftragsvergaben am Donnerstag flüssig von der Hand. Ein Rück- und ein Vorausblick.
Kosten und Zuschuss: Den Hauptzuschuss von drei Millionen Euro ergänzen eine Million Euro aus dem Landessanierungsprogramm und 850.000 Euro aus dem Ausgleichsstock. Damit fließen insgesamt rund 4,85 Millionen Euro in das Projekt. Die Gesamtkosten werden mit rund zehn Millionen Euro angegeben.
Warum wird es jetzt so teuer? Dreieinhalb bis vier Millionen Euro waren für die Stadthalle zunächst einmal vorgesehen. Diese Zahl kursiert immer wieder in Sinsheim, ist laut OB Jörg Albrecht aber aus dem Jahr 2002 und "nie richtig berechnet worden". 15 Jahre später sind nicht nur die Preise für Handwerker deutlich gestiegen, sondern auch die Planungen deutlich konkreter geworden. Zu Anfang war beispielsweise vorgesehen, die Trennwand im Saal zu behalten. Doch daraus wird nichts: "Dafür gibt es keine Ersatzteile mehr", erklärt der OB.
Warum stand der Bau so lange still? 2015 wurde mit der Sanierung begonnen. Schnell zeigte sich jedoch: Sie wird aufwendiger als gedacht. Der Gemeinderat diskutierte deshalb über einen Neubau, entschied sich aber dagegen. Schließlich ließ der Zuschuss über drei Millionen Euro lange auf sich warten. Vor dessen Erhalt durfte nicht weitergebaut werden - mit Ausnahme des Rückbaus, der seit rund zwei Monaten läuft.
Warum dauerte es mit dem Zuschuss so lange? Genaues wusste Albrecht gestern nicht, sprach kryptisch von "dem Geheimnis anderer". Fakt ist, dass von der Zusage bis zum endgültigen Bescheid über neun Monate vergingen. Ein weiteres Jahr zog vorher schon ins Land, als einem ersten Zuschussantrag nicht stattgegeben wurde. Im Herbst wurde bekannt, dass das in Bonn sitzende Ministerium ein externes Büro mit der Zuschussprüfung beauftragt hat - für Sinsheim ein erneuter Zeitverlust.
Interner Nervenkitzel: So beschrieb OB Albrecht die Zeit des bangen Wartens. Das Verfahren war aufwendig. 17 Leitzordner zum Projekt wurden vorbereitet und per Kurierdienst ins Ministerium gefahren - zwei Mal nach Bonn, ein weiteres Mal an das bearbeitende Büro. Drei Mal waren Gutachter zur Beurteilung des Vorhabens in Sinsheim. Manuel Vierling, einer der für die Stadthalle zuständigen Finanzsachbearbeiter im Rathaus, wurde nach der Anzahl seiner Anrufe im Ministerium gefragt: 30? "Reicht nicht", sagt er. Manchmal, gibt ein abgekämpfter aber glücklicher Jörg Albrecht zu, habe er sich in der Zeit der Unsicherheit im Chefsessel "ganz schön einsam" gefühlt: "Sie wollen sich nicht vorstellen", sagt er, "wie es dann in der Seele eines Oberbürgermeisters aussieht - oder der eines Dezernenten."
Gab es Alternativen zum Zuschuss? OB Albrecht und Kämmerer Ulrich Landwehr agierten durchaus verwegen: "Es gab keinen Plan B", versichern sie. Man habe von Anfang an aber deutlich kommuniziert, "dass wir ohne diesen Zuschuss die Halle nicht bauen können."
Welche Arbeiten passieren in naher Zukunft? Gestern haben die Stadträte einstimmig Aufträge für zehn Gewerke mit einem Volumen von rund fünf Millionen Euro vergeben (siehe Kasten). Laut Baudezernent Tobias Schutz sind somit 68 Prozent der Aufträge des so titulierten "Quasi-Neubaus" erledigt. Ein nächstes Vergabebündel umfasst Trockenbau, Schreinerarbeiten, Küche, Fliesen, Parkett, Bodenbelags- und Malerarbeiten.
Wieso kein kompletter Neubau? Ein Neubau würde "deutlich teurer kommen", sind sich Stadtverwaltung, aber auch nahezu alle Gemeinderäte und viele Bauexperten einig. Das lasse sich erklären, sagt Tobias Schutz: Wegen des morastigen Bodens in Elsenznähe sitzt die Stadthalle auf vielen Dutzend Pfählen bis in zwölf Metern Tiefe. Ein Komplett-Abriss des Rohbaus hätte auf neuen Pfählen aufgebaut und statisch komplett neu berechnet werden müssen. Wie aufwendig solche Pfahlgründungen sind, zeigt sich zurzeit am Wohnquartier Elsenz Mitte am Kopf der Muthstraße. Auch hätte es dann zwar keine Sanierungszuschüsse gegeben, wohl aber beträchtliche Rohbaukosten. Die Zusatzkosten - so hat es das Baudezernat errechnet - hätten im Fall eines Neubaus bei rund vier Millionen Euro gelegen.
Was bleibt erhalten - was ändert sich? Sicher ist der Erhalt einiger der prägnanten bunten Betonelemente der früheren Außenwand. Auch Deckenteile und der frühere Brunnen lagerten "sicher im Bauhof". Dass man sie an der sanierten Halle arrangiert, ist sicher; wie, jedoch noch nicht. Optisch blieben die Architekten zwar dem Brutalismus-Stil treu, der zur Zeit sogar eine Renaissance erfährt, weiten das Gebäude aber mit mehr Glas, heller Fassade, autofreiem Vorplatz, begehbarem Dach und Säulen auf.
Hätte mehr gerettet werden können? Nein, sagt der Baudezernent. Nichts werde ohne technischen Grund geändert - so beispielsweise beim Parkettboden aus dickem Tropenholz, der laut Schutz aufgrund eines Wasserschadens nicht zu retten war.
Was passiert mit der Stadtbücherei? Sie zieht vom Provisorium in der Werderstraße wieder ins Untergeschoss der Stadthalle um und soll bedeutend größer werden. Der Wegfall der Gastronomie macht’s möglich.
Lässt sich der Zeitplan halten? Ja, sagt das Baudezernat; aus diesem Grund auch die gestrigen Vergaben. Sogar ein konkreter Eröffnungstermin ist laut OB Albrecht schon gesetzt - für den 15. Dezember 2019, einen Sonntag. Ziel ist auch, dass die Generalversammlung der TSG 1899 Hoffenheim 2019 bereits in der Stadthalle stattfinden kann; sowieso der Neujahrsempfang der Stadt Sinsheim im Jahr 2020.
