Nach dem Aus richtet sich der Bayern-Frust auf den Schiedsrichter. Während Experten über Fehler streiten, steht João Pinheiro bereits vor seinem nächsten Karriereschritt. Mit "Gutes Omen für Bayern" und "Deutscher 'Glücksbringer'?" verkündeten die deutschen Medien die Schiedsrichterbesetzung vor dem Halbfinal-Rückspiel der Champions League zwischen dem FC Bayern und Paris Saint-Germain. Unter der Leitung von João Pinheiro gewann der deutsche Rekordmeister saisonübergreifend immerhin zwei Partien in der "Königsklasse". Zunächst 3:1 gegen Bratislava im Vorjahr, dann 2:1 bei Eindhoven vor wenigen Monaten. Das dritte Duell, für das nach dem torreichen Halbfinal-Hinspiel gegen den Titelverteidiger (4:5) ein weiteres Spektakel erwartet worden war, endete weniger erfolgreich aus Sicht der Bayern. Die Münchner kamen im Halbfinal-Rückspiel gegen PSG vor heimischer Kulisse nicht über 1:1 hinaus und schieden aus der Champions League aus. Im Fokus stand nach intensiven 90 Minuten nur der im Vorfeld vermeintlich gehandelte "Glücksbringer" Pinheiro. "Es ist mindestens erstaunlich", sagte Bayerns Vorstandschef Jan-Christian Dreesen, "dass ein Schiedsrichter ein Halbfinale pfeift, der auf seiner Haben-Liste nur 15 Champions-League-Spiele stehen hat". Das sei ungewöhnlich und erkläre "vielleicht auch manchen Pfiff". Was Dreesen damit meinte: Pinheiro, seit 2016 Fifa-Schiedsrichter, zog den Unmut der Bayern in mindestens drei Spielszenen auf sich. Dennoch führt seine Karriereleiter nur nach oben. Drei Szenen im Fokus Schon in der 23. Minute redete sich der frühere Nationalmannschaftskapitän und heutige TV-Experte Michael Ballack in Rage, als Pinheiro einen aussichtsreichen Angriff von Harry Kane wegen einer vermeintlichen Abseitsstellung abpfiff. "Das ist eine Riesenfehlentscheidung", polterte Ballack. Ein Fehler, wie Schiedsrichterlehrwart Lutz Wagner auch der Sportschau bestätigte, "da es eine torgefährliche Angriffssituation ist". Die Szene hätte im Nachhinein immer noch geprüft werden können. Schwerer wogen aus Bayern-Sicht aber die beiden Handszenen. In der ersten (29. Minute) sah nicht nur der frühere Weltmeister Sami Khedira den deutschen Rekordmeister "krass benachteiligt". Der bereits verwarnte Nuno Mendes unterband einen Konter mit dem Arm, die Bayern forderten Freistoß und Gelb-Rot. Schiedsrichter Pinheiro aber wollte auf Hinweis seines Assistenten unmittelbar zuvor ein Handspiel von Konrad Laimer erkannt haben – und pfiff Freistoß für PSG. "Das ist eine krasse Fehlentscheidung. Damit greift der Schiedsrichter in ein wunderbares Fußballspiel von zwei tollen Mannschaften ein, das den Spielern gehört", resümierte Khedira. Zwei Minuten später verloren die Münchner endgültig die Fassung. PSG-Verteidiger João Neves lenkte den Ball nach einem Befreiungsschlag seines Kollegen Vitinha im eigenen Strafraum mit der Hand ab. Dass Pinheiro keinen Strafstoß verhängte, war in diesem Fall korrekt. In seinen Erläuterungen zur Handspielregel schreibt das International Football Association Board (Ifab), dass kein Vergehen vorliegt, wenn der Ball vom Mitspieler kommt. Drei Szenen, die den Bayern übel aufstießen – und nur bedingt Unterstützung genießen. Der langjährige Erstliga-Schiri Bruno Derrien widersprach allen Kritikern und ordnete Pinheiros Leistung ein: "Ich glaube, dass er das Spiel gut im Griff hatte. Es war natürlich nicht einfach, die Bayern haben ihn unter Druck gesetzt, besonders bei der Handszene. Aber er hat es geschafft, die Spielkontrolle zu bewahren." Die portugiesische Zeitung "A Bola" sprach Pinheiro in seiner Heimat zwar nicht eindeutig frei, betrachtete die Handszene mit Nuno Mendes aber auch nur nüchtern: "Die Aktion hat den Auftritt von Pinheiro zu einem der am meisten diskutierten Themen des Spiels gemacht." Am Ende half nichts, die Bayern sind aus der Champions League ausgeschieden. Und Pinheiro? Der feiert im Sommer Premiere: Die Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada wird das erste große Turnier für den 38-Jährigen. "Schlechtes Omen" für ein deutsches Team Bayern-Star Konrad Laimer wird wohl hoffen, dass Pinheiro kein WM-Spiel Österreichs leiten wird. Bereits im November im WM-Qualifikationsspiel zwischen dem ÖFB-Team und Bosnien-Herzegowina nahm Pinheiro ein Treffer von Laimer zurück. Laimer soll 30 Sekunden vor seinem Tor ein Foul begangen haben. Für seine Proteste sah der Profi Gelb. Pinheiro ist seit 2016 Fifa-Schiedsrichter, obwohl er erst 2014 seine ersten Spiele in der portugiesischen Segunda Liga als Unparteiischer bestritt. Ein Jahr später wurde er in die erste Liga beordert, kommt seither auf 190 gepfiffene Partien. In der vergangenen Saison wurde der 38-Jährige in die Gruppe der Uefa-Elite-Schiedsrichter hochgestuft. 2019 pfiff er erstmals ein Spiel im Europapokal, in der Saison 2022/23 leitete er sein erstes Duell in der Champions League. Kurios: Am Mittwochabend pfiff Pinheiro dennoch erst sein 15. "Königsklassen"-Spiel, das achte in dieser Saison. Und aus deutscher Sicht gilt er durchaus als "Glücksbringer": Eintracht Frankfurt trennte sich bei Pinheiros Saison-Premiere 0:0 von Neapel, Bayer Leverkusen gewann 2:0 bei Manchester City . Einzig RB Leipzig kassierte unter seiner Leitung 2022 eine 1:4-Niederlage gegen Schachtar Donezk sowie 2024 ein 0:1 bei Inter Mailand . Dass Pinheiro nun das Champions-League-Halbfinale leitete, ist ein Nachweis dafür, dass die Uefa große Stücke auf ihn hält. Das Duell wurde aber auch fraglos zu seiner größten Herausforderung auf ungewohntem Terrain: Bis dato leitete er einzig das Achtelfinale zwischen Aston Villa bei Club Brügge im März 2025.