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Июнь
2018

TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 22. Juni 2018 von Anita Heubacher - Wer nichts weiß, muss alles glauben

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Eine funktionierende Demokratie braucht ein Mindestmaß an politischer Bildung. Daran hapert es aber nicht nur an Schulen, sondern auch bei Erwachsenen. Eine entpolitisierte Gesellschaft wählt, wenn überhaupt, die Vertreter für alle. Politische Bildung an Österreichs Schulen hängt stark vom Engagement der Lehrer ab. Als eigenes Fach wird es nach wie vor nur an Berufsschulen unterrichtet. Seit 2016 ist die politische Bildung ein Anhängsel, pardon Modul, im Pflichtfach Geschichte an AHS und Neuen Mittelschulen. Zum eigenen Fach hat es die politische Bildung auch nach jahrelangen Diskussionen nicht geschafft. Zu groß war die Angst vor politischer Einflussnahme und je nach Blickwinkel betrachtet, die Einflussnahme in die falsche Richtung. Österreich war ein Vorreiter beim Wählen mit 16, aber ist in der EU immer noch ein Nachzügler bei politischer Bildung.

Dieses Manko wurde früher eher noch durch ein politisiertes Umfeld ausgeglichen, heute bleibt es zum größten Teil bestehen, auch weil Erwachsene sich zunehmend entpolitisieren. Galt es noch vor einem Jahrzehnt als peinlich, nichts von politischen Debatten mitzubekommen und die Protagonisten vom Bundeskanzler abwärts nicht zu kennen, grinsen heute Erwachsene ihre Unwissenheit in Fernsehkameras. Zum Gaudium des Publikums, das sich beruhigt zurücklehnen kann: Die eigene Unwissenheit befindet sich in bester Gesellschaft.

Zur Politikverdrossenheit haben etablierte Medien viel beigetragen. Installiert als vierte Macht im Staat und per Definition dazu berufen, den Regierenden auf die Finger zu schauen, hat sich die Branche teilweise überdribbelt und ein äußerst negatives Bild der Politik gezeichnet. Die Art der Berichterstattung konnte sich jedoch der Rezipient aussuchen. Heute trifft ein Algorithmus diese Entscheidung. Die, die sich ausschließlich oder vorwiegend über Facebook und Co. informieren, stecken in einer Filterblase fest und bekommen die Nachrichten serviert, die eine Maschine für sie zusammenstellt. Wie einen gemeinsamen, öffentlichen Diskurs zustande bringen, wenn jeder in seiner Blase lebt?

Auf dem jeweiligen, mitunter auch dürftigen, Wissensstand fällt nun die Entscheidung an der Wahlurne. Wer nichts weiß, muss alles glauben. Das ist in der Demokratie besonders bitter, weil es den Wahlausgang beeinflusst, den dann alle zur Kenntnis nehmen müssen. An dieser Stelle sei auf die Präsidentschaftswahlen in den USA, die dortigen Wahlmanipulationen über Social Media und den jetzigen Präsidenten Donald Trump verwiesen. Entpolitisierung tut der Demokratie und dem gedeihlichen Zusammenleben einer Gesellschaft nicht gut. Es steht also viel auf dem Spiel.




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